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Mit dem Rad von Waiblingen nach Stuttgart: Häufig geht es kreuz und quer

SWP Uwe Roth 19.08.2017

Der Stuttgarter Martin Winterling benutzt für seinen Weg zur Arbeit in Waiblingen ein Pedelec. Trotz der Schikanen gibