Mit einem E-Mobil des Ostalbkreises testeten der baden-württembergische Verkehrsminister Hermann (Grüne) den neu gelegten Rüttelstreifen auf der Ausfahrt Lorch-Ost der B 29. Foto: Uwe Roth

Rüttelstreifen gegen Falschfahrer – Test auf B 29

ZVW Uwe Roth 17.07.2017

Lorch/Schorndorf. Falschfahrer werden durch Rüttelstreifen wachgerüttelt, bevor sie auf die Gegenfahrbahn geraten und zur Todesgefahr werden. Ob die spezielle Fahrbahnmarkierung in Verbindung mit zwei Warnschildern auf der Ausfahrt Lorch-Ost der B 29 funktioniert, wird sich in einem Feldversuch erweisen. Am Samstag wurde der erste dieser Art in Deutschland von viel politischer Prominenz offiziell freigegeben.

Die Stadt Lorch in Verbindung mit der Bundesstraße ist häufig schon wegen Falschfahrer in die Schlagzeilen geraten. Mitte Januar endete dort eine Geisterfahrt einer 72-Jährigen für sie selbst und einen jungen Mann tödlich. Die Frau war an der Anschlussstelle Lorch-Ost falsch aufgefahren. Im Mai 2015 starben in der Nähe eine 86-jährige Geisterfahrerin und ein 22-jähriger BMW-Fahrer. Warum es immer wieder zwischen Schorndorf und Schwäbisch Gmünd passiert, niemand kann es sich erklären.

Folglich hatte es eine gewisse Logik, an diesem Abschnitt der B 29 den ersten Testlauf für eine neuartige Fahrbahnmarkierung zu starten, für die es in der Straßenverkehrsordnung noch keine rechtliche Grundlage gibt. Auch die gelben Warnschilder mit schwarzer Handfläche und der Aufschrift „Stop – Falsch“, die Autofahrer aus Reisen durch Österreich kennen, sind in Deutschland nicht offiziell zugelassen.

„Es gibt viele innovative Ideen, Falschfahrer stoppen zu können, aber diese Variante erscheint vielversprechend“  (Verkehrsminister Hermann)

Für den Praxistest war somit eine Ministererlaubnis notwendig. Und die gab Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Er war am Samstag vor Ort und sagte: „Es gibt viele innovative Ideen, Falschfahrer stoppen zu können, aber diese Variante erscheint vielversprechend.“ Sie sei technisch ausgereift, leicht aufzubringen und zu unterhalten und dadurch kostengünstig. Letztlich stehe sie „nicht im Konflikt mit der Straßenverkehrsordnung“, ist er überzeugt.

Rüttelstreifen sind keine neue Erfindung. Sie werden beispielsweise vor scharfen Kurven aufgebracht, um Motorradfahrer ans Abbremsen zu erinnern. „Neu ist das Oberflächenprofil beim sogenannten Zweikomponentenmaterial“, wie Bautechniker Axel Spira von der Firma Swarco erläutert, die die Testmarkierung aus Kaltplastik produziert hat. Die eine Längsseite ist zwei Zentimeter höher als die andere. Während die Reifen des „Richtigfahrers“ von der leicht erhöhten Streifenseite abrollen, also kein allzu spürbares Hindernis darstellen, prallen die Reifen des Falschfahrers aus der umgekehrten Richtung auf die höhere Kante. „Wer aus der richtigen Richtung kommt, spürt die Rüttelung wesentlich weniger als der Falschfahrer, der richtig ausgerüttelt wird.“

In immer kürzeren Abständen, so dass der Rütteleffekt zunimmt

Die Erklärung kam am Samstag von einem jungen Polizist. Konstantin Berkovych aus Jena hatte die Idee dazu. Er verarbeitete sie zu einer Bachelorarbeit. Über sein Netzwerk, wie er sagte, fand er Kontakt ins Verkehrsministerium. „Innerhalb von drei Tagen kam dann die Einladung vom Verkehrsminister.“ Im ersten Testversuch sind insgesamt fünf Streifen vom Ende der Ausfahrt bis zu den beiden Warnschildern am linken und rechten Fahrbahnrand gelegt worden. In Richtung Warnschilder folgen sie in immer kürzeren Abständen, so dass der Rütteleffekt zunimmt.

Der Polizeibeamte genoss es sichtlich, von den Anwesenden in den Mittelpunkt und direkt neben Winfried Hermann gestellt zu werden. Das waren nicht nur der Minister, sondern auch Norbert Barthle (CDU), lokaler Bundestagsabgeordneter und zugleich Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Klaus Pavel, Landrat des Ostalbkreises, die Landtagsabgeordneten Petra Häffner (Grüne) und Claus Paal (CDU) sowie Polizeipräsident Roland Eisele. Gemäß der Koalition sind Häffner und Paal nicht nur im gleichen Fahrzeug zum Teststart nach Lorch gekommen, sondern sie haben auch eine gemeinsame Erklärung herausgegeben. Darin stellen sie fest: „Wir freuen uns sehr, dass das Verkehrsministerium unser dringendes Anliegen – die Verkehrssicherheit auf der B 29 durch präventive Maßnahmen zu verbessern – aufgegriffen hat.“ Mit dem Pilotprojekt „kommen wir unserem Leitbild „Mobilität ohne Verkehrstote“, das wir im grün-schwarzen Koalitionsvertrag verankert haben, einen Schritt näher“.

Rütteleffekt verhalten

Die Ausfahrt Lorch-Ost war während der Veranstaltung gesperrt. Das Landratsamt in Aalen stellte ein Elektrofahrzeug für eine kurze Geisterfahrt zur Verfügung, um für die Insassen die Rüttelmarkierung spürbar werden zu lassen. Am Steuer saß Verkehrsdezernent Thomas Wagenblast. Er sagte leicht enttäuscht, er habe größere Unterschiede auf der Markierung zwischen der richtigen und falschen Richtung erwartet. Berkovych wiederum zeigte sich überzeugt, dass sein System eine Eins minus verdient habe, er es aber noch zu einer Eins plus weiterentwickeln wolle.

Autonome Zukunft?

Die Landesregierung hat für die Finanzierung von insgesamt drei Rampen an der Ausfahrt 27 000 Euro bereitgestellt. Der Erfinder des Rüttelstreifens, Konstantin Berkovych, rechnet mit Fertigungskosten von 3500 Euro je Rüttelstreifensystems pro Anschlussstellenabfahrt. Dafür würden nicht mehr als drei bis vier Arbeitsstunden benötigt. Dass sich das autonome Fahren etablieren wird, davon zeigten sich am Samstag nicht nur Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), sondern auch Verkehrsstaatssekretär Norbert Barthle (CDU) überzeugt. Spätestens dann werden solche mechanischen Gefahrenmelder wie ein Rüttelstreifen überflüssig. Auf Geisterfahrer sind die Fahrzeuge der Zukunft nicht programmiert. uro

Siehe auch:

http://journalistroth.eu/fitnesstest-fuer-aeltere-autofahrer-nur-freiwillig/

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