Volle Power für das perfekte Kind

Print Friendly, PDF & Email

ZVW Uwe Roth, 05.05.2015

Backnang. Der Kinderpsychologe Stephan Valentin ist Buchautor und war Gast in Backnang. Sein Rat an die Eltern: Sie sollen ihrem Kind mehr zutrauen, anstatt in ständiger Fürsorge an ihm zu kleben. Seine Erziehungsformel heißt: sich und dem Kind Freiräume bewahren.

Manchmal muss man als Mutter Egoistin sein und Kind Kind sein lassen. Wenigstens für eine kurze Zeit. Zumindest hin und wieder mal. Der Kinderpsychologe Stephan Valentin, der seine Praxis in Paris hat und vom Gesamtelternbeirat und der Volkshochschule zur Vorstellung seines Buches „Freie Eltern, freie Kinder“ nach Backnang eingeladen worden war, muss in diesem Punkt seines Vortrags wenig Überzeugungsarbeit leisten. Klar, jede Mutter – und selbstverständlich auch jeder Vater – braucht hin und wieder eine Auszeit vom Elternsein, um sich dem zu widmen, was vor der Geburt des ersten Kindes außerhalb des Berufes fürs eigene Wohlgefühl wichtig war. „Das Leben auf Pause stellen“, sagt dazu der Psychologe.

Lesen, zum Beispiel, könnte so ein erholsamer Pausenfüller sein. Das dachte sich auch eine Mutter, die in der Veranstaltung davon berichtet, wie schwierig es jedoch sein kann, Kinderaufsicht und eigene Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen: Sie nimmt, so berichtet sie, zum Spielplatz ein Buch mit, „um eine halbe Stunde zu lesen“. Dann aber beobachtet die lesende Mutter die pikierten Blicke anderer Mütter, die ihre einzige Aufgabe darin sehen, „ihre Kinder zu bespaßen“, wie sie den Eindruck hat. Sie hatte in dem Moment den Eindruck, „ich wirke unengagiert“. Und so etwas verunsichert.

Der gebürtige Heidelberger erfährt in seiner Pariser Praxis viel Unsicherheit. „Junge Eltern sind sehr verwirrt“, stellt er fest. Sie hätten Angst, viel falsch zu machen, ihrem Kind nicht die optimalen Voraussetzungen mitzugeben, damit es später elegant durchs Leben kommt. Die Floskel des Kinderarztes nach einer Routineuntersuchung, „Ihr Kind entwickelt sich durchschnittlich gut“, werde von Eltern nicht mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, sondern mit Bestürzung: warum nur durchschnittlich?

Valentin sucht Erklärungen: Eltern bauen Druck, beste Mutter und bester Vater zu werden, bereits vor der Geburt auf. Während der Schwangerschaft wird im Kopf das perfekte Kind entworfen. Dabei gilt immer noch das alte Familienmotto: Das Kind soll es einmal besser haben. Bezog sich dieses Ansinnen früher in erster Linie auf eine finanzielle Absicherung, den Besuch einer guten Schule und einer guten Universität, kümmern sich Eltern heutzutage um jedes Detail der Nachwuchsförderung.

Bildungsprogramm von der Geburtsstunde an

Der Kinderpsychologe kennt aus seiner Praxis Extrembeispiele, ein Vierjähriger, der viersprachig aufwächst und später Arzt bei der Organisation Ärzte ohne Grenzen werden soll, auch das haben seine Eltern bereits festgelegt. Da kam ein Achtjähriger in seine Sprechstunde, der sieben Tage die Woche für die Schule lernt, weil die Mutter überzeugt ist, dass schulischer Erfolg nur so funktionieren kann. Aber es gibt auch weniger auffällige Beispiele: Die Mutter ergattert keinen Platz in der Pekip- oder Krabbelgruppe. Sofort stellt sich ein schlechtes Gewissen ein, sein Kind von der idealen Entwicklungslinie abgebracht zu haben.

Haben nun Eltern berechtigte Ängste, weil die Gesellschaft tatsächlich nur die Besten in die erste Reihe lässt, weil die Konkurrenz gnadenlos die Schwächeren verdrängt, oder sind es Unsicherheiten, die in der eigenen Kindheit angelegt wurden? Nehmen Eltern ihre persönlichen Defizite oder verpasste Ziele zum Anlass, dem Kind jeden noch so kleinen Stein aus dem Weg zu räumen, damit es am Ende besser als Mama und Papa dasteht? Schließlich haben viele Paare nur ein Kind, das sie zu ihrem Lebenswerk machen, bei dem gar nichts schiefgehen darf.

Erziehung lässt aus Kindern Ichlinge werden

Stephan Valentin sieht das Problem wohl eher bei den Eltern als in den Erwartungen einer Leistungsgesellschaft. Solche Helikoptereltern klammern häufig aus reinem Egoismus, sie lassen ihr Kind selten allein. Sie weichen von seiner Seite, nur wenn es unbedingt notwendig ist. Erstklässer bekommen ein Smartphone, damit sie von der Mutter ständig erreicht werden können und nicht, weil das Kind in der Schule Sehnsucht nach der Mutter hat. Selbst wenn das Kind dann endlich aus der elterlichen Wohnung ziehen will, bekommt es das Angebot mit auf den Weg, du kannst jederzeit deine schmutzige Wäsche vorbeibringen. Ein Stück Abhängigkeit vom Elternhaus soll eben dauerhaft bleiben.

Vater und Mutter überlassen schon ihrem Kleinkind Entscheidungen: Was essen wir heute, wohin willst du einen Ausflug machen, was möchtest du anziehen? Kinder entscheiden für Eltern. „Das Kind führt seine Eltern“, stellt Valentin fest. Und so werden keine von Eltern gesetzte Grenzen sichtbar, die für das Kind für seine Orientierung jedoch enorm wichtig sind. Kinder geben in der Familie den Ton an, nicht die Eltern, und sie können mit Widerworten nicht umgehen, weil sie nie gelernt haben, Kritik auszuhalten. „Eltern ertragen die Wut ihres Kindes nicht mehr. Eltern machen immer den ersten Schritt zu Versöhnung.“ Und am Ende wird der Nachwuchs zum Ichling, den niemand haben wolle. Außer vielleicht die eigenen Eltern.

Um dem vorzubeugen, rät der Kinderpsychologe zur Gelassenheit. Und die erreicht man, indem man sich Freiräume schafft, Auszeiten von der Elternrolle nimmt, das Kind nicht ständig im Mittelpunkt sieht. Ehepaare sollen sich nicht nur in der Muter- und Vaterrolle sehen, sondern sich auch als Partner wahrnehmen und dafür Zeit aufbringen.

Vertrauen ins Kind ist der Schlüssel zur Selbstständigkeit

Automatisch ergeben sich mit den eigenen Auszeiten auch Freiräume fürs Kind. Die braucht es, um eigene Vorstellungen auszuprobieren, um eigene Wege zu gehen. „Vertrauen Sie Ihrem Kind“, sagt der Psychologe. Aus seinem Buch liest er einen Abschnitt vor, in dem ein heute Erwachsener entgegen allen Widerständen der Mutter konsequent seinen Weg gegangen ist, der alles andere als geradlinig war. Am Ende jedoch stand der junge Mann beruflich sehr viel erfolgreicher da, als es alle erwartet haben. Vielleicht ist das auch ein wenig die Biografie des Autors.

Autor und Psychologe Stephan Valentin

Dr. Dipl. Psych. Stephan Valentin ist in Heidelberg geboren und als Au-pair im Alter von 20 Jahren nach Paris gegangen. Seither ist Paris sein erster Wohnort. Valentin hat Schauspiel und Psychologie studiert. Ehrenamtliche Einsätze führten ihn nach Bombay in Indien und an die Elfenbeinküste in Afrika. Er führt eine kinderpsychologische Praxis in Paris und ist Autor verschiedener Elternratgeber und Romane.

Sein Werk „Vielfarben“ wurde 1999 mit dem Bettina-von-Arnim-Preis ausgezeichnet. Für die Krimiserie Soko 5113 schrieb er mehrere Drehbücher. 2012 erschien sein Buch „Ichlinge. Warum unsere Kinder keine Teamplayer sind“.

Seine Buchserie „Rocky und seine Bande“ hat einen französischen Kinderbuchpreis erhalten. Er referiert an der „achtzehn99 Akademie“ des TSG Hoffenheim. Valentin lebt in Paris, München und Heidelberg.