Neckar: Wo sich die Ludwigsburger einst vergnügten

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Stuttgarter Zeitung, Uwe Roth, 03.12.2019

Ludwigsburg hat ein ähnliches Problem wie Stuttgart: Der Neckar spielt im Stadtbild kaum eine Rolle. Das war nicht immer so. In Hoheneck wurden einst hochmoderne Boote gebaut – und Menschen kamen von weit her. Aus einem ganz bestimmten Grund.

Ludwigsburg entdeckt – zwar langsam – den Neckar als Teil der Stadt wieder. Dabei gibt es einiges aufzuarbeiten, um dem Fluss die Bedeutung zurückzugeben, die er für die Menschen im nahen Umkreis bis in die Nachkriegszeit hatte. Kaum jemand erinnert sich etwa daran, dass einst „Fischerei und Bootsbau eine sehr wichtige Einnahmequellen waren“. So steht es in einem Zeitungsartikel, der 1952 anlässlich der 700-Jahr-Feiern des Stadtteils Hoheneck veröffentlicht worden war. Auf dem Foto ist als Beleg ein schlankes Boot im Festumzug zu sehen. Den Männern ist anzusehen, wie mühsam es ist, den Kahn auf Rollen durch die engen Straßen zu navigieren. Die Barockstadt hat heute am Neckar keinen Hafen, nur eine zumeist verwaiste Anlegestelle. Ausflugsschiffe lassen Passagiere aus- und einsteigen.

Selten legt ein Flusskreuzfahrtschiff einen Zwischenstopp ein. Tatsächlich aber hat es dort zwischen 1858 und den 1960er Jahren eine kleine Werft gegeben, die so sogar Bootsgeschichte schrieb.

Erstes Motorboot der Welt kommt aus Ludwigsburg

Den Beleg dafür findet sich nicht am Neckar, sondern 270 Kilometer südöstlich von Hoheneck – im Deutschen Museum München. In der Abteilung Schifffahrt ist das erste Motorboot im Original zu sehen, das Gottlieb Daimler 1885 konstruierte. In den Erläuterungen zum Ausstellungsobjekt steht: „Das auf der Werft G. Seibert in Hoheneck bei Ludwigsburg gebaute 4,5 Meter lange Fahrzeug fasste fünf Personen.“ Im August 1886 schwamm das Boot zum ersten Mal auf dem Neckar und erreichte eine Geschwindigkeit von zehn Kilometer pro Stunde. Es war weltweit das erste Motorboot, das tatsächlich längere Strecken zurücklegen konnte. Zwei Exemplare ließ Daimler in Hoheneck bauen.

Martin Seibert hat vor vielen Jahren bei einem Besuch des Münchner Museums die Arbeit seines Urgroßvaters voller Stolz entdeckt. Der 72-Jährige ist der Nachfahre einer Schiffsbauerfamilie, deren Wurzeln bis mindestens ins 17. Jahrhundert zurückreichen. „Gesichert ist, dass Herzog Karl Eugen 1758 beim Schiffbauer Johann-Peter Seibert sechs Schiffe für eine Schiffbrücke beauftragte“, weiß der Ludwigsburger aus der Chronik von Neckarweihingen. Sie wurde benötigt, um darauf Sand zu transportieren, der für den Bau der Ludwigsburger Stadtmauer gebraucht wurde. Bis dahin verband eine Holzbrücke, die damals selbstständigen Orte Neckarweihingen und Hoheneck.

Doch der Neckar war wild, Hochwasser und Eisplatten beschädigten immer wieder die Holzstützen oder brachten das Bauwerk völlig zum Einsturz. Die bei Johann-Peter Seibert bestellten sechs Schwimmplattformen verbanden beide Ufer und wurden eingezogen, wenn der Neckar zu heftig zu werden drohte.

Solequelle macht Hoheneck zum florierenden Kurort

Seiberts Schiffsbau hatte damals seinen Sitz in Eberbach östlich von Heidelberg. 1858 zog ein Teil der Schiffbauerfamilie nach Hoheneck um, weil sich neben Einnahmen aus der Werft mit der Betreuung der Schiffsbrücke Geld verdienen ließ. Die Boote wurden auf Bestellung gebaut. Ruderboote, Paddelboote, Faltboote, Segel- und Transportboote. Mit 30 Metern lief 1930 das längste vom Stapel. Stocherkähne für die Fischer wurden bis Tübingen geliefert, wo sich Studenten damit Rennen lieferten. „Es waren alles Eigenkonstruktionen“, sagt Nachfahre Seibert. Er baute keine Schiffe mehr, sondern lernte Bankkaufmann. Die Werft schien selten eine Einkommensquelle zu sein, auf die sich die Familie verlassen konnte.

Seiberts Großeltern bauten Anfang des 20. Jahrhunderts ein Mehrgenerationenhaus mit verschiedenen Anbauten. Das einstmals repräsentative Gebäude an der Neckarbrücke war Firmensitz, Werkstatt, Wohnraum für die Großeltern, seine Eltern, Onkel und Tante. Im Erdgeschoss war ein Café, das Paddlerstüble, im Obergeschoss schliefen Kurgäste. Eine zufällig entdeckte Solequelle machte Hoheneck vor mehr als 100 Jahren zu einem florierenden Kurort mit Kurhaus und Hotels. Auch die Seiberts profitierten von dem Heilwasser aus den Tiefen der Erde.

Nichts erinnert an die Bootsvergangenheit

Die Eltern vermieteten außerdem Bootsliegeplätze an Freizeitkapitäne im Schuppen und vor allem an den Wochenenden selbst gebaute Ruderboote, in denen sich die Ludwigsburger auf dem Neckar vergnügten. Auch auf dem Monrepos, Ebnisee oder Waldsee bei Fornsbach wurden Boote aus Hoheneck verliehen. Nicht zu vergessen: Seiberts besaßen das Fischereirecht, und der Vater von Martin Seibert verkaufte die Fänge auf dem Stuttgarter Markt.

Die Familie hat das Haus samt umliegendem Grundstück Ende der 1960er Jahre an die Stadt verkauft und in Neckarweihingen ein Wohnhaus gebaut. Heute ist das Gebäude von Verkehrslärm umgeben. Es steht verlassen auf einer Verkehrsinsel. Nichts erinnert an die Bootsvergangenheit. Dass sich Kurgäste auf dem umlaufenden Balkon entspannten, ist heute kaum mehr vorstellbar. Die Stadtverwaltung hatte es zuerst abreißen lassen wollen, dann über Jahrzehnte an Vereine vermietet. Im vergangenen Jahr zog der letzte Mieter aus: Der Musikverein Alte Kameraden hatte sich aufgelöst.