Altes Rathaus Uhlbach - Teilort des Stuttgarter Stadtbezirks Obertürkheim. Foto: Uwe Roth

Stadtteilporträt Obertürkheim: Weinberge und Schokoladenseiten

SWP Uwe Roth 15.09.2016

Obertürkheim ist der östlichste Stadtbezirk von Stuttgart und ein beliebter, weil naturnaher Wohnort. Geprägt wird der Ort von vielen Weinbergen.

Die Ortsmitte von Uhlbach, Teil des Stuttgarter Stadtbezirks Obertürkheim, besteht aus einem historischen Gebäudeensemble. In der Mitte das alte Rathaus. Foto: Uwe Roth
Die Ortsmitte von Uhlbach, Teil des Stuttgarter Stadtbezirks Obertürkheim, besteht aus einem historischen Gebäudeensemble. In der Mitte das alte Rathaus. Foto: Uwe Roth

Etwa neun Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Stuttgarter Rathaus und dem Bezirksrathaus von Obertürkheim. Das ist an sich nicht viel. Aber niemand käme auf die Idee, den Ort hart an der Stadtgrenze von Esslingen als Teil einer schwäbischen Großstadt zu empfinden. Stuttgart 21, Stau, Feinstaub, gestresste Bürger – das ist Stuttgart, aber nicht Obertürkheim. Untertürkheim ist Daimler, Obertürkheim ist Weinbau und allem Anschein nach ein Ort, in dem man sich wohlfühlen kann.

Mancher Kessel-Stuttgarter hat eine vage Vorstellung von diesem Stadtteil mit der Postleitzahl 70329. Mancher weiß nicht, dass der Randbezirk aus zwei Teilen besteht, aus dem am Neckar gelegenen Obertürkheim mit 5500 Einwohnern und der Stadtteilnummer 521 sowie dem viel höher am Hang gelegenen Uhlbach mit 3000 Einwohnern und der Nummer 531. Beschreibt man idealtypisch ein gemütliches schwäbisches Weindorf, hat man Uhlbach mit seinen vielen Wirtsstuben und Weinbergen vor Augen.

Obertürkheim: Schönstes Rathaus von ganz Stuttgart

Markttag in Uhlbach, ein Teilort des Stuttgarter Stadtbezirks Obertürkheim. Foto: Uwe Roth
Markttag in Uhlbach, ein Teilort des Stuttgarter Stadtbezirks Obertürkheim. Foto: Uwe Roth

Uhlbach übt den größeren Reiz des Stadtbezirks aus. Dort wird im historischen Rathaus gerne geheiratet, aber kommunalpolitisch spielt die Musik unten im Bezirksrathaus. Es ist ein pompöser Bau, den sich die Bürgerschaft mitten im Ersten Weltkrieg geleistet hat. Peter Beier ist seit 2000 der Bezirksvorsteher. Er ist überzeugt, im „schönsten Rathaus von ganz Stuttgart zu arbeiten“. Am Blick aus dem Fenster hat er sich auch nach 17 Jahren nicht sattgesehen. Wenn er sagt, dass ihm sein Job „richtig Spaß“ macht, glaubt man es ihm sofort. Beier spricht von großem bürgerschaftlichem Engagement, zuverlässigen Vereinsvorständen und Bezirksratsmitgliedern, „die sich auf den Ort zu konzentrieren wissen und miteinander Dinge über Parteigrenzen hinweg bewegen“.

Die CDU hat drei, die Grünen und Freien Wähler jeweils zwei Sitze sowie die SPD, FDP und SÖS-LINKE-PluS jeweils einen Sitz. „Niemand von der AfD“, sagt Beier froh. Bei der Landtagswahl kam die rechte Partei allerdings auch auf 11,5 Prozent.

