Stiller Protest mit dem Wahlkampffoto

Staatsanzeiger: Ausgabe 19/2014 Uwe Roth

Ein Selfie, das muss erklärt werden, ist ein Schnappschuss, den Menschen mit ihrem Smartphone spontan von sich selbst machen und meistens im Internet ablegen. Ein Foto teilen nennt man das.

Meistens stecken mehrere Menschen ihre Köpfe vor der Linse zusammen, sie grinsen, machen Gesten, ihre Körper sind in Bewegung. Sie sind gut gelaunt, lebensfroh. Alles bestens. Und das soll die Welt wissen. Auch Promis schießen Selfies. Selfies sind Kult.

Was ist das exakte Gegenteil eines Selfies?

Genau! Ein Wahlkampf-Foto. Die Porträtierten sind dort abgelichtet, als stecke kein rasend schnell speichernder Chip in der Kamera, sondern eine lichtempfindliche Platte – und der Studioblitz ist noch lange nicht erfunden. Für Minuten unbeweglich müssen die Kandidaten für ihren angestrebten Wahlsieg vor der Studiokamera gesessen sein, ständig darauf achtend, dass sie nicht blinzeln – oder gar entspannt lächeln. Eher farblose Figuren wurden nachkoloriert, was ja mit Photoshop nicht schwer ist, aber dem Gesamtbild immer anzumerken ist.

An jedem Lichtmast hängen die Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche der Porträtfotografie, sozusagen ein stiller Straßenprotest gegen den schrillen Selfie-Wahn. Ob die Botschaft, Probleme löst man nur mit einem seriösen Blick, bei den Jungwählern ankommt? Eventuell finden sie den Anblick des Menschen auf einem solchen Wahlplakat ja so exotisch, dass sie neugierig werden und sich näher damit befassen. Aber das ist eine eher alberne Vermutung.

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