Verhalten im öffentlichen Raum

Staatsanzeiger Uwe Roth, 27.06.2014

Die Städter drängt es ins Freie – ein Massenphänomen. Doch in den Rathäusern stellt man frustriert fest, dass sie sich dort wie zu Hause benehmen. Warum Menschen Regeln für das Verhalten im öffentlichen Raum ignorieren, Öffentliches als Privates betrachten, darüber rätseln auch Stadtsoziologen.

STUTTGART. Die etwas Älteren erinnern sich an Zeiten, als sie ausschließlich für Einkäufe in die Stadt gingen. Fußgängerzonen wurden benutzt, um von A nach B zu kommen, nicht aber, um dort zu Verweilen. Wo und warum auch? Es gab keine Straßencafés, im Park kaum Bänke, und das Betreten des Rasens war strengstens verboten. Sich auf das Grün zu legen – auf eine solche Idee kam man gar nicht. Biergärten waren eine Rarität. Essen und Trinken in der Öffentlichkeit verstieß gegen Benimmregeln. Sich mit der Flasche in der Hand zu zeigen, galt als asozial. Einzig am Sonntag ging die Familie in besserer Kleidung zum Flanieren und Schaufensterbummel nach draußen. Einmal pro Woche war der Weg das Ziel.

Ignorieren von Regeln ist im Verkehr zur Gewohnheit geworden

Heute ist der Aufenthalt draußen das Ziel an sich: Straßencafé reiht sich an Straßencafé, jedes Restaurant hat einige Tische nach draußen gestellt, Grünzonen sind zu Liegewiesen geworden – und an schönen Tagen ist bis in die späte Nacht alles proppenvoll. Die Flasche in der Hand ist zum Symbol geworden, sagt Christine Hannemann, Soziologieprofessorin an der Universität Stuttgart, und gleichzeitig das Signal, dass es egal ist, was andere darüber denken mögen.

Die Hinterlassenschaften moderner Flanierer sind gewaltig. Das bekommen die Kommunen an den wachsenden Kosten für die Stadtreinigung, aber auch für den eigenen Ordnungsdienst zu spüren.

Das Ignorieren von Regeln ist auch im Straßenverkehr zur Massengewohnheit geworden. Dazu zählen die vielen Träger klobiger Kopfhörer im Straßenbild. Sie wollen mit ihren dicken Ohrpolstern nicht allein reinen Musikgenuss inmitten des Verkehrslärms, sondern sie geben gleichzeitig die Botschaft an die Außenwelt: „Ich schotte mich ab, ich bin nicht Teil des öffentlichen Raums. Lasst mich in Ruhe.“

Und auch das fällt Beobachtern wie Andreas Klose, Stadtsoziologe an der Fachhochschule Potsdam, auf: Das Innere des eigenen Wagens wird auf öffentlicher Straße längst als privater Raum betrachtet, als Ausdruck von Individualität. Seit Klimaanlagen zur Grundausstattung gehören, Lautsprecher von hoher Qualität und der Internetzugang über das Smartphone in der Flatrate inbegriffen sind, fühlen sich die Insassen im Stau nicht genervt, sondern heimisch. Diese zusätzliche Zeit zum Arbeitsplatz ist eingeplant und wird nach dem eigenen Empfinden sinnvoll genutzt.

Junge Fahrer, die als Kind sehr viel Zeit auf dem Rücksitz im Wagen ihrer Eltern verbracht haben, fühlen sich im eigenen Auto geschützt und sind kaum bereit, auf Busse und Bahn umzusteigen, wo sie sich den Platz mit Fremden teilen müssten.

Die kommerzfreien Zonen in den Städten schrumpfen

Für Soziologen und Stadtplaner ist der öffentliche Raum seit Jahren hart umkämpft. Sie sehen städtische Flächen schwinden, die nicht kommerzialisiert sind. Aus öffentlichen Räumen, sagt Klose, werden halb öffentliche Räume. Diese seien zwar ebenso frei zugänglich, der Aufenthalt dort sei jedoch mit einer Konsumerwartung verbunden. Klose zählt dazu nicht allein Straßencafés oder Kinopaläste, sondern insbesondere die wachsende Zahl von Einkaufszentren und große Bahnhöfe, die vom Einzelhandel und der Gastronomie dominiert werden. Feiern im öffentlichen Park nach eigenen Regeln wäre somit als Gegenbewegung zu sehen, als ein Beharren auf eine kommerzfreie Zone.

Halb öffentliche Räume hat es immer gegeben. Früher überwogen Sportstätten, Vereinsheime oder Kirchenräume. Dort herrscht kein kommerzieller Anspruch. Als Kind spielte man draußen, später wurde man Vereinsmitglied oder engagierte sich in der Kirche. Dort waren Erwachsene, die dem Nachwuchs auch allgemeine Verhaltensregeln beibrachten. Das war zugleich die Vorbereitung für das weitere Verhalten im öffentlichen Raum.

Regelwächter, wie sie Klose nennt, mit einem persönlichen Bezug zu den jungen Menschen fehlen heute weitgehend. Beim Chatten im Internet macht sich die Jugend eigene Regeln, ohne Einfluss von Erwachsenen. Jugendliche haben ihre eigenen Regeln, an denen sie sich draußen orientieren. Ob sich dieses Phänomen auf ihr Verhalten im öffentlichen Raum auswirkt, öffentliches als privates Gut zu betrachten, findet Klose eine spannende Frage, auf die die Wissenschaft aber noch keine Antwort gefunden habe.

Öffentliche Plätze zu sperren, um nächtliches Feiern zu verhindern, hält Professorin Heinemann für die falsche Reaktion. Kommunen sollten trotz aller Kosten besser einmal mehr den Müll wegräumen lassen, als Freiräume weiter einzugrenzen.

Verein will öffentliche Räume unter Schutz stellen

Der Verein für Freie Stadterforschung hat eine Onlinepetition gestartet zum Thema: „Der frei nutzbare Stadtraum wird zunehmend eingegrenzt und sollte deshalb geschützt werden.“ Die Petition richtet sich an den Bundestag und läuft noch rund 50 Tage. Bislang hat sie allerdings erst etwas über 50 Unterstützer gefunden. Der Verein fordert, „auf Bundesebene den öffentlichen Raum als räumliche Kategorie unter (Arten-) Schutz zu stellen (ähnlich einem Naturschutzgebiet), um seine Nutzungsvielfalt zu bewahren“. Im Suchfeld des Portals „Stadterforschung“ eingeben.

www.openpetition.de

 

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