Zoneneinteilung bleibt ungerecht

Südwest Presse, UWE ROTH | 

Die Mobilitätsflatrate in Form von Monats- oder Jahreskarten ist im Verkehrsverbund Stuttgart stark im Kommen. Das Tarifsystem für Einzeltickets bleibt dagegen kompliziert – und häufig ungerecht.

Firmentickets, Umwelttickets, Monats- und Jahresangebote für Schüler, junge Erwachsene, Studierende, Auszubildende und Senioren – der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) erfasst nach und nach jene Personenkreise, für die eine Ticket-Flatrate finanziell attraktiv sein könnte. Fürs Telefonieren und Internetsurfen ist ein monatlicher Pauschalbetrag inzwischen die Norm. Bei Bussen und Bahnen ist das anders. Wer nicht wie ein Pendler täglich die gleiche Strecke zu fahren hat, wählt nach Erkenntnissen des VVS in der Regel lieber ein Einzel- oder Mehrfahrtenticket.

Die finanzielle Hürde für den Wechsel zu einer Pauschale liegt hoch: Eine Zwei-Zonen-Monatskarte (Jedermann-Ticket) etwa kostet 83 Euro, ein Viererticket für zwei Zonen im Vergleich dazu 10,60 Euro. Zum Preis der Monatskarte fährt man mit dem Kauf von acht Vierertickets 32 Mal. Im Tarifdschungel ist ein Taschenrechner gefragt, um die günstigere Variante wählen zu können.

Der Verband Region Stuttgart (VRS) ist der größte öffentliche Gesellschafter des VVS. Von dort – insbesondere aus der Regionalversammlung – gibt es immer wieder Anläufe, die Tarifstruktur transparenter zu machen. Das VVS-Netz ist seit 1978 kontinuierlich gewachsen und deckt heute neben der Landeshauptstadt die fünf Landkreise in der Nachbarschaft ab. Die einzelnen Tarifzonen legen sich wie Baumringe um die Landeshauptstadt. Kompliziert wird es aber erst dadurch, weil die Ringe außerhalb Stuttgarts nochmals unterteilt sind.

So kommt der Verbund auf die stattliche Zahl von 47 Zonen. Manchmal verläuft eine Zonengrenze mitten durch eine Gemarkung. Dann kann es sein, dass ein VVS-Kunde für seine Jahreskarte rund 300 Euro mehr zahlt, weil sein Wohngebiet in der fünften und nicht mehr in der vierten Zone liegt.

Der VRS-Verkehrsausschuss hat vorgeschlagen, einige Zonen zusammenzulegen – nicht zum ersten Mal. Er hält die Zoneneinteilung schon lange für ungerecht, da die Stuttgarter im Unterschied zu den Menschen im Umland vergleichsweise wenig für ein großes Angebot bei Bus und Bahn bezahlen. Konkret sollen die Zonen 30 bis 39 zu einem Ring zusammengefasst werden. „Die Idee ist nicht neu“, sagt VVS-Geschäftsführer Horst Stammler. 2009 sei diese Möglichkeit bereits untersucht und berechnet worden, dass bei einer Zusammenlegung dieser Zonen mit einem Einnahmeausfall von etwa fünf Millionen Euro zu rechnen wäre. Damals habe sich jedoch niemand unter den VVS-Gesellschaftern gefunden, der bereit gewesen wäre, das Defizit zu übernehmen.

Nun habe der VVS anhand neuester Fahrgastzahlen die Berechnungen aktualisiert und sei dabei in etwa zum gleichen Ergebnis gekommen: fünf Millionen Euro Mindereinnahmen wären auszugleichen. Bei Gesamteinnahmen von einer halben Milliarde Euro im Jahr könne man sich durchaus die Frage stellen, „ob im Vergleich dazu fünf Millionen ein großer oder kleiner Betrag ist“, überlegt Stammler.

In einer Tarifklausur im Frühjahr sollen weitere Vorschläge diskutiert werden, um noch mehr Kunden an den VVS zu binden. „80 Prozent sind heute schon Stammkunden“, sagt Stammler. Der Weg führt für ihn über attraktive Pauschalangebote, also über eine Flatrate, zu denen auch günstige Tageskarten für Gelegenheitsfahrer zählten. Sowohl beim VVS als auch beim VRS hält man es für wenig aussichtsreich, die Einteilung der Zonen komplett entrümpeln zu wollen – auch wenn dies die beste Lösung wäre. Das sei weder finanzier- noch politisch durchsetzbar, heißt es. Beim VVS und VRS setzt man indes neben Flatrates auf die Smartphone-Technik. Sie soll den Blick auf die Zonen überflüssig machen und das günstigste Ticket für den Fahrgast auswählen.

Unterschiedliche Interessenlage auf dem Land und in der Stadt

Mischverbund Der Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) ist ein Mischverbund, der sich je zur Hälfte aus Verkehrsunternehmen und aus Aufgabenträgern (öffentliche Hand) zusammensetzt. Auf der Seite der öffentlichen Hand sind das Land Baden-Württemberg, der Verband Region Stuttgart, die Landeshauptstadt Stuttgart und die Verbundlandkreise Gesellschafter des VVS. Auf der Seite der 40 Verkehrsunternehmen neben den zahlreichen Unternehmen des Umlands die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) und die DB Regio AG. Aber auch die SSB steht unter kommunaler Aufsicht. Um zu einer Einigung zu kommen, braucht es das Einverständnis einiger kommunaler politischer Gremien. Zündstoff bietet der Umstand, dass die Kommunen in ländlichen Gegenden andere Interessen haben, als die, die nah bei Stuttgart liegen. uro

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