Zahnarzt Henrik Putze in seiner Praxis in Stuttgart. Er zeigt die Geräte, in denen die Instrumente sterilisiert werden. Foto: Uwe Roth

Zahnärzte fühlen sich zu sehr auf den Zahn gefühlt

SWP Uwe Roth 24.10.2017

Praxeninhaber in der Region Stuttgart empfinden die Kontrollen ihrer Geräte als zu streng. Das Regierungspräsidium hält die Vorgehensweise für angemessen. Von Uwe Roth

Unter Zahnärzten in der Region sind die zwei Kontrolleure des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart gefürchtet. Sie seien über die Maße akribisch, klagen die Dentisten. Dass ihre medizinischen Gerätschaften von offizieller Seite regelmäßig überprüft werden, finden sie richtig. Doch sie fühlen sich gegängelt, weil nach ihrer Überzeugung in den übrigen Landesteilen weit weniger streng und bürokratisch kontrolliert wird.

Die Klagen aus den Praxen haben sich derart gehäuft, dass nun der Präsident der Landeszahnärztekammer, Torsten Tomppert, und die Präsidentin der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, Ute Maier, jeweils getrennt an die Öffentlichkeit gegangen sind. Maier sagt: „Für uns steht Hygiene an oberster Stelle. Das steht außer Frage. Aber bei mancher Vorschrift muss man sich schon fragen: Macht das überhaupt noch Sinn?“

Zahnärztekammer fordert regelmäßige Gespräche

Ihr Kollege Tomppert fordert „einen runden Tisch, an dem Zahnärzte und Vertreter aller vier Regierungspräsidien regelmäßig über offene Fragen zu den Kontrollen diskutieren“. Es gäbe eine Vielzahl unterschiedlicher Vorschriften in diesem Bereich, die an manchen Stellen Spielraum für Interpretationen böten. Ziel müsse sein, überall im Land die Zahnarztpraxen nach gleichen Standards zu prüfen. „Derzeit gibt es verschiedene Ausprägungen von Begehungen – von gar nicht, über angemessen bis zu ganz intensiv wie in Stuttgart“, stellt Tomppert fest.

Aufbereitungsraum der Zahnarztpraxis im Fokus

Bei der Begehung einer Praxis interessieren sich die Kontrolleure des RP vor allem für den Raum, in dem der Zahnarzt seine zahllosen Dentalinstrumente reinigen und sterilisieren lässt. Die gesetzlichen Anforderungen an die Hygiene sind im sogenannten Aufbereitungsraum nicht weniger streng als im OP-Bereich eines Krankenhauses. Schließlich fließt bei einer Zahnbehandlung nicht selten Blut. Deswegen gilt der Einsatz von Bohrer, Feilen und Harken als minimalinvasive Operation, bei der Keime ins Blut des Patienten geraten könnten.

Zahnarzt Hendrik Putze hat in seine Stuttgarter Praxis eingeladen, um den Aufwand zu demon strieren, der vorschriftsgemäß für die Hygiene betrieben wird. Er sieht sich als Leidtragender der „ganz intensiven Kontrollen“, wie es sein Kammerpräsident ausdrückte. Putze schildert seinen Ärger: „Ich stand kurz vor der Renovierung meiner Praxis, als das RP eine Begehung angekündigt hat.“ Er habe um eine Verschiebung der Kontrolle bis nach dem Umbau gebeten. Vergeblich. So musste er mit einigem Kostenaufwand provisorisch ein paar Änderungen vornehmen.

Skurrile Mängelliste

Als bürokratische Schikane empfindet er wiederum die Hinweise auf der Mängelliste, dass er es versäumt habe, sein Personal schriftlich darauf hinzuweisen, dass medizinische Einwegprodukte tatsächlich nur einmal verwendet werden dürften. Handbücher zu den technischen Geräten, so ein weiterer Aufreger, müssten in einer aktuellen gedruckten Version bereitliegen, obwohl sie auf der Internetseite des Herstellers jederzeit online zur Verfügung stünden. Zeitaufwendig sei zudem die Anweisung, jeden Reinigungsvorgang zu dokumentieren und zu archivieren – auch solche ohne irgendwelche Auffälligkeiten.

Das Regierungspräsidium Stuttgart zeigt wenig Verständnis für die Klagen der Zahnärzte und ihren Verdacht, dass in den übrigen Regierungsbezirken weniger intensiv kontrolliert werde. In einer ausführlichen Stellungnahme betont ein RP-Sprecher: „Die Personalkonstellation und die Situation hinsichtlich der Überwachung im niedergelassenen Bereich sind in allen vier Regierungsbezirken ähnlich.“ Für Zahnarztpraxen mit chirurgischer Ausrichtung sei eine Kontrolle alle sechs Jahre vorgesehen.

RP verteidigt Null-Toleranz-Linie

Alle übrigen Praxen würden ohne bestimmte Fristen kontrolliert – je nach vorhandenem Personal. Im Regierungsbezirk Karls ruhe kämen Kontrolleure nur dann in eine Praxis, wenn Beschwerden laut würden. Insgesamt allerdings mussten die Regierungspräsidien, so das Fazit des Sprechers, „in wirklich seltenen Fällen“ Sanktionen aussprechen, zu denen auch Zwangsgelder gehörten.

Im Übrigen verteidigt der RP-Sprecher die gegenüber Putze gezeigte Null-Toleranz-Linie: Ein Praxisinhaber müsse zu jedem Zeitpunkt sicherstellen, dass „von seinen Instrumenten keine gesundheitliche Gefährdung für die Patienten ausgeht“. Falls dem nicht so sei, müsse er seine Patienten „an einen geeigneten Dritten abgegeben, bis in der eigenen Praxis die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind“.

Siehe auch:

http://journalistroth.eu/laendlicher-raum-gegen-strukturdefizite-mobilmachen/

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