Mitte-Studie: rechte Gesinnung und Gewaltbereitschaft

ZVW Uwe Roth 08.07.2017

Schorndorf. Trotz AfD und Pegida – die Gesellschaft ist nicht nach rechts gerückt, aber sie polarisiert sich. Das stellt Professor Elmar Brähler in seinem Vortrag am Donnerstag in Schorndorf fest. Grundlage seiner Erkenntnis sind regelmäßige Befragungen seit 2002 nach rechtsextremen Einstellungen in der Bevölkerung. Sorge bereitet ihm die wachsende Bereitschaft von Bürgern aus der Mittelschicht, rechte Gesinnung mit Gewalt zu demonstrieren.


Der 71-jährige Wissenschaftler ist vom DGB, Forum Politik und dem VVN-BdA Rems-Murr in die Manufaktur eingeladen worden, um die Ergebnisse seiner vor einem Jahr veröffentlichten „Mitte“-Studie, die mittlerweile achte, vorzustellen. Alle zwei Jahre geben er und sein Forscherteam eine repräsentative Befragung (siehe Info) in Auftrag, in der Bürger um ihre Meinung zu Themen gebeten werden, die man mit rechter Gesinnung in Zusammenhang bringt. Dazu zählen unter anderem Ausländerfeindlichkeit, Ablehnung des Islam, Antisemitismus oder die Einstellung zur Homosexualität. Zudem werden die Studienteilnehmer nach ihrer Einstellung zur Demokratie befragt.

Vielen CDU/CSU- und SPD-Wählern fehlt die Distanz zu AfD-Positionen

Reiht man die Ergebnisse aneinander, die Brähler vor wenig und bereits älterem Publikum vorträgt, erstaunt nicht so sehr, was die Zuhörer über die Antworten von AfD-Anhängern erfahren, sondern vielmehr, dass den Einstellungen von CDU/CSU- und SPD-Wählern manchmal eine deutliche Distanz zu AfD-Positionen fehlt. Es ist bekannt, dass der typische AfD-Wähler männlich und gegen den Islam eingestellt ist, die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ablehnt, er Verschwörungstheorien nachhängt und andere Vorstellungen von funktionierender Demokratie hat.

Es überrascht ebenso wenig, dass Sympathisanten der Alternative für Deutschland nicht ausschließlich arbeitslos sind oder Geringverdiener. Tatsächlich verfügen etwa ein Drittel der Befragten über ein Einkommen, das höher als 2500 Euro ist; knapp unter 20 Prozent verdienen weniger als 1250 Euro. Bei Grünen-Wählern ist der Prozentsatz der Geringverdiener im Übrigen nahezu gleich. Unter den CDU-Wählern liegt der Anteil Gutverdiener lediglich sechs Prozentpunkte höher als bei AfD-Wählern. Rund 16 Prozent von ihnen haben Abitur. Das sind nur vier Prozent weniger als bei CDU- und SPD-Anhängern. Mit niedrigem Kontostand und Bildungsferne allein sind ausgeprägt rechte Ansichten folglich nicht zu begründen. „Der AfD ist es nicht gelungen, die Personengruppe der Abgehängten an sich zu binden“, stellt dazu Brähler fest.

Mitte-Studie: Nichtwähler deutlich rechts

Der Wutbürger, der zur AfD übergelaufen ist, hat verschiedene Facetten – von asozial, Familienmensch bis zu intellektuell. Der sächselnde 50-Jährige mit Schmierbauch und schlichten Ansichten allein ist es nicht. Führende Parteifunktionäre, aber auch einfache Basismitglieder haben einen Doktor- oder Professoren-Titel. Das weiß man inzwischen aus den Medien. In den Ausführungen von Brähler ist dagegen bei einigen Fragen überraschend, wie nah die Ansichten der übrigen Befragten zur AfD sind. Nichtwähler und Vielleicht-Wähler sind mit ihren Ansichten von AfDlern kaum zu unterscheiden und stehen damit deutlich in der rechten Ecke.

