Zeitplan für Stadtmuseum in Gefahr?

Südwest Presse, Autor: UWE ROTH, 28.06.2016

STUTTGART: Der Umbau des Wilhelmspalais zum Stadtmuseum ist im Zeitplan. Doch der scheint gefährdet, seit die CDU im Rathaus auf Änderungen drängt.

Wenn jemand über die Kritik der CDU an der längst beschlossenen Konzeption des künftigen Stuttgarter Stadtmuseums Bescheid wissen müsste, dann Anja Dauschek. Doch offiziell weiß die Leiterin des Planungsstabs im Kulturamt der Stadt nichts über eventuelle Änderungswünsche der Christdemokraten, denen sich auch die Grünen im Gemeinderat angeschlossen haben. Das bestätigt die Chefplanerin am Freitag auch der Besuchergruppe auf der Baustelle an der Konrad-Adenauer-Straße zwischen Landesbibliothek und
Charlottenplatz. Amtlich ist lediglich, dass CDU und Grüne zwei wichtige Ausschreibungen auf Eis gelegt haben.
Voraussichtlich am 11. Juli wird die promovierte Volkskundlerin Näheres erfahren. An diesem Tag treffen sich der Museumsbeirat und die Fraktionsvorsitzenden bei Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne). „Wenn es Optimierungsbedarf gibt, werden wir bei dieser Gelegenheit darüber sprechen“, sagt sie und ist überzeugt, dass lediglich Kleinigkeiten zu regeln seien, die das Gebäude selbst gar nicht beträfen. Im Moment seien die Umbauarbeiten voll im Zeitplan, und diesen sieht Dauschek durch den Vorstoß der CDU nicht gefährdet. Das Stadtmuseum soll im kommenden Jahr nach dreijähriger Umbauzeit in Betrieb gehen. Eingeplant sind Investitionskosten von mehr als 38 Millionen Euro.
Doch zwei Wochen bis zur offiziellen Aussprache will die SPD-Fraktion nicht warten. Am heutigen Dienstag tagt der Ausschuss Kultur und Medien im Stuttgarter Rathaus. Der kulturpolitische Sprecher der Fraktion, Dejan Perc, will in der Sitzung Klartext reden und von der CDU erfahren, was „die Geheimniskrämerei“ um die blockierten Ausschreibungen für die Innenausstattung und Besetzung der Museumsdirektion soll. Erst sei die
Diskussion darüber zweimal verschoben worden. „Jetzt taucht das Thema in der Tagesordnung gar nicht mehr auf“, entrüstet sich der SPD-Politiker. Ihm missfällt zudem, dass darüber bislang in nichtöffentlicher Sitzung debattiert wurde, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit. „Das Museum ist für die Bürger gedacht, also sollte auch offen darüber diskutiert werden“, sagt Perc.
Die SPD stört sich vor allem an der Art und Weise, wie die Fraktion nach ihrer Auffassung von der CDU hingehalten wird. Es gehöre zwar zum guten Stil, dem Vertagungswunsch einer Fraktion aufgrund Beratungsbedarfs zu entsprechen, heißt es in einer Mitteilung. Ungewöhnlich sei jedoch, wenn eine Fraktion einer Konzeption zustimme, anschließend in Fachausschüssen Vertagungen beantrage, sich dann wochenlang in Schweigen hülle und schlussendlich über die Presse Gerüchte über eine Neukonzeption auftauchten. Ein Gerücht betrifft das geplante Museumscafé im ersten Obergeschoss. Nach Überzeugung der CDU steckt darin mehr Potenzial. Nach derzeitigem Stand wird es während der Museumszeiten in Betrieb sein, also von Dienstag bis Sonntag, jeweils von 10 bis 18 Uhr, an einem Tag bis 21 Uhr.
Der CDU ist das zu konventionell. Sie kann sich vorstellen, dem künftigen Gastronomen eine größere Eigenständigkeit zu geben, um auch Gäste anzulocken, die gar nicht ins Museum wollen. Die zugehörige Terrasse sei in den Sommermonaten ein idealer Treffpunkt für ein Feierabendbier. Die CDU spricht aus Erfahrung: Das Gebäude wurde bereits schon einmal für einige Zeit als Café genutzt.
Eine größere Gastronomie sei baulich nicht vorgesehen, sagt dagegen die Planungsstabsleiterin Dauschek. Sollte daran etwas geändert werden, müssten die Architekten nochmals ans Werk. Ein weiterer Kritikpunkt der CDU ist die Fläche für Wechselausstellungen, die ihr mit 500 Quadratmetern überdimensioniert erscheint. Zwei Ausstellungen jährlich sind dort vorgesehen. CDU-Fraktionschef Alexander Kotz äußerte Zweifel daran, dass es den Museumskuratoren gelingt, so viele attraktive Themen mit Stuttgart-Bezug zu finden. Anja Dauschek sieht das wiederum völlig anders. Mögliche Themen für die kommenden Jahre hat sie bereits im Kopf – und nennt als Stichworte den RAF-Terrorismus und Stuttgart 21. Vielleicht haben auch solche kritischen Themen die CDU misstrauisch gemacht.
Warum sich die Grünen auf die Seite der CDU gestellt haben, „das erschließt sich mir nicht so ganz“, sagt Dejan Perc. Bei der SPD ist an dieser Stelle Misstrauen angebracht. Denn Grüne und CDU haben bereits bei der Haushaltsplanung gemeinsame Sache gemacht und die SPD als drittgrößte Fraktion abgehängt. Und so vermutet Perc, dass die Suche nach Einsparmöglichkeiten die beiden Fraktionen erneut zu Koalitionären gemacht haben könnte. Eine größere Gastronomie brächte mehr Pachteinnahmen, weniger Fläche für
Sonderausstellungen geringere Personalkosten. So könnte der jährliche Zuschuss von 3,5 Millionen Euro für den Museumsbetrieb reduziert werden.

Infokasten

Umbau seit 2014

Grundsteinlegung Das Gebäude am Charlottenplatz wurde zwischen 1834 und 1840 erbaut. Bauherr war Wilhelm I. von Württemberg. Im November 1918 vertrieben Revolutionäre König Wilhelm II aus dem Palais.
Wiederaufbau Seit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg nutzt die Stadt Stuttgart den
repräsentativen Bau am Rande der City, der im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört und in den 1960er Jahren wieder aufgebaut wurde. Nach Fertigstellung zog dort die Stadtbücherei ein.
Umnutzung Nachdem die Stadtbücherei an den Mailänder Platz umgezogen war, wurde 2014 mit dem Umbau zum Stadtmuseum begonnen. Dazu wurde das Gebäude komplett entkernt. Beauftragt sind die Architekten Lederer, Ragnarsdóttir, Oei. Für die ständige Ausstellung werden 900 Quadratmeter geschaffen. uro

 

Print Friendly, PDF & Email