Billige Lebensmittel: Wenn sich Lachs unter der Panade versteckt

Sonntag Aktuell Uwe Roth 19.07.2009

Billig der Inhalt, pompös die Verpackung. Lebensmittel gaukeln Wertigkeit oft nur vor, stellt Sonntag Aktuell in einem Beratungsgespräch mit der Verbraucherzentrale fest. Aber es ist alles legal.

Die Redaktion kauft ein – Lebensmittel beim Discounter um die Ecke. Anschließend steht ein Termin bei Christiane Manthey von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg an. Die Ernährungsexpertin wird einen Kennerblick aufs Etikett werfen, um zu erläutern, was man sich tatsächlich in die Einkaufstasche gepackt hat. Wir wollen es ihr nicht einfach machen, also kein Dosenfutter mit Verfallsdatum am Sanktnimmerleinstag aus den Regalen holen, kein offensichtliches Junkfood, das der Diskussion nicht wert ist. Beim Einkauf denken wir an eine vierköpfige Familie, bei der es in der Küche durchaus schnell gehen muss und die nicht das Budget für den Bioladen hat.

Es kommt einiges auf den Beratungstisch, was der Ernährungsfachfrau Kopfzerbrechen bereitet. Um es vorwegzunehmen: Zwei Packungen mit Wurst sind so mangelhaft beschriftet, dass der Discounter von der Verbraucherzentrale demnächst eine Abmahnung ins Haus bekommen wird. In der Regel ist die Kennzeichnung aber in Ordnung, beruhigt Christiane Manthey, jedoch oftmals nur im juristischen Sinn sowie bei einem aufgeklärten Verbraucher mit Sinn fürs Kleingedruckte.

Aromen und Zucker in der Panade

Zum Beispiel die lecker anmutenden Wildlachssticks, die aussehen wie dünne Fischstäbchen und auf den Kindergeschmack abzielen. „Natürliches Omega 3“ und „hochwertiges Eiweiß“ steht auf der aufwendigen Verpackung, dazu der Aufdruck, es sei nur zertifizierter Fisch aus nachhaltiger Fischerei verwendet worden. „Mag ja alles sein“, sagt die Ernährungsberaterin und schaut, wie viel Fisch unter der dicken Panade zu finden ist. Tatsächlich macht der Lachsanteil weniger als die Hälfte des Gesamtgewichts aus. Dazu stecken in der Panade Geschmacksverstärker, Aromen und Zucker. „Lachs muss man nicht panieren“, stellt sie fest und vermutet, dass die geringe Fischmenge unterm Strich nicht günstiger ist als frischer Lachs aus der Fischtheke.

Mit dem Pfirsich-Maracuja-Joghurt verhält es sich ähnlich: Das vermeintlich Wertvolle, die Frucht im Milchprodukt, ist in dem 250-Gramm-Becher, kaum zu finden. Zwölf Prozent sind es gerade mal. Ein Schnitz Pfirsich, ein Schnitz Maracuja. Weil das nicht genügt, um dem Joghurt ausreichend Geschmack zu geben, hilft der Hersteller mit Aromen und viel zugesetztem Zucker nach. Für die Ernährungsexpertin ein klarer Fall für die „rote Ampel“, die Verbraucherschützer seit langem fordern, die von der Industrie und der Bundesregierung jedoch abgelehnt wird, weil sie scheinbar den Verbraucher entmündigt.

Das Kleingedruckte sagt alles

So aber muss dieser sich durch ellenlange Tabellen und Listen in Minischriftgrößen quälen, deren Zahlenangaben nur mit einem Taschenrechner verständlich werden. Da gibt es neben der Nährwerttabelle berechnet auf der Basis von 100 Gramm die vom Hersteller empfohlene Tagesmenge GDA für Guideline Daily Amounts mit den Prozentangaben der fürs Körpergewicht relevanten Inhaltsstoffe.

„Der Hersteller kann die Portionsgröße selbst bestimmen und damit die Harmlosigkeit vorgaukeln“, sagt Manthey und zeigt als Beispiel auf einen Seelachssalat. 150 Gramm passen in den kleinen Becher, etwa eine Handvoll. Dass davon wiederum nur 30 Gramm Lachs sind, ist die eine Sache, dass die empfohlene Portionsgröße vom Hersteller auf nur 80 Gramm begrenzt ist, die ernährungsphysiologisch bedenkliche. Denn ein normaler Esser macht den Minibecher locker leer, ist die Verbraucherschützerin überzeugt. Macht er das, ist sein Fettbedarf für den ganzen Tag gedeckt, bei Salz ist es immerhin die Hälfte, und sogar zwei Stück Zucker gibt es obendrein.

Alternative: Naturjoghurt mit Konfitüre

Obwohl der Lachssalat nicht nachhaltig sättigt, bringt er bereits knapp die Hälfte der täglichen empfohlenen Kalorienzufuhr in den Körper. Die Verbraucherberaterin vergibt im Verlauf des Beratungsgesprächs noch häufig die rote Karte, meistens, weil unnötig viel Salz oder Zucker das Nahrungsmittel geschmacklich aufpeppt. Und vieles davon für den Kindermund gemacht ist.

Dabei gibt es oft einfache Lösungen, die zum gleichen Geschmackserlebnis führen: Statt des Fruchtaromenjoghurts kann man in Naturjoghurt Konfitüre unterrühren – oder einen geraspelten Apfel. Lebensmittelhersteller und Verbraucher scheinen sich nicht mehr grün zu sein: Letztere verlangen günstige Preise. Der Handel gibt sie ihnen und ersetzt teure Inhaltsstoffe durch billige, die mit Aromen den Geschmack liefern, die der Verbraucher erwartet. Zudem setzen die Produzenten auf seine Disziplinlosigkeit, dass er mehr isst, als er eigentlich verträgt. Dann macht die Rendite die Menge. Uwe Roth

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