Schwere Suche nach einem Kinderarzt

Bietigheimer Zeitung Uwe Roth 18.04.2017

Kinderärzte kommen mit der Behandlung ihrer kleinen Patienten kaum nach. Eltern sehen sich oft vor das Problem gestellt, keinen Kinderarzt zu finden. 

Wenn Eltern sich austauschen, sind sie schnell beim Thema Kinderarzt angelangt: Wie zufrieden ist man mit der Betreuung? Selten haben die Eltern etwas Fachliches auszusetzen. Dennoch ist das Arzt-Eltern-Verhältnis oftmals getrübt.

Ärger basiert meistens auf Banalem

Dabei ist der Ärger eher banaler Natur. Beispiele: Die Praxis ist telefonisch schlecht zu erreichen; oft springt bloß der Anrufbeantworter an; einen Termin bekommt man bei weniger akuten Fällen erst in einigen Tagen, und das Wartezimmer ist  proppenvoll. Mit Geduld sind solche Probleme auszuhalten. Dramatischer wird die Situation für Neuzugezogene, wenn sie keinen Mediziner finden, der bereit ist, ihren Nachwuchs als Patienten anzunehmen. Manche Praxen haben einen Aufnahmestopp oder akzeptieren lediglich Neugeborene.

Das sind die Erfahrungen von Patienteneltern, wie sie im Internet nachzulesen sind. Nach der Betrachtungsweise der kassenärztlichen Vereinigungen, Krankenhäuser und Krankenkassen herrscht hingegen im Landkreis Ludwigsburg eine Überversorgung an Kinderärzten. Stand Februar liegt der Versorgungsgrad bei 147,8 Prozent. Nach der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg wird sich an der Zahl von 38 praktizierenden Kinder- und Jugendärzten im Landkreis somit wenig ändern. Sollte ein Praxisinhaber aus Altersgründen aufgeben, könnte es sogar sein, dass dieser nicht ersetzt wird, falls ein weiterer Kinderarzt in der Nähe ist. Da auch die Nachbarkreise oberhalb von 110 Prozent liegen, sind diese für Zulassungen ebenfalls gesperrt.

Alle Hände voll zu tun

Dr. Arnold Schwarz kennt die Lage bestens. Der Vaihinger Arzt ist im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) Obmann für den Landkreis. „Das ist die Realität. Wir Kinderärzte haben alle Hände voll zu tun“, bestätigt er. Was Eltern als Mangelversorgung wahrnehmen, werde von der Gesundheitspolitik als Überversorgung betrachtet. „Die Ursachen liegen in der Bedarfsplanung, wie sie Anfang der 1990er Jahre festgelegt wurde“, stellt Dr. Schwarz fest. Während die Bedarfsplanung nahezu unverändert geblieben sei, hätten die Kinder- und Jugendärzte neue Aufgaben hinzubekommen. So nehme die Vorsorgeuntersuchung mittlerweile viel Zeit in Anspruch.

„Dazu kommt, dass wir seit drei bis vier Jahren deutlich mehr Geburten haben“, berichtet der Kinderarzt. Laut aktueller Zahlen des Statistischen Landesamts gab es 2015 in Bietigheim-Bissingen 456 Geburten, im Jahr davor waren es 317. In Sachsenheim kletterte die Geburtenrate innerhalb eines Jahres um rund 50 auf knapp 200. Insgesamt wurden 2015 im Landkreis 5535 Kinder geboren – so viel wie seit 20 Jahren nicht mehr. 2016 ist ebenfalls zu einem geburtenstarken Jahrgang geworden. Dazu kommen die Flüchtlingskinder, die medizinisch betreut werden müssen.

Nicht genügend Ärzte vorhanden

Dr. Schwarz rechnet nicht mit zusätzlichen Arztpraxen, zumal auf dem Arbeitsmarkt zu wenig Mediziner seien, die eine solche führen wollten. Unter den Medizinstudenten seien zudem viele Frauen, die oftmals nach einer Kinderpause nicht als Vollzeitkräfte in ihren Beruf zurückkehrten. Bleibt als Ausweg nur, dass Kinderärzte noch mehr Patienten behandeln sollen? In Ärztekreisen wird dieses Thema heißt diskutiert. Jeder Arzt geht einen Versorgungsauftrag ein. Wie er diesen ausfüllt, wird von der KV jedoch nicht kontrolliert, bestätigt eine Sprecherin. Das heißt, jeder Arzt kann die Zahl seiner Patienten und somit die Höhe seines Einkommens selbst bestimmen.

Die KV gibt für jede Praxis eine Mengengrenze vor, die erreicht werden sollte und bis zu der die Leistungen zu 100 Prozent bezahlt werden. „Danach gibt es einen abgestaffelten Preis. Jeder Arzt entscheidet selbst, wie viele Patienten er wirklich aufnimmt und abrechnet“, so die KV-Sprecherin. Kreis-Obmann Dr. Schwarz drückt es so aus: „Ich empfehle jedem Kollegen und jeder Kollegin so viele Patienten wie möglich aufzunehmen.“ Sein Arbeitstempo müsse aber jeder selbst bestimmen können.

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