Ali Haji hat gemeinsam mit einem Kommilitonen das Stadtregal für seine Masterarbeit entworfen. Foto: Uwe Roth

Stadtregal in Stuttgart: Experiment gilt als gelungen

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SWP, Uwe Roth, 13.08.2019

Sechs Wochen lang war das Stadtregal auf dem Österreichischen Platz Küche und Schlafplatz in einem. Das Möbelstück hat Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten zusammengebracht. Von Uwe Roth

Micha ist geknickt. Das Stadtregal wird bald abgebaut. Das Multifunktionsmöbelstück aus hellem Holz erinnert an frühere Billyregal-Zeiten von Ikea. Es hat dem Obdachlosen unter der Stuttgarter Paulinenbrücke auf dem Österreichischen Platz in den vergangenen sechs Wochen eine Aufgabe und eine Übernachtungsmöglichkeit gegeben. Das Stadtregal ist eine schlichte Küche mit einem ausziehbaren Arbeitstisch aus Edelstahl, einer Herdplatte, runder Spüle, einem Kühlschrank, Vorratsschränken, einem Abstellplatz für ein Lastenrad sowie einem Schlafplatz. Micha ist zum Kümmerer geworden, hat alles sauber gehalten und nachmittags Kaffee für alle gekocht.

Ali Haji hat gemeinsam mit einem Kommilitonen das Stadtregal für seine Masterarbeit entworfen.
Foto: Uwe Roth

Das Möbelstück ist Teil eines Experiments – und daher auf Zeit angelegt. Ali Haji legt schon mal Werkzeug für den Abbau bereit. Der 30-Jährige ist Student der Stadtplanung an der Universität Stuttgart. Gemeinsam mit seinem drei Jahre jüngeren Kommilitonen Felix Haußmann hat er das Stadtregal für seine Masterarbeit in wenigen Wochen entworfen und gebaut. Etwa 5500 Euro gingen an Materialkosten vom Projektbudget, das 8000 Euro umfasste, weg.

Die Konstruktion war für die angehenden Stadtplaner sicher nicht das Herausfordernde. Spannender war während der eineinhalb Monate zu beobachten, ob die Idee dahinter funktioniert. Haji erläutert: „Das Stadtregal ist ein Experiment zur demokratischen Konfliktgestaltung für diesen öffentlichen Raum.“ Soll heißen, das Möbelstück mit Kochgelegenheit bringt an diesem Ort Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten zusammen. Sie kochen, essen und trinken gemeinsam. Und vor allem: Sie kommen ins Gespräch.

Obdachlose an Rand gedrängt

Ali Haji hat gemeinsam mit einem Kommilitonen das Stadtregal für seine Masterarbeit entworfen. Foto: Uwe Roth
Ali Haji hat gemeinsam mit einem Kommilitonen das Stadtregal für seine Masterarbeit entworfen.
Foto: Uwe Roth

Das Experiment findet neben der Tübinger Straße statt. Der Platz unter der Paulinenbrücke, ein ehemaliger Parkplatz, ist in Stuttgart ein offener Wohn- und Schlafraum für Obdachlose, Drogenabhängige und viele mehr. Platzbewohner, nennt sie der Student. Sie fühlen sich vor allem nachts an den Rand gedrängt, wenn Studenten und Hipster unter der Brücke feiern, hat Ali Haji beobachtet. Aus seiner Sicht haben sich die zwei verschiedenen Welten im Lauf des Experiments ein wenig geöffnet. „Es funktioniert, in einem öffentlichen Raum eine soziale Mischung herzustellen.“

Aber dafür haben die beiden Studenten viel Unterstützung benötigt und bekommen. Die Initiativen „Foodsharing“ und „Commons Kitchen“ bestückten die Küche mit Vorräten an Lebensmitteln, die aus Mülltonnen gerettet wurden. Diese mit nach Hause zu nehmen, war ebenso erwünscht. Regelmäßig kochten Mitglieder der Initiativen für jeden, der mitessen wollte. „Die Küche war jeden Tag in Betrieb“, sagt Haji. Einmal sei eine Ernährungsberaterin aus der Nachbarschaft zum Kochen gekommen. Der Verein „Release“ und die Caritas beteiligten sich ebenfalls. „Es war eine tolle Sache“, stellt er zufrieden fest.

Auch wenn das Experiment abgeschlossen ist, es bleibt die stadtplanerische Idee der Studenten: Städte sollen Bürgern solche Treffpunkte auf öffentlichen Plätzen anbieten. Mit Bänken sei es nicht getan, sagt Haji. „Menschen kommen in Kontakt über gemeinsame Aktivitäten.“ Doch oft scheuen sich Städte, in Stadtmöbel zu investieren, weil sie früher oder später mutwillig zerstört werden. Das Stadtregal zeigt nach sechs Wochen jedoch nur ein paar Abnutzungserscheinungen. „Es ist nichts kaputt gegangen. Alle sind sehr pfleglich mit den Dingen umgegangen“, sagt der Student. Wer den Nutzen für sich erkenne, der übernehme Verantwortung.

Das Stadtregal-Experiment auf dem Österreichischen Platz wurde fortlaufend wissenschaftlich und mit Freiwilligen begleitet. Aber Ali Haji kann sich gut vorstellen, dass solche städtischen Angebote so entwickelt werden, „dass sie von alleine funktionieren können“.

Infokasten

Erster Platz beim Bundeswettbewerb

Die Fläche unter der Paulinenbrücke am südlichen Rand der Innenstadt ist schon lange ein städtebaulicher Schandfleck. Die Stadt hat dem Verein „Stadtlücken“ vor einem Jahr den ehemaligen Parkplatz für Aktionen überlassen. Seither haben dort zahlreiche Veranstaltungen und Feste stattgefunden. Die Initiatoren sagen dazu: „Es ist ein Experimentierfeld für die Zukunft unseres städtischen Zusammenlebens.“

Das Projekt „Österreichischer Platz“ hat im November 2018 den ersten Platz in der Kategorie „Stadtraum“ beim Bundeswettbewerb „Europäische Stadt: Wandel und Werte – Erfolgreiche Entwicklung aus dem Bestand“ gewonnen. Das Projekt erhielt ein Preisgeld in Höhe von 25 000 Euro. uro

Ali Haji hat gemeinsam mit einem Kommilitonen das Stadtregal für seine Masterarbeit entworfen. Foto: Uwe Roth
Ali Haji hat gemeinsam mit einem Kommilitonen das Stadtregal für seine Masterarbeit entworfen.
Foto: Uwe Roth