Senioren-Initiative bewahrt junge Leute vor dem Ausbildungsabbruch

SWP UWE ROTH |

Laut Statistik bricht jeder dritte Azubi die Lehre ab. 150 Senioren in der Region helfen jungen Menschen mit Erfolg, drohende Tiefs zu überstehen.

Heute startet das neue Ausbildungsjahr, und Dieter Mechler macht sich darauf gefasst, dass er in den kommenden Monaten verstärkt Anrufe überforderter Eltern, besorgter Großeltern oder ratloser Schulsozialarbeiter bekommen wird. Die Anrufer werden dem 72-Jährigen von bockigen jungen Menschen berichten, die sich die Ausbildung irgendwie anders vorgestellt haben, die ein Problem damit haben, sich jeden Morgen pünktlich auf den Weg in die Lehrwerkstatt zu machen, oder die davon ausgingen, dass eine Berufsschule eine optionale Veranstaltung sei. Mechler, so haben die Anrufer gehört, könne helfen. Das ist die Hoffnung.

Dieter Mechler lässt sich von keinem der geschilderten Probleme aus der Ruhe bringen und verspricht umgehende Unterstützung. Seine Gelassenheit basiert auf der Erfahrung, dass junge Menschen weitaus zugänglicher und kompromissbereiter sind, als sie ihm angekündigt werden. Der ehemalige Direktor einer privaten Krankenversicherung in Stuttgart ist Teil der Initiative „VerA“. Das steht für Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen. „VerA“ wiederum ist Teil des Senior-Experten-Service (SES) in Bonn; eine Organisation, die in Entwicklungsländer Fachleute vermittelt, die im Ruhestand sind und ehrenamtlich ihr Wissen weitergeben.

Der Direktor a.D. bleibt lieber im Land. Er ist mit seiner Heimatstadt verwurzelt und wurde erst jüngst zum Stuttgarter des Jahres gewählt. Er arbeitet wie seine Auslandskollegen ehrenamtlich, was in manchen Wochen einem Vollzeitjob gleichkomme, wie er sagt. Seine wesentliche Aufgabe besteht darin, zuzuhören und zu vermitteln. Die Initiative „VerA“ hat in Stuttgart und den umliegenden Landkreisen über 400 Auszubildende betreut beziehungsweise betreut sie noch. Die jungen Leute haben Stress mit ihrem Ausbilder, in der Berufsschule oder auch in ihrem privaten Umfeld. Mechler macht das nicht allein. 150 sogenannte Begleiter unterstützen ihn. „Da ist eine Landgerichtspräsidentin a.D. dabei und eine frühere Friseurmeisterin“, schildert er die Bandbreite der Berufe seiner Begleiter.

Mit ihrem Klienten treffen sich die Betreuer normalerweise alle drei Wochen zu einem einstündigen Gespräch an einem neutralen Ort, meistens in einem Café. „Das reicht in der Regel, um Probleme zu besprechen und sich Lösungen zu überlegen“, ist seine Erfahrung. Üblich sei, dass der Mentor oder die Mentorin während der gesamten Ausbildungszeit dem Auszubildenden zur Seite steht.

Hinter „VerA“ stehen der Deutsche Handwerkskammertag, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Bundesverband der Freien Berufe. Doch die spielen in der Beratung keine Rolle. „Niemand erfährt, dass jemand begleitet wird.“ Gleichwohl sind die Mentoren auf Wunsch dabei, wenn ein Gespräch in der Schule, beim Arbeitgeber oder auch bei einer Schuldnerberatung oder Jobagentur notwendig wird.

„Mir ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Auszubildender das Angebot, sich begleiten zu lassen, abgelehnt hat“, sagt Mechler und fügt hinzu: „Manchmal ist die Terminabsprache beim ersten Kennenlernen ein Problem. Mich hat einer zweimal vergeblich warten lassen, bis er beim dritten Termin endlich aufgetaucht ist.“ Aber danach sei der junge Mann pünktlich erschienen. Das ist die allgemeine Erfahrung der Mentoren. Die Initiative „VerA“ spricht von einer Erfolgsquote von 80 Prozent.

Dieter Mechler ist seit 2010 dabei. Damals war er von der Handwerkskammer Stuttgart gefragt worden, ob er die erste „VerA“-Gruppe in Baden-Württemberg aufbauen wolle. Erst habe er gezögert. Doch als er vernommen habe, dass es allein in der Region Stuttgart 3000 bis 4000 Ausbildungsabbrecher gebe, sei ihm bewusst geworden, wie notwendig die Aufgabe eines Mentoren sei. „Die jungen Menschen gehen ohne einen Ausbildungsabschluss mit einem Scheitern ins Berufsleben, und viele von ihnen landen irgendwann bei Hartz IV.“ Als Chef einer Versicherung hat er 30 Jahre Auszubildende zum Abschluss gebracht – mit nur ein oder zwei Ausnahmen. Wo die Probleme liegen könnten, konnte er sich zuerst gar nicht vorstellen.

Mit einem der ersten Anrufe im neuen Ehrenamt kam der Kulturschock: „Mich rief ein Vater an, der klagte, dass sein Sohn morgens nicht aus dem Bett komme und die Arbeit schwänze. Ich fragte ihn, ob er nun erwarte, dass ich jeden Morgen komme, um den Sohn zu wecken? Warum er als Vater das nicht machen könne?“ Die Antwort: „Um diese Zeit schlaf‘ ich ja selber noch.“ Mechler verdreht die Augen. „Bei vielen Eltern klappt ja gar nichts mehr“, hat er die Erfahrung gemacht. Die Begleiter seien dann Ersatzansprechpartner, die oft Mühe hätten, nicht zu tief in Familienprobleme reingezogen zu werden.

Kostenloser Stützunterricht

Probleme Die Arbeitsagentur rät zu einem Gespräch mit dem Berufsberater, sollte der Ausbildungsberuf zwar passen, es dennoch zu Schwierigkeiten kommen. Überlegungen, die Ausbildung abzubrechen, sollten niemals sofort in die Tat umgesetzt werden. Sollte es Schwierigkeiten in der Berufsschule geben, hilft die Arbeitsagentur mit einem kostenlosen Stützunterricht.

Beratung Wer Unterstützung während der Ausbildung benötigt oder gern einen Auszubildenden begleiten möchte, kann sich an die Initiative „VerA“ wenden. Mailkontakt über stuttgart@vera.ses-bonn.de. Weitere Infos und Arbeitsmaterialien über www.vera.ses-bonn.de.

uro

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