Aber auch SPD- und CDU-Wähler unter den Studienteilnehmern haben oftmals keine konträre Meinung, sondern lediglich eine leicht abgemilderte. Wenn es beispielsweise um Patriotismus geht, denkt ein großer Teil der Bevölkerung in der Trump-Kategorie „Amercia first“ oder eben Deutschland zuerst. Der Aussage, „die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden“, stimmten immerhin knapp 60 Prozent der CDU/CSU-Wähler zu, bei den FDP-Anhängern waren es knapp 57, den SPD-Wählern über 56 Prozent. Die AfD-Sympathisanten liegen mit knapp 90 Prozent unangefochten an der Spitze. Ebenso viele vertreten die Ansicht, „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“. Aber auch knapp 60 Prozent der FDP-, CDU/CSU- und SPD-Wähler trauen dieser Bevölkerungsgruppe nicht über den Weg. Wähler der Grünen und Linken unter den Befragten bleiben insgesamt konsequent konträr zu konservativen Ansichten.

Mitte-Studie: Hälfte AfD-Anhänger sieht sich gewaltbereit

„SPD-Wähler sind relativ konservativ“, sagt der Wissenschaftler. Viele Gewerkschaftsmitglieder stünden der AfD nah. Dass CDU/CSU-Anhänger mit ihren Einstellungen meistens in der Mitte liegen, hängt nach seiner Überzeugung damit zusammen, dass die besonders konservativen mittlerweile zur AfD übergelaufen sind und die Partei damit vom rechten Balast befreit haben. „Die CDU hat sich modernisiert“, stellt Brähler fest. Er erinnert sich an seine Studienzeit in den 1960er Jahren in Gießen. Damals hätten einige CDU-Politiker mit ihrer Gesinnung weiter rechts gestanden als die heutige AfD. Was ihn dagegen umtreibt, ist die Gewaltbereitschaft und die Akzeptanz von Gewalt. Knapp die Hälfte der AfD-Anhänger bezeichnet sich als gewaltbereit. Bei SPD- und CDU/CSU-Wählern sind es um die 15 Prozent. Der Anteil der CDU/CSU-Wähler verdoppelt sich allerdings bei der Frage nach der Gewaltakzeptanz auf immerhin 30 Prozent.

Brähler ist nicht der Überzeugung, dass die Lösung des rechten Problems darin besteht, die AfD aus den Landtagen zu verdrängen. Dazu müssten die anderen Parteien deren rechte Positionen übernehmen. „Das halte ich für eine große Gefahr.“ Vielmehr müsse es darum gehen, „eine bessere Streit- und Diskussionskultur zu pflegen“. Hier liegt nach seiner Überzeugung einiges im Argen.

Die Mitte-Studie

Für die „Mitte“-Studie befragen Wissenschaftler bundesweit 2420 Menschen (West: 1917, Ost: 503) zu den Themen Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Chauvinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus. Sie gliederten die Antworten in sechs soziologische Milieus.

An der Universität Leipzig werden seit 2002 alle zwei Jahre bevölkerungsrepräsentative Befragungen zur politischen Einstellung durchgeführt. Von 2006 bis 2012 entstanden Studien in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seit 2014 führen die Universität Leipzig und die Friedrich-Ebert-Stiftung jeweils eigene Mitte-Studien durch. Im Juni 2016 erschien die Studie „Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland“ in Kooperation mit der Heinrich- Böll-Stiftung, der Otto-Brenner-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Elmar Brähler, einer der Herausgeber, studierte in Gießen Mathematik und Physik. Von 1969 bis 1994 war er in Gießen in verschiedenen Positionen am Zentrum für Psychosomatische Medizin in der Abteilung Medizinische Psychologie tätig. Von 1994 bis 2013 war Brähler Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig. Von 2002 bis 2005 und 2008 bis 2010 war er Prodekan der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

Die vollständige Studie findet sich in den Publikationen der Heinrich-Böll-Stiftung. Die vollständige Studie auf der Internetseite der Heinrich-Böll-Stiftung.

Print Friendly, PDF & Email