Studierende auf dem Campus der PH Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth

Studierende: Angst vor Prüfungen und der Zukunft

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Bietigheimer Zeitung Uwe Roth 06.04.2017

Ludwigsburg Eine großangelegte Studie hat es im vergangenen Jahr gezeigt: Viele Studenten fühlen sich gestresst. Warum eigentlich? Klar ist das nicht, wie sich aus dem Gespräch mit einer Psychologin ergibt, die auch Studenten im Kreis Ludwigsburg betreut.

Hanna ist 20 und studiert im dritten Semester an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg Englisch und Ethik. Die junge Frau von der Ostalb liebt die Sprache der Briten und hasst die Schriften der griechischen Philosophen. Aber in einer anderen Fächerkombination war der Lehramtsstudiengang nicht zu bekommen. So schlimm hat sie sich das Gedankendickicht von Sokrates und Konsorten allerdings nicht vorgestellt. Nun stehen ihr eine Prüfung und schlaflose Nächte bevor. Sie hat Angstzustände.

In ihrer Not hat sie eine Mail an die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks geschrieben. In zwei Wochen hat sie einen Termin bei der Psychologin Petra Kucher-Sturm. Hanna muss dazu nach Stuttgart in die Rosenbergstraße. Die Beratungsstelle ist auch für die staatlichen Hochschulen im Landkreis Ludwigsburg zuständig. Wenn jemand über die Seelenlage der aktuellen Studentengeneration Bescheid weiß, dann die Psychologin.

Zuständig für 66000 Studierende

Studierende auf dem Campus der PH Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth
Studierende auf dem Campus der PH Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth

Für jede Studentin, auch für  Hanna in diesem Beispiel hat Kucher-Sturm 50 Minuten Gesprächszeit. Etwa sechs solche Termine hat die Fachfrau täglich, jeden muss sie dokumentieren. Insgesamt ist sie mit einem Kollegen für 14 Hochschulen mit insgesamt 66 000 Studenten zuständig, also auch  für die Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen, für die Evangelische Hochschule sowie die Filmakademie und Akademie für Darstellende Kunst. „Über 500 Neuanmeldungen haben wir im Jahr“, sagt sie. Als sie vor 30 Jahren mit ihrer Beratungstätigkeit begonnen habe, seien es gerademal 80 gewesen. „Damals hatten wir aber auch nur 20 000 Studierende“, gibt sie zu bedenken. Aus diesen Zahlen zu schlussfolgern, immer mehr Studierende seien überfordert, falle ihr schwer. Kucher-Sturm hat mehr den Einzelfall im Blick.

Bei Fällen wie jenem der Studentin Hanna wird nicht selten festgestellt, dass sie letztlich am Sprung vom Gymnasium ins Studium zu scheitern droht. Etwa, wenn die Studenten gewöhnt waren, gute Noten in der Schule mit vergleichsweise wenig Aufwand zu bekommen. An der PH scheint oft alles sehr viel komplizierter zu sein. Oft fühlen Studenten sich alleine gelassen, weg von Familie und den alten Freundinnen.

„Die Rechtschreibung – das ist so ein Ding“

Campus PH und Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen. Foto: Uwe Roth
Campus PH und Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen. Foto: Uwe Roth

„Ängste vor Prüfungen und überhaupt vor der Zukunft sowie fehlendes Zeitmanagement, Panik, mit der Arbeit nicht rechtzeitig fertig zu werden, sind so die Probleme, mit denen Studierende zu uns kommen.“ Die Frage zu beantworten, ob Studienanfänger vom Abitur nicht mehr das notwendige Rüstzeug erhalten, um für ein Studium vorbereitet zu sein, sei „reine Spekulation“. Trotz ihrer Erfahrung aus vielen Beratungsgesprächen sagt sie, „ich weiß es wirklich nicht“. Ein Hinweis für eine schlechter werdende Vorbildung seien allerdings die Mails, die sie von den jungen Ratsuchenden bekomme. „Die Rechtschreibung – das ist so ein Ding“, stöhnt Kucher-Sturm.

Frauen häufiger gestresst

Hanna ist wegen des Prinzips der Anonymität ein konstruierter Fall, aber ein durchaus typischer. Eine im Oktober von der AOK veröffentlichte Studie, an der die Universität Hohenheim beteiligt war, bestätigt die Beobachtungen der Beratungsstelle.

18 000 Studenten waren befragt worden. Mehrheitlich empfinden sie demnach die Vorbereitungen auf Prüfungen und Abschlussarbeiten als besonders stressig. Im Vergleich der Geschlechter sind Frauen gestresster als Männer. Angeheizt wird der Stress vor allem durch die Ängste, eigenen Erwartungen nicht gerecht zu werden, befinden die Forscher in der AOK-Studie.

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage ist: Stressanfälligkeit ist eine Sache mangelnden Trainings. So fühlten sich Studenten, die einer Nebenbeschäftigung nachgingen, weniger gestresst als Studenten ohne Nebenbeschäftigung. Für die Beratungsstelle interessant ist die Erkenntnis, dass trotz bestehenden Bedarfs an psychologischer Unterstützung die wenigsten Studenten derzeit solche Angebote nutzten.