Der Löwen-Markt in Stuttgart-Weilimdorf. Foto: Uwe Roth

Stadtteilporträt Weilimdorf: Der ländliche Name täuscht

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SWP Uwe Roth 08.08.2017

Wohnen Mit 32 000 Einwohnern ist Weilimdorf ein ansehnlicher Stadtbezirk und zudem der kinderreichste. Entsprechend groß ist das Angebot für junge Bürger. Naturgenießer finden viel Grün vor der Haustür. Von Uwe Roth

Es ist ein Ortsname, der nicht zur Großstadt passen will: Weilimdorf. Ein Weiler ist von der Größe her weniger als ein Dorf. Bis 1955 war die offizielle Schreibweise „Weil im Dorf“. Damals gehörte der Ort am Rand des Strohgäus seit über 20 Jahren zur Stadt Stuttgart. Und von wegen Dorf: Der im Westen gelegene Stadtbezirk hat heute rund 32 000 Einwohner. Das sind 13 000 Einwohner mehr, als die eigenständige Kommune Weil der Stadt im Nachbarkreis Böblingen aufzubieten hat.

Nach den Kelten folgten die Römer

Die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Weilimdorf Ulrike Zich. Foto: Uwe Roth
Die Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Weilimdorf Ulrike Zich. Foto: Uwe Roth

Historiker verweisen darauf, dass sich Weil aus dem Lateinischen „villa“ ableitet und somit Hofgut bedeutet. Tatsächlich gab es auf der Gemarkung nach den Kelten eine römische Siedlung. „Aber da gibt es unterschiedliche Interpretationen“, sagt Ulrike Zich, die Bezirksvorsteherin seit 1999. Auf eine bestimmte hat sie sich nicht festgelegt. Die 62-Jährige ist daran gewöhnt, dass die ungewöhnliche Ortsbezeichnung auf der Liste mit den Stuttgarter Bezirken irritiert und sie den Namen immer mal wieder in einer anderen Schreibweise zu lesen bekommt.

Die Chefin des Bezirksrathauses verwaltet im Prinzip zwei Ortskerne – einen historischen und einen eher praktischen. Der historische gruppiert sich um die Oswaldkirche aus der Mitte des 15. Jahrhunderts herum. Der Vorgängerbau aus Holz entstand 600 Jahre früher. Dort leben auch die alteingesessenen Weilimdorfer, die sich nur dann Stuttgarter nennen, wenn sie sich im Urlaub vorstellen. Das neuzeitliche Zentrum liegt ein paar hundert Meter östlich am Löwen-Markt. Der heißt so, weil dort das Wirtshaus zum Löwen stand. Markttage sind der Dienstag und Freitag. Da ist dann richtig was los.

Einkaufszentrum aus den 1980er Jahren

Die Stadtbahnhaltestelle Löwen-Markt im Stuttgarter Stadtteil Weilimdorf. Foto: Uwe Roth
Die Stadtbahnhaltestelle Löwen-Markt im Stuttgarter Stadtteil Weilimdorf. Foto: Uwe Roth

Gegenüber dem Büro von Ulrike Zich ist nach dem Abriss alter, aber wenig bedeutsamer Bausubstanz vor über 30 Jahren ein kleines Einkaufszentrum entstanden. Dieses ist aber nicht allein wegen seiner typischen 1980er-Jahre-Architektur, sondern auch wegen seiner verwinkelten Raumaufteilung inzwischen etwas aus der Zeit geraten. „Relativ kleine Läden über mehrere Etagen, das gibt es heute nicht mehr“, erläutert Zich, warum es „kleine Leerstände gibt“, wie sie sagt. Die oberen Stockwerke über Aufzüge und Rolltreppen zu erschließen, sei sehr kostspielig. Damit hätten aber alle Orte dieser Größenordnung zu kämpfen, stellt sie klar.

Im September 1992 wurde am Löwen-Markt die halbunterirdische Stadtbahn-Haltestelle eingeweiht. Für die Weilimdorfer war das zu dieser Zeit ein doppelter Gewinn: Seither ist man in 18 Minuten am Hauptbahnhof, und der dichte Durchgangsverkehr aus Stuttgart quält sich nicht mehr mitten durch den Ort zur Autobahn. Dafür gibt es jetzt eine vierspurige Umgehungsstraße.

In den alten Ortskern soll neues Leben

Der alte Ortskern von Stuttgart-Weilimdorf mit der Oswaldkirche, Pfarrhaus und altem Schulhaus. Foto: Uwe Roth
Der alte Ortskern von Stuttgart-Weilimdorf mit der Oswaldkirche, Pfarrhaus und altem Schulhaus. Foto: Uwe Roth

Sowohl der alte als auch der neue Ortskern sind in gewisser Weise ein Sanierungsfall. Das Einkaufszentrum ist in privater Hand, da kann die Stadt wenig gegen die Alterserscheinungen tun. Um die Renovierung des alten Rathauses und der alten Schule, die mit der Oswaldkirche ein historisches Ensemble bilden, wird zwischen dem Stuttgarter Gemeinderat und dem Bezirksbeirat aber seit Jahren gerungen. Ulrike Zich wird in wenigen Jahren in Ruhestand gehen. „Da geht es mir nicht darum, viele neue Projekte in Angriff zu nehmen, sondern darum, laufende zu Ende zu bringen.“ Dazu gehöre, in die alten Gebäude wieder öffentliches Leben zu bringen. Weilimdorf habe trotz seiner Einwohnerzahl kein Bürgerhaus.

Ansonsten aber ist sie mit dem Zustand ihres Stadtbezirks insgesamt zufrieden, das bürgerschaftliche Engagement eingeschlossen. Auch jüngere Leute zeigten Interesse für ihren Bezirk. Das Industriegebiet im Westen mit einigen namhaften Unternehmen brummt; es könnte erweitert werden, würde die Stadt neue Gewerbeflächen zulassen.

Fasanengarten aus dem 18. Jahrhundert

Gleichzeitig hat Weilimdorf viel Natur zu bieten. Die Einwohner brauchen zur Naherholung nicht ins Auto steigen. Ein kurzer Spaziergang in die Wälder, zu den Obstwiesen, zum Lindenbachsee oder in den Fasanengarten, den Herzog Carl Eugen kurz nach Baubeginn von Schloss Solitude im Jahre 1767 hat anlegen lassen, genügt, um sich weit weg von der Großstadt zu fühlen.

Derartige Vorteile haben ihren Preis. „Wohnen in Weilimdorf ist teuer“, stellt Ulrike Zich unumwunden fest. In einigen kleineren Wohngebieten stehen Luxusvillen, die sich die Industriellen hingestellt haben und als ihre Ortsadresse lieber 70499 Stuttgart angeben als Weilimdorf. Doch trotz gehobenem Wohnambiente leben viele junge Familien im Stadtbezirk. „In Stammheim haben sie die meisten Autos, auf den Fildern das meiste Geld. Aber wir haben die meisten Kinder und Jugendliche“, sagt Zich, die zugleich Kinderbeauftragte für den Stadtbezirk ist. Dementsprechend viele Kitas und Schulen gibt es. Der Bezirk besteht aus sechs Stadtteilen, jeder zweite hat ein Jugendhaus.

Gute Gewerbe- und Einkommensteuereinnahmen, attraktive Freizeitangebote, gute Verkehrsanbindung, eine starke junge Bevölkerung – Weilimdorf hat zwar einen ländlichen Namen, könnte aber mit diesen Standortfaktoren genauso gut eigenständig und unabhängig von Stuttgart sein.

Siehe auch:

Stammheim – Synonym für ein Stück deutsche Geschichte

Stadtteilporträt Obertürkheim: Weinberge und Schokoladenseiten