Unternehmen und Moral

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Sonntag Aktuell Uwe Roth 30.11.2008

Hans-Martin Schempp ist Unternehmer aus Ostfildern und findet die Finanzkrise gut. Sie zwingt zum Umdenken. Hofft er. Einmal im Jahr trifft er sich mit internationalen Führungspersönlichkeiten, die der gleichen Meinung sind: Manager brauchen nicht neue Regeln, sondern eine neue Moral.

Manager und Moral. Momentan werden beide Begriffe aus aktuellem Anlass bevorzugt zu Tagungsthemen verpackt. Die Worte kettet man aneinander, als handele es sich um Pole, die sich physikalisch bedingt gegenseitig abstoßen. Man kann in Kongressen hitzig debattieren, ob der ständige Umgang mit Zahlen in Übergrößen den Charakter zwangsläufig ruiniert. Man kann auch entspannt meditieren: „Atmen Sie tief ein und wieder aus . . ., ein . . . und wieder aus . . .“ Die indische Yogalehrerin sitzt auf einem Podest, gebeugt über ein Mikrofon und bringt mit sanfter Stimme in kürzester Zeit den letzten Tagungsgast zur Ruhe.

Von ihrem Platz führt normalerweise ein Europaabgeordneter die Debatten eines parlamentarischen Ausschusses. Heute dagegen sitzen im Saal A3E2 des Brüsseler Europaparlaments mehr als 200 Manager, Führungskräfte sowie Politiker aus mehr Staaten, als die Europäische Union umfasst. Puja Handas Kommandos lassen die Konferenzteilnehmer für eine halbe Stunde in einen leichten Dämmerzustand gleiten.

Entspannt sitzen sie da, soweit es der Abgeordnetensitz zulässt. Die Augen sind geschlossen. Das kontrollierte Aus- und Einatmen lässt vermuten, dass nicht wenige im Saal in Yoga-Übungen erfahren sind und sie es nicht merkwürdig finden, sich zwischen wildfremden Sitznachbarn mit einem tiefen Om! zu lockern.

Teilnehmer aus vielen Ländern

Es ist eine exotische Versammlung – in mancher Hinsicht. Viele der Teilnehmer sind von Indien nach Brüssel gereist, andere aus verschiedenen arabischen Ländern sowie aus Afrika. Europäer sind im Konferenzraum in der Minderheit; aber einer von ihnen gehört zu den Gastgebern der Veranstaltung: Es ist der Unternehmer Hans-Martin Schempp. Ostfildern steht im Impressum auf der Rückseite des englischsprachigen Tagungsprogramms.

Schempp ist seit einigen Jahren Präsident der International Association for Human Values (IAFHV), was mit Internationaler Vereinigung für menschliche Werte übersetzt werden kann. Bereits im fünften Jahr hintereinander laden die Vereinigung und Unternehmer Schempp zu diesem internationalen Gedankenaustausch mit Führungspersönlichkeiten ein. In Gesprächen und Mediationen versuchen sie herauszufinden, ob die Weltwirtschaft auch unter Berücksichtigung menschlicher Werte florieren kann, ob die Globalisierung neben Gewinnern zwangsläufig noch viel mehr Verlierer produzieren muss.

In der Finanzkrise herrscht Ratlosigkeit

2008 herrscht Ratlosigkeit. Die Teilnehmer hatten in den Jahren zuvor in ihren Abschlusserklärungen zur Umkehr gemahnt, andernfalls werde der Wachstumsrausch einer radikalen Ernüchterung weichen. Nun ist es passiert, die prophezeite Finanzkrise ist von heute auf morgen eingetroffen, nachdem die Tagesordnung geschrieben und nicht mehr zu aktualisieren war. Die Spekulationsblasen sind weltweit eine nach der anderen geplatzt. Manager mit Milliardenumsätzen in den eigenen Unternehmen sitzen im Tagungsraum, ebenso Politiker mit Regierungsverantwortung. Es wird nicht die Wiederholung der Fragen und Ermahnungen vom Vorjahr erwartet, stattdessen Lösungsvorschläge zur aktuellen Lage.

Aber so einfach ist es nicht. „Ethik ist gut fürs Geschäft“, versichert ein Wirtschaftsprofessor aus Ghent. „Geschäfte und Werte sind kein Gegensatzpaar“, ergänzt Peter Eigen, Gründer von Transparency International. In sämtlichen Vorträgen fallen ähnliche Sätze. Die Zuhörer unterschreiben ihn mit gutem Gewissen, schließlich sind sie bereits mit dieser Einstellung hierhergereist – über viele tausend Kilometer. Sie zählen sich nicht zu den Zockern ihrer Zunft, sondern zu den Andersdenkenden mit Sinn für Spiritualität, einen Hauch von Esoterik. Der IAFHV-Gründer ist Sri Sri Ravi Shankar, der aussieht wie ein Guru, in Brüssel aber fehlt. Beim Empfang trinkt man Säfte, ebenso zum vegetarischen Galadiner in feiner Kleidung. Alkohol gibt es nur in der Hotelbar, Atemübungen in den Pausen.

Unternehmer der guten Art

Auf echten Managerkongressen geht es anders zu. Dort ist die reale Welt: „Für die meist jungen Spekulanten ist das Ganze eine Party gewesen. Doch wer hätte die Autorität gehabt, diesen vermeintlichen Spaß rechtzeitig zu stoppen?“, fragt der Deutsche Michael Klein, ein hoher Vertreter der Weltbank. Weder ihm noch anderen fällt ein Name ein, der in der Welt die Macht hätte, dem Irrsinn auf Dauer einen Riegel vorzuschieben und Ordnung ins Chaos zu bringen. Die Blasen werden wieder anfangen zu wachsen und später wieder platzen. Es klingt ein wenig resigniert.

Auf dem Diskussionspodium sitzen Unternehmer der guten Art: Ibrahim Abouleish aus Ägypten beispielsweise. Der 71-jährige Chemiker und Mediziner hat 2003 den Alternativen Nobelpreis erhalten, weil er es geschafft hat, mit alternativen Anbaumethoden die Wüste fruchtbar zu machen und zum Blühen zu bringen – und das in Demeter-Qualität. Seine exotische Ökolandwirtschaft ist auch fürs Geschäft vorbildlich. Ibrahim Abouleish repräsentiert eine unternehmerische Ideallösung, er investiert Gewinne in die Bildung seiner Mitarbeiter, in regenerative Energien. Auf Bonuszahlungen verzichtet er.

„Mit Mathematik und Physik bekommt man die Krise in den Griff“

Es treten auch Referenten in Brüssel auf, die meinen, Moral sei eine Angelegenheit raffinierter Öffentlichkeitsarbeit. Ludo Bammens gehört dazu. Er ist in Europa fürs Coca-Cola-Imagezuständig und glaubt, Kundenvertrauen mit einer simplen Formel berechnen zu können: „T = P – E.“ Übersetzt heißt das, Vertrauen (Trust) ist die Differenz aus dem Unternehmensauftritt (Performance) und den Kundenerwartungen (Expectations). Auch Jan Muehlfeit, Europavorstand von Microsoft, hegt keinen Zweifel, dass mit Mathematik und Physik die Krise in den Griff zu bekommen ist. „Der menschliche Geist braucht den besten Computer, um Höchstes zu leisten“, sagt er nach einer Meditationspause. Es entspricht einer amerikanischen Denkweise, mit der die meisten hier wenig anfangen können.

Bei Hans-Martin Schempp stößt formelhaftes Denken auf Unverständnis. Er führt von Ostfildern aus sechs Firmen mit insgesamt 280 Mitarbeitern – unauffällig. In der Öffentlichkeit tritt er selten auf. Auffällig an dem 57-Jährigen ist allenfalls sein knallgelber Porsche in der Tiefgarage, mit dem er schnell mal zum nahen Flughafen fährt, um von dort mit seinem siebensitzigen Helikopter oder wahlweise seinem Businessjet rasch einen Kunden zu besuchen. Schempp ist ein Pilot aus Leidenschaft, an die sogar der Klingelton seines Handys erinnert: das Geräusch einer startenden Helikopterturbine. Das ist die eine Seite des Erfolgsmenschen.

Unternehmer baut Waisenhaus in Indien

Aber dann erzählt der Unternehmer von den vier Waisen, die er in Indien adoptiert hat, und von dem Heim, das er gerade in Trichy in Südindien für bis zu 1000 Kinder bauen lässt. Zweimal im Jahr ist er dort, wo der Tsunamivor zwei Jahren Dörfer verwüstet und zahlreiche Kinder elternlos gemacht hat. Drei Millionen Dollar hat Schempp in sein Hansa-Niwas-Projekt mittlerweile investiert. Auf die Gebäude will er Solarzellen montieren lassen. Dafür sucht er in Deutschland einen Kooperationspartner aus der Solarbranche, jemand, der sich damit auskennt. „350 Sonnentage hat Indien, das kann doch der Einstieg in einen interessanten Markt sein.“

Hans-Martin Schempp sagt: „Ich habe immer gemacht, was ich für richtig hielt.“ Dabei sei ihm „das Sein“ wichtig geworden, „das Haben“ in den Hintergrund gerückt.

Der IAFHV-Präsident hat am Ende der Tagung eine Resolution verfasst, die die Teilnehmer unterschrieben haben. Darin fordern sie eine neue Wirtschaftsmoral, von Entscheidungsträgern ein stärkeres Verantwortungsbewusstsein für ihre Mitmenschen. Verantwortung und Ethik seien der Schlüssel zur Armutsbegrenzung und Konfliktbewältigung. „Meine persönliche Hoffnung lässt sich in keine Formel umsetzen“, sagt Schempp. Da brauche es – wieder fällt das Stichwort – Spiritualität. Uwe Roth