Gute Kontakte zur Innenstadt sind wichtig

Kaum noch jemand erinnert sich daran... Die politische Vergangenheit von Uhlbach. Foto: Uwe Roth
Kaum noch jemand erinnert sich daran… Die politische Vergangenheit von Uhlbach. Foto: Uwe Roth

Im Bezirksbeirat bei Abstimmungen Einstimmigkeit zu erreichen, ist dem Bezirksvorsteher wichtig – auch, um im Stuttgarter Rathaus und Gemeinderat wahrgenommen zu werden. Hin und wieder komme es schon vor, dass man so weit draußen vor der Innenstadt vergessen wird, sagt er, manchmal werde er zuletzt informiert. „Das ist aber von Amt zu Amt anders“, sagt er versöhnlich. Einstimmig beschlossene Wünsche aus dem Bezirksrathaus machen sicher mehr Eindruck als mühsam gefundene Kompromisse.

Doch aus Sicht der Stadtspitze ist Obertürkheim ein genügsamer und nach der Statistik der sicherste Stadtteil. Er ist aus Platzgründen lange schon ausgewachsen. Niemand muss über Bebauungspläne streiten. Auf der Wunschliste stehen weitere Kitaplätze und an der Otto-Hirsch-Brücke endlich ein Kreisel. In Uhlbach wird gerade für 5,3 Millionen Euro eine Sporthalle gebaut, geradezu „ein Jahrhundertwerk“, wie Beier sagt.

Goldene Zeiten liegen in der Vergangenheit

Ehemalige Weinkellerei Konzelmann in Obertürkheim-Uhlbach. Foto: Uwe Roth
Ehemalige Weinkellerei Konzelmann in Obertürkheim-Uhlbach. Foto: Uwe Roth

In gewisser Weise profitiert Obertürkheim von seiner Prosperität längst vergangener Zeiten, wofür das überdimensionierte Rathaus Zeugnis ist. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war der Ort ans Eisenbahnnetz angeschlossen. Entlang der Gleise und des Neckars entstanden kleine Industriebetriebe, auch Schokoladenfabriken. Die Gemeinde kam zu Geld und steckte es in repräsentative Gebäude, wie auch der Kindergarten eines ist. Sieben Jahre nach Fertigstellung des Rathauses, also 1922, wurde der Ort eingemeindet, Uhlbach kam 1937 dazu.

Heute ist die Industrie unbedeutend, obwohl Untertürkheim nahtlos in Obertürkheim übergeht. 546 Hektar Weinbau, 263 Hektar landwirtschaftliche Flächen sowie 117 Hektar Wald stehen 14 Hektar Industriefläche gegenüber. Auch der Einzelhandel hat sich mehr oder weniger vollständig zurückgezogen.

Robert Bosch heiratete in Obertürkheim

Doch Obertürkheim ist kein Schlafort. Aus früheren Boomjahren sind attraktive Villen und kleinere Familienhäuser in ruhiger Lage geblieben. Die ziehen besonders junge Familien an, die sich solche Immobilien in der City nicht leisten könnten. Entlang der Uhlbacher Straße bekommt man einen guten Eindruck von der Wohnqualität.

Auch Robert Bosch wusste diese zu schätzen. 1887 heiratete er in der evangelischen Kirche Anna Kayser. Später wohnte das Ehepaar in der Uhlbacher Straße, und zwar in der im Jahr 1907 im Jugendstil erbauten Kayser-Villa.

Weinbau-Tradition: Museum und Verkostung

Anfänge Erstmals erwähnt wurde Obertürkheim im Jahr 1251, der in einem Talkessel liegende Weinort Uhlbach bereits im Jahr 1247. Die dortige Kelter wurde 1366 erwähnt, die Andreaskirche 1490 erbaut.

Weinbaumuseum Die historische „Alte Kelter“ in Uhlbach bietet mit seinen Exponaten einen Überblick über die 2000-jährige Weinbaukultur in Stuttgart. Probieren kann man die Weine in der zugehörigen Vinothek. Das Museum am Uhlbacher Platz 4 ist ganzjährig geöffnet: Donnerstag und Freitag 14 bis 20 Uhr, Samstag 14 bis 18 Uhr, Sonntag und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr. Infos auch unter www.weinbaumuseum.de.  uro

Siehe auch:

http://journalistroth.eu/stammheim-synonym-fuer-ein-stueck-deutsche-geschichte/

http://journalistroth.eu/stadtteilportraet-weilimdorf-der-laendliche-name-taeuscht/

 

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