Schwieriger Start für Radschnellwege in der Region Stuttgart

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SWP Uwe Roth 30.06.2017

Kommunalpolitiker in der Region Stuttgart begeistern sich für Radschnellwege. Der Platz dafür aber ist rar.

Ein guter Radschnellweg ist vier Meter breit. Die Trasse ist getrennt von Straßen und Gehwegen. Kreuzungen sind die Ausnahme. Im besten Fall haben Radfahrer auch innerorts Vorfahrt. „Radschnellwege sollen vor allem den Radfahrern dienen, die zum einen längere Strecken zurücklegen, aber auch eine schnellere Fahrzeit erreichen wollen“, heißt es in einer Sitzungsunterlage des Kreistags von Ludwigsburg. Vorgeschlagen werden darin eine Route von Bietigheim-Bissingen, über Ludwigsburg und Kornwestheim nach Stuttgart sowie eine von Vaihingen/Enz in die Landeshauptstadt. Nach Möglichkeit sollen die Radschnellwege parallel zu den Bundesstraßen angelegt werden, da diese der direkteste Weg zwischen den Städten sind.

Berufspendlern wird mit diesem Angebot der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad schmackhaft gemacht. Seit die Reichweiten der Bikes mit Elektromotor steigen und gleichzeitig die Preise sinken, sieht nicht mehr allein der grüne Verkehrsminister ein wachsendes Potenzial für die Nutzung solcher Trassen. Auch immer mehr Kommunalpolitiker, die Radschnellwege vor wenigen Jahren noch für Wunschträume einiger Fahrradclubs gehalten haben, betrachten sie als eine Option, die Straßen in der staugeplagten Region zu entlasten.

Mögliche Streckenverläufe werden nicht diskutiert

Mit großer Mehrheit werden in den Kommunen die Radverkehrskonzepte um die neue Radwegvariante erweitert. Auf der Wunschliste stehen weitere Schnellverbindungen mit Ziel Stuttgart und den Ausgangspunkten Schorndorf (durchs Remstal), Plochingen (entlang des Neckars) und Böblingen (zum Teil auf der alten Panzerstraße). Einige werden sich in der Fortschreibung des Regionalverkehrsplans wiederfinden, mit der sich in den vergangenen Wochen Gemeinde- und Kreisräte beschäftigt haben.

Streckenverläufe werden dabei allerdings nicht diskutiert, obwohl Ortskenntnisse vorhanden sind, um Problemzonen bei der späteren Planung schon jetzt auszumachen. Stattdessen setzen die Kommunalpolitiker auf Machbarkeitsstudien, die jetzt in Auftrag gegeben und zu 80 Prozent vom Land finanziert werden. Verkehrs­planer sollen zeigen, ob Radschnellwege durch die Städte so angelegt werden können, dass Radfahrer ebenso wie Autofahrer auf dem kürzesten Weg und in möglichst kurzer Zeit von A nach B kommen.

Stuttgart konzentriert sich aufs eigene Radwegenetz

Obwohl am Ende viele Radschnellwege nach Stuttgart führen sollen, teilt die Stadt die Euphorie der Kommunen im Umland scheinbar nicht. Zum Erstaunen der Grünen- und der SÖS-Linke-Plus-Fraktion, aber auch des Verkehrsministeriums hat die Verwaltung keinen Antrag auf finanzielle Förderung einer Machbarkeitsstudie gestellt. Als Begründung gibt Verkehrsplaner Stephan Oehler an, Stuttgart wolle sich zuerst auf den Ausbau der Radwege innerhalb des Stadtgebiets konzentrieren.

Auf Nachfrage ist er nicht bereit, Überlegungen anzustellen, wie Radschnellwege aus den Nachbarkreisen in die Innenstadt führen könnten. Er gibt zu bedenken, dass es keine verbindlichen Standards gebe. Bislang seien dies nur Empfehlungen der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV). Maximalforderungen bezüglich der Breiten und des kreuzungsfreien Ausbaus lassen sich nach seiner Überzeugung ohnehin kaum realisieren. Nach den FGSV-Vorgaben darf es aber höchstens bei 30 Prozent der Strecke Abweichungen von der Norm geben, damit ein Radschnellweg seinen Namen zu Recht trägt. Auf der 25 Kilometer langen Verbindung zwischen Bietigheim-Bissingen und Stuttgart dürften maximal 7,5 Kilometer abweichen.

„Stadt, Region und das Land werden einiges Geld in die Hand nehmen müssen“

Kompromisse müssten in jedem Fall hingenommen werden, betont Oehler. „Wo geht’s, wo geht’s nicht?“, werde am Ende der Maßstab für die Planung sein. Sicher sei, dass Stadt, Region und das Land „einiges Geld in die Hand nehmen müssen“, um die Trassen so anlegen zu lassen, dass sie den Vorstellungen eines Radschnellwegs möglichst nahkommen und einen Mehrwert gegenüber einem Radweg haben. Gemeinderäte müssten bereit sein, gegebenenfalls Parkplätze zu opfern, um für die Radfahrer Platz zu schaffen. „Ich bin gespannt, was passiert“, gibt sich der Planer betont ergebnisoffen.

Klare Vorstellungen für mögliche Routen fehlen

In Kornwestheim ist die Verwaltung ebenfalls davon entfernt, klare Vorstellungen zu äußern, wie entlang der B 27 der vorgesehene Radschnellweg von Bietigheim nach Stuttgart durch die Stadt führen könnte. Bislang müssen Radfahrer kreuz und quer durch Kornwestheim kurven und einige Höhenmeter bewältigen, um von Ludwigsburg nach Stuttgart zu kommen. Eine Rathaussprecherin betont zwar: „Wir haben uns in unserer Stellungnahme zum Regionalverkehrsplan dafür ausgesprochen, in die Planung von Radschnellwegen einzusteigen.“ Ob die Route entlang der B 27 „ein sinnvolles Planungsszenario darstellt, oder ob es nicht bessere alternative Streckenführungen gibt“, werde erst das Ergebnis des Gutachtens zeigen.

Gleiches Bild in Ludwigsburg: Wo man sich durch die Innenstadt neben oder in der Nähe der B 27 eine Trasse vorstellen könnte, darüber möchte Chefverkehrsplaner Sascha Behnsen nicht spekulieren. Erst wenn die Expertisen vorlägen, wolle die Stadt mit konkreten Planungen beginnen.

Ungelöst ist ebenfalls, wer die Planungshoheit erhalten soll. Die Stadt Kornwestheim sieht da den Verband Region Stuttgart in der Pflicht oder den Landkreis – „auch in finanzieller Hinsicht“, wie die Sprecherin ergänzt.

ADFC: Kommunen müssen Potenzial erkennen

Überzeugungsarbeit Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), der vom Land in die Entwicklung eines Radschnellwegenetz einbezogen ist, wirbt dafür, dass Kommunen das Potenzial von Radschnellwegen „erkennen und verinnerlichen, damit die Umsetzung kraftvoll vorangetrieben werden kann“. Ohne die notwendige Überzeugung gehe es in der Radverkehrsförderung nicht.

Umsetzung Probleme bei der Umsetzung sieht der ADFC nicht unbedingt: Man gehe davon aus, dass Kommunen, die sich für eine Radschnellverbindung entschieden hätten, diese auch entsprechend den Vorgaben umsetzten und „alles dafür tun werden, die Kriterien zu erfüllen“. Das werde an bestimmten Stellen dazu führen, dass dem Radverkehr mehr Platz eingeräumt werden müsse. uro