S-21-Gegner inspizieren Baustelle

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ZVW Uwe Roth 04.04.2016

Kernen/Stuttgart. Eines war von vornherein klar: Die Mitglieder von K 21 Kernen werden nicht als Stuttgart-21-Fans von der Baustellentour zurückkehren. Aber alles in allem war der Ausflug am Samstag nach Stuttgart lehrreich. Auf ihre zentrale Frage, warum der ganze Aufwand mit dem Bahnhof, haben sie eh keine Antwort erwartet.

Es scheint so, dass die Deutsche Bahn gelernt hat, wie man offenherzig mit Stuttgart-21-Gegnern umgeht. Eine Voraussetzung für die Offenheit ist allerdings, dass sich die Gegner ihres Milliardenprojekts im Bahnhofsturm als Besuchergruppe für eine Baustellenbesichtigung anmelden. Die andere ist die Bereitschaft, zwölf Euro pro Nase für die Annäherung an ein tief liegendes Bauwerk zu bezahlen, das nach ihren Vorstellungen kropfunnötig ist und nie, nie, nie, niemals fertig werden darf.

Mitglieder des Vereins K 21 Kernen haben am Samstag den Schritt auf eine S-21-Baustelle nicht zum ersten Mal getan. Man will sich auf dem Laufenden halten, erklärt Ebbe Kögel, der im Verein für die Pressearbeit zuständig ist. 13 Interessierte sind um elf Uhr in den Stuttgarter Bahnhofsturm gekommen. Dort stehen für die Besucher/S-21-Gegner gelbe Gummistiefel bereit – sauber nach ihrer Größe aufgereiht. Schutzhelm und Warnweste zu tragen, ist ebenfalls Pflicht zum Einlass durch den hohen Sicherheitszaun. Der wurde einst errichtet, um S-21-Gegner davon abzuhalten, die Baustelle zu stürmen. Der Bauzaun ist (gegen Bezahlung) durchlässiger geworden, Freund und Feind sind auf der gewaltigen Baustelle willkommen, so lange sie sich an die Besucherregeln halten.

Sie lassen sich nicht anmerken, was sie übereinander denken

Zuständig für die Charmeoffensive des Projektträgers ist Dieter Alwes, ein pensionierter Maschinenbauingenieur, wie er gleich zur Begrüßung erklärt. Die Besucher aus Kernen kennen ihn. Sie sind sich bereits zweimal bei einer Tour begegnet. Die Begeisterung der Vereinsmitglieder, erneut den Maschinenbauingenieur als Baustellenführer zu bekommen, hält sich in Grenzen. Er sei in den vorangegangenen Touren kein wirklicher Experte gewesen, raunt einer, eher einer, der gut verkaufen kann. Was der Maschinenbauingenieur über seine Besuchergruppe denkt, lässt der sich nicht anmerken. Profi eben.

Dieter Alwes ist der Typ perfekter Reiseleiter. Braun gebrannt, drahtig, Frohnatur und eloquent. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie er eine lustige Reisegruppe auf Mallorca durch das Tramuntanagebirge führt, ausgiebig und reich an Anekdoten historische Orte erklärt. Nun muss man sich vorstellen, er hat eine Horde pensionierte Geschichtslehrer um sich geschart, die im Zweifel alles besser weiß (wissen will) und jede falsche Jahreszahl mit einer Strafpredigt kommentiert. So ergeht es dem Maschinenbauingenieur am Samstag auf der S-21-Baustelle. Denn in der Besuchergruppe sind ebenfalls Ingenieure, zwar auch bereits in Rente, aber immer noch bestens informiert und für einen fachlichen Diskurs hoch motiviert.

Sie wollen von ihrem Baustellenführer konkrete Zahlen hören, kein Pi mal Daumen, und bitteschön auch die korrekten Begriffe, die einen Fachmann auszeichnen. So heißt der Bahnhof, für den gerade das Fundament gelegt wird, nicht Bahnhof, sondern Bahnsteighalle beziehungsweise Durchgangsstation. Das Beharren auf Exaktheit ist Ausdruck ihres Misstrauens. Denn, so sind die Besucher überzeugt, der Hang der Projektbetreiber zum Larifari in der Kommunikation hat Methode und soll die Öffentlichkeit darüber täuschen, wie es tatsächlich um das Projekt steht.

Zu Beginn der Tour hat man den Eindruck, einige Besucher legen es mit ihrem Fachwissen regelrecht darauf an, den Maschinenbauingenieur aufs Glatteis zu führen, ihn mit ihrem Detailwissen in die Ecke zu drängen. Dieter Alwes wirft in der Tat mit Zahlen nur so um sich, hat auf jede Frage eine Antwort. Am Kopfschütteln einiger Teilnehmer kann man erkennen, ob er vielleicht recht hat oder nicht.

Nach einiger Zeit ist das Spiel, ich weiß etwas, was du nicht weißt, auch nicht mehr lustig. Alwes hat nicht nur viele Fakten über das Projekt im Kopf, sondern auch gelernt, sich nicht in am Ende sinnlose Diskussionen mit den Gegnern zu verstricken. Er reagiert auf kritische Hinweise dann lieber mit Sätzen wie „Wusste ich nicht, will ich nicht bestreiten, kann sein“. Und damit ist dem Gegenüber der Wind aus dem Segel genommen.

Mit einem kleinen Bus wird die Gruppe über das riesige Baugelände bewegt. Nach und nach gewinnt der Baustellenführer an Vertrauen, und es wird eine lehrreiche Exkursion. Alwes hält sich zurück, offen – wie er das sicher bei anderen Besuchergruppen macht – für die Vorteile des Bahnprojekts zu werben. Dass auf dem frei werdenden Gelände dringend benötigter Wohnraum entsteht, deutet er allenfalls an.

Hinter dem Bauzaun erkennt man erst die wahre Dimension des Projekts. Vom Bahnhofsturm geht es auf eigens gebaute Straßen und über provisorische Brücken bis ins Nordbahnhofviertel. Kein einziges Mal muss der Bus eine öffentliche Straße kreuzen. Zwischen dem S-Bahn-Halt und der Heilbronner Straße wird das aus den Röhren geholte Erdreich auf Güterzüge verladen. Zum Teil wird die Fracht Hunderte von Kilometer in den Osten gebracht, wo sie in stillgelegten Braunkohlegruben als Füllmaterial dient.

Hans-Peter Ruff, der für den Verein K 21 Kernen die Tour organisiert hat, ist ebenfalls gelernter Ingenieur und sagt am Ende der zweieinhalbstündigen Rundfahrt: Das alles sei „technisch hoch spannend und faszinierend“. Ihm erscheint das Baugelände wie eine gigantische Spielwiese für Ingenieure, die sich dort nach Herzenslust austoben können, ohne zu wissen, was am Ende dabei herauskommt. Die Übrigen in der Gruppe sehen das genauso und beklagen die Milliarden, die dabei vergraben werden.

Die Mitglieder werden weiter gelegentlich auf Stuttgart-21-Baustellen auftauchen. Um sich auf dem neuesten Stand zu halten und mit neuen Argumenten zu versorgen, sagt Ebbe Kögel. Für weitere Diskussionen mit Befürwortern wollen sie gewappnet sein. Einigermaßen zufrieden fahren sie nach Kernen zurück. Die Besichtigung habe sie in ihrem Widerstand bestärkt, erklären sie zum Abschluss. Ihr Baustellenführer hat das nicht anders erwartet und verabschiedet sich freundlich. Profi eben.