Nobelautos im Visier von Dieben – Täter knacken moderne Schließtechnik

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Südwest Presse, Autor: UWE ROTH, 03.05.2016

STUTTGART: Etwa 20 Luxusautos sind in den vergangenen Wochen aus der Region verschwunden. Das Landeskriminalamt hat ein Ermittlungsteam gebildet.

Es geschieht meistens in der Nacht. Luxusfahrzeuge im Wert von 50.000 Euro aufwärts verschwinden spurlos von öffentlich zugänglichen Flächen. Und auch geräuschlos. Denn die Diebe wissen es geschickt zu unterbinden, dass die Alarmanlagen der Autos aufheulen. Allein aus dem Stadtgebiet Stuttgart kamen in den vergangenen Wochen 14 solcher Edelkarossen abhanden, 20 waren es in der Region. Landesweit sind in diesem Jahr bereits 140 Autos der Luxusklasse als gestohlen gemeldet worden.

Die Polizei hat jetzt reagiert. Beamte des Landeskriminalamts (LKA) haben sich für die Tätersuche mit Kollegen des Polizeipräsidiums Stuttgart zusammengetan. Welche Beute die Diebe bevorzugt knacken, ist am Namen der Ermittlungsgruppe abzulesen: Premium. Am 1. April hatte ein Fahrzeugbesitzer vom Stuttgarter Killesberg seinen Mercedes AMG im Wert von 180.000 Euro als vermisst gemeldet.

Vor zwei Wochen gelangte ein schwarzer Porsche Cayenne im Wert von 150.000 Euro auf die Suchliste der Ermittlungsgruppe. Der Geländewagen der Superklasse war in Remseck-Aldingen (Landkreis Ludwigsburg) auf einer Straße mitten im Ort geparkt gewesen. In Neuhausen (Landkreis Esslingen) verschwand ein ähnlich teurer orangefarbener Porsche 911 S. In einem Stadtteil von Leonberg entkamen Diebe in einem grauen Jaguar XF im Wert von 65.000 Euro. Ein neuwertiger Cayenne, der am 21. April in Stuttgart-Botnang als gestohlen gemeldet wurde, ist inzwischen im oberfränkischen Bayreuth aufgetaucht, berichtet LKA-Pressesprecher Ulrich Heffner.

Ein Glücksfall nicht nur für den Besitzer, sondern auch für die Ermittler. Denn das Fahrzeug wird intensiv kriminaltechnisch untersucht, wie Heffner sagt, so auf Datenspuren, die die Täter in der Bordelektronik hinterlassen haben. Die Techniker hoffen, zudem DNA-Partikel zu finden, um darüber Aufschluss über die Täter zu bekommen, falls sie bereits polizeiauffällig gewesen sind oder irgendwann später erkennungsdienstlich behandelt werden. Für die Beamten ist es jedenfalls der erste konkrete Ermittlungsansatz. Dass der Wagen am östlichen Rand Deutschlands gefunden wurde, bestätigt den Fahndern den Verdacht, dass die Fahrzeuge unverzüglich nach Osteuropa gebracht werden. „Wir gehen von organisierten Banden aus“, sagt Heffner.

Eventuell würden diese sogar auf Bestellung liefern. Eines haben die gestohlenen Luxuskarossen gemeinsam: In ihnen ist ein schlüsselfreies Sicherungssystem verbaut; ein sogenanntes Keyless Go. Der Fahrzeughalter trägt einen Sender bei sich. Nähert er sich seinem Auto, öffnet sich automatisch die Verriegelung, und der Motor lässt sich ohne Schlüssel starten. Das ist als Komfort gedacht. Dumm nur, dass der Sender ununterbrochen das Signal zum Öffnen ausgibt, auch wenn das Auto weit weg ist. Das machen sich die Diebe zunutze. Sie sind als Duo unterwegs: Einer fängt das Signal ab. Die Technik lässt sich gut in einer Notebook-Tasche verstecken. Von dort wird das Signal an den Komplizen weitergeleitet, der direkt am Fahrzeug mit einem Empfänger steht, der gleichzeitig Türöffner ist und den Motor freigibt.

Das Keyless-Go-System ist weltweit verbreitet – auch in weniger teuren Fahrzeugmodellen. Seine Achillesferse ist seit über einem Jahr bekannt. Sicherheitsexperten werfen den Autoherstellern vor, nicht auf die Sicherheitslücke zu reagieren. Porsche in Zuffenhausen und Daimler in Untertürkheim betonen auf Anfrage unisono, dass ihre Sicherheitssysteme höchsten Standards entsprächen. „Datensicherheit, Datenschutz und Diebstahlschutz sind wichtige Bausteine unserer Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten“, betont ein Daimler-Unternehmenssprecher. Er schränkt jedoch ein: „Unter bestimmten Umständen kann mit dem entsprechenden technischen Equipment das Funksignal zwischen Schüssel und Fahrzeug verlängert werden.“

Keyless-Go-Schlüssel neuerer Generation böten aber die Option, durch zweimaliges Drücken auf die Verriegelungstaste am Schlüssel die Öffnerfunktion auszuschalten. Mit dieser Lösung ist Daimler allerdings nah bei der Funktion eines gewöhnlichen Schlüssels, der durch Drücken die Türen ent- und verriegelt. Auch bei Porsche sind Sicherheitsexperten dabei, neue technische Lösungen zu finden, so ein Unternehmenssprecher. Bis diese gefunden sind, werden Porsche-Kunden mit Sicherheitstipps versorgt (siehe Kasten). Manchmal werde es den Dieben auch recht einfach gemacht. Wenn beispielsweise das teure Auto auf der Straße geparkt werde und nicht in der vorhandenen Garage. „Das Bedürfnis nach Komfort ist oftmals größer als nach Sicherheit“, stellt der Sprecher lapidar fest.

Tipps, wie man das Auto schützen kann

Alufolie So kann man sich vor Attacken gegen das Keyless-Go-System schützen: Wickelt man verstärkt werden könnten. Allerdings: Bei jeder Benutzung muss jeder Schlüssel erst aus- und den Schlüssel in Alufolie ein, sendet er keine Funkwellen mehr aus, die abgefangen und anschließend wieder eingewickelt werden. Am besten mit neuer Alufolie. Blackbox Man kann den Schlüssel außerhalb des Autos in einer Metalldose gegen das herkömmliche Schlüssellösung umrüsten.