Schäuble kämpft weiter für Europa

ZVW Uwe Roth 19.10.2015

Waiblingen/Stuttgart. Die Zukunft des Euro sollte ausgeleuchtet werden. Die Volksbank hatte dazu hochkarätige Finanzexperten – und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ins Stuttgarter Neue Schloss eingeladen. Mehr als Orakel gab es aber nicht zu hören.

Wolfgang Schäuble, der Stargast am Freitagabend: Das in den Medien allgegenwärtige Regierungsmitglied kommt (auf die letzte Minute), spricht (ungefähr eine halbe Stunde) und rollt anschließend (in großer Eile) zum Festsaal wieder raus. Feierabend, es geht von Stuttgart wohl heim ins Badische. Die Finanzexperten in der ersten Reihe, die nach ihm auf dem Podium Platz nehmen, schauen leicht irritiert.

Denn, so sagen zwei der vier eingeladenen Fachmänner später, sie hätten Schäuble gerne etwas von ihren (fachlichen) Ansichten zu seiner Politik mitgegeben. Ganz sicher hätten sie ihm gesagt, was sie von seinem Umgang mit der Euro-Krise und den Griechen halten oder auch was von der Niedrigzinsstrategie. Schließlich ist man dem wichtigsten Finanzminister in der EU nicht jeden Tag so nah. Aber nun ist Schäuble eben diskussionslos entschwunden.

Dabei hätten ihm die Podiumsteilnehmer fachlich sicher Fundiertes mitgeteilt. Ulrich Bindseil ist Generaldirektor bei der Europäischen Zentralbank; Wolfgang Kirsch Vorstandsvorsitzender der DZ Bank AG mit zahlreichen Aufsichtsratsposten, Frank Engels wiederum ist Mitglied der Geschäftsführung der Union Investment Privatfonds, und Markus Gürne kennt man aus dem Fernsehen. Vor der Tagesschau berichtet er meistens anschaulich, wie der Tag an der Börse war.

Die Wurzeln der Volksbank in Waiblingen bleiben unerwähnt

Also hochkarätiger als mit diesen Fachleuten kann man ein Podium zu diesem Thema kaum besetzen. Der einzige, und das ist das Manko, der auf dem Podium nicht vom Finanzfach ist, moderiert den Abend: Michael Antwerpes. Ihn kennt man ebenfalls aus dem Fernsehen, aus Sportsendungen und Unterhaltungsshows. Dass er nicht vom Finanzfach ist, merkt man an seinen Fragen. Dass die Diskussion über mögliche Entwicklungen der europäischen Währung vom Thema her nicht wenig erhellend verläuft, liegt auch an dem Sportexperten.

Aber angesichts des Stargasts aus der großen Politik wird das Podiumsgespräch fast zu Nebensache. Volksbank-Vorstandsvorsitzender Hans Zeisl sagt zur Begrüßung den Gästen etwas über die erfolgreiche Entwicklung der Volksbank Stuttgart e. G., über das Jubiläumsjahr 2015, in dem die Genossenschaftsbank 150 Jahre alt geworden ist, aber er erwähnt nicht, dass die Bank ihre Wurzeln in Waiblingen hat. Die Stauferstadt kommt im Grußwort nicht vor. Vielleicht passt der Name nicht zur großen Finanzwelt, der man sich im Neuen Schloss widmen möchte.

Dem Kurzvortrag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat man in der Einladung vorsichtshalber kein Thema zugeordnet. Man nennt so etwas dann Keynote. Darin enthalten sollen eigentlich von der Definition her die Kernbotschaften passend zum Thema der Veranstaltung sein, also in diesem Fall zum weiteren Schicksal des Euro („Quo vadis, Euro?“). Der CDU-Politiker Schäuble jedoch greift die Flüchtlingskrise auf und sagt das, was die Regierungsmitglieder derzeit in den Medien alle sagen: Die Flüchtlingskrise können die EU-Staaten nur gemeinsam in den Griff bekommen.

Vorrangig sei, die EU-Außengrenzen zu sichern. Schäuble plädiert für ein Mehr an Europa und nicht für ein Weniger. Europa sei nicht das Problem, sondern die Lösung des Problems. Ansonsten kalauert sich der altgediente Politiker durch seine halbe Stunde. Eine Anekdote über sein Verhältnis zum griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras hier, etwas aus dem Nähkästchen über die frühen Euro-Verhandlungen Ende der 1980er Jahren mit dem damaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors da. Schäuble ist ein guter Unterhalter. Er gibt dem Abend zumindest eine heitere Keynote.

Der pedantische Haushälter korrigiert sein Image in Europa

Schäuble versucht sogar ein wenig, sein in Europa geprägtes Bild des pedantischen Haushälters zu korrigieren. Dass man beispielsweise von den Italienern nicht eine 100-prozentige Einhaltung der Regeln erwarten dürfe, das wisse auch er. Er sei bereits mit 50 oder 60 Prozent zufrieden, eine gewisse Grundverlässlichkeit müsse allerdings schon vorhanden sein. Am Ende wissen die Zuhörer, dass Schäuble ein amüsanter Plauderer sein kann und er als gewichtiger Politiker weiterhin auf Europa setzt. Viel mehr erfahren sie aber nicht. Dass er die Veranstaltung so schnell verlässt, wird ihm gegönnt. Schließlich war die Woche für den 73-Jährigen wieder einmal anstrengend.

Dass der Bundesfinanzminister so wenig Anknüpfungspunkte zur europäischen Währung für die weitere Diskussion hinterlässt, muss den Moderator etwas aus dem Konzept gebracht haben. Statt nach dem Euro fragt er die Banker nach alternativen Geldanlagen, weil der Zins doch so niedrig ist. Man erfährt, was man schon weiß: Die Deutschen seien wenig risikobereit und scheuten sich, Anlagen außerhalb des Euro-Raums zu suchen. Es folgt so etwas wie ein Bankenberatungsgespräch auf dem Podium.

Erst in der Schlussrunde fragt Journalist Antwerpes seine Gäste nach der Zukunft des Euro. In ihren Statements scheinen die Finanzexperten dann aber auch nur mutmaßen zu können. Man orakelt. Allein der Börsenjournalist Gürne bringt etwas frischen Wind in das Podiumsgespräch. Er sagt unter anderem, dass die Verbraucher neue Wege in der Geldanlage scheuten, sei das Verschulden der Banken, denen es nicht gelänge, ihre Produkte verständlich anzubieten. Damit könnte er auch den einen oder andern Beitrag auf dem Podium meinen. Manche interessante Information geht letztlich im allgemeinen Finanzkauderwelsch unter.

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