VfB-Abstieg: Aderlass für die Region

Südwest Presse, Autor: UWE ROTH, 17.05.2016

STUTTGART: Der Abstieg des VfB hat wirtschaftliche Folgen für die Region. Sportökonomen rechnen mit einem Umsatzrückgang von 30 Prozent.

Während der 41 Jahre, die der VfB in der Spitzenliga war, wurde der Verein selten als herausragender Geldbringer für die Region gewürdigt. Über die Millioneneinnahmen aus dem Verkauf der Tickets, Fanartikel, Fahrscheine, Übernachtungen und vor allem aus dem Verkauf von Speisen und Getränken wurde in der Öffentlichkeit bisher wenig gesprochen. Nach dem Abstieg wird das Thema brisant.

Die Stadt Stuttgart verbucht jährlich 5,2 Millionen Euro als Grundpacht für das Stadion plus 7,5 Prozent aus den Ticketerlösen als Stadionmiete. Dazu kommen Lohnsteuer- und Umsatzsteuereinnahmen aus dem Verkauf von Waren und Dienstleistungen an die Fans. Von dem Geld, das die Fans ausgeben, profitieren auch Kommunen im Umland.

Ohne konkrete Summen lässt sich allerdings schlecht bilanzieren, welchen geldwerten Vorteil der VfB der Region tatsächlich bringt. So bestätigt die Stadt Stuttgart auf Nachfrage zwar, dass der Sportverein Gewerbesteuerzahler ist. Sie schweigt aber darüber – mit Verweis auf das Steuergeheimnis -, wieviel der VfB im vergangenen Jahr zum Haushalt der Stadt beigetragen hat.

Seit es sich abzeichnet, dass der Fußballclub in die zweite Liga abrutschen könnte, kursieren dagegen erstaunlich konkrete Zahlen über den voraussichtlichen wirtschaftlichen Schaden. So weissagt der Wirt einer Fankneipe, sein Umsatz werde um 20 Prozent schrumpfen.

Der Einzelhandelsverband prognostiziert, dass Stuttgarter Geschäfte pro Heimspiel etwa 100 000 Euro weniger in die Kasse bekämen. Ein Hamburger Sportökonom taxiert in „Bild“ den Betrag auf 50 Millionen Euro, den anreisende Fans jährlich in der Region Stuttgart zurücklassen. Künftig verbleiben nach seiner Voraussage noch 15 bis 20 Millionen Euro.

Philipp Schüssler, Dozent an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement mit einem Studienzentrum direkt an der Mercedes-Benz-Arena, beschäftigt sich ebenfalls mit sportökonomischen Fragen. Derartige Hochrechnungen hält er für nicht vertretbar. Stattdessen argumentiert er mit statistischen Werten: Nach dem Abstieg in die zweite Liga sei demnach mit einem Zuschauerrückgang von 56 Prozent zu rechnen. Bei den Merchandising-Einnahmen müsse man gar von Umsatzrückgängen in Höhe über 87 Prozent ausgehen.

„Unter der Annahme, dass die künftigen Zuschauerzahlen soweit unter denen der ersten Bundesliga liegen, halte ich es für realistisch, dass sich die Höhe des wirtschaftlichen Impuls‘ für die Region um ein Drittel verringert“, so seine Schlussfolgerung. Dem Portal „de.statista.com“ zufolge kam der VfB in der abgeschlossenen Saison auf einen Zuschauerschnitt von 51 800 pro Spiel. Künftig werden es lediglich noch rund 22 800 sein. Eine weitere Statistik besagt, dass Tagesgäste im Schnitt 30 Euro ausgeben (ohne Eintrittsticket oder Übernachtung).

Diese Rechnung bestätigt auch Armin Dellnitz, Geschäftsführer der Stuttgart-Marketing GmbH. Das wären dann rund 684 000 Euro weniger Einnahmen pro Heimspiel oder etwa 23,3 Millionen Euro allein bei den 34 Spieltagen der Saison. Sonderspiele nicht eingerechnet. Dellnitz sagt zu den Auswirkungen auf den regionalen Tourismus: „In Zahlen können wir leider nicht benennen, wie viele Fußballtouristen als Übernachtungsgäste nach Stuttgart kommen.“ Der Abstieg des VfB in die zweite Liga wirke sich „aber sehr wohl“ auf den Tourismus aus. „Der Verein verliert an Kraft als Botschafter unserer Stadt“, so Dellnitz. „Natürlich tragen derzeit die zahlreichen anreisenden Fans erheblich zur touristischen Wertschöpfung bei, egal ob als Tagesgäste oder Übernachtungsgäste.“

Glaubt man einer Studie des Reiseportals GoEuro, geben VfB-Heimspielgäste im Jahr 230 000 Euro für Übernachtung und rund 13,1 Millionen Euro für Essen und Getränke aus. Für den ÖPNV nochmals etwa 4,6 Millionen Euro. Von den insgesamt rund 18 Millionen Euro müssten dann ebenfalls einige Abstriche gemacht werden. Die Stadt Stuttgart kommt dem VfB entgegen und verzichtet auf die Hälfte der Pacht, also auf 2,6 Millionen Euro im Jahr. Das zusammen mit den Verlusten aus den Ticketeinnahmen sei „kurzfristig verkraftbar“, versichert Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU). Am Tag vor dem Abstiegsspiel betonte er: „Steigt der VfB ab, werden wir ihn selbstverständlich unterstützen, damit er einen sofortigen Wiederaufstieg schaffen kann.“ Ohne jedoch näher zu erläutern, wie diese Unterstützung aussehen könnte.

Aber es gibt auch Positives: Der Vertrag mit der zum Daimler-Konzern gehörenden Mercedes-Benz Bank als Hauptsponsor ist bis 2019 verlängert. Franz Reiner, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Bank betonte: „Mit dem erweiterten Engagement zeigen wir, dass wir fest an den VfB glauben. Viele unserer Mitarbeiter sind treue VfB Fans.“

Schon bisher ging es dem Verein finanziell nicht gut

Bilanzen Im Jahr 2012 verbuchte der VfB einen Verlust von 9,7 Millionen Euro. Im Jahr 2013 000 Euro. Das Portal Finance-Online kritisiert: Ohne das Optionsgeschäft mit den Bayern hätte Jahre 2012 und 2013 eingereiht hätte.

Einnahmen 2015 lagen die TV-Einnahmen um 8,6 Millionen Euro niedriger als im Vorjahr bei Spieltag etwa eine Million Euro durch verkaufte Tickets ein. In Liga 2 könnte diese Summe auf 32,5 Millionen Euro. In der Zweiten Liga bleiben ein Drittel davon übrig. Zuletzt nahm der VfB pro 350 000 Euro je Heimspiel sinken. URO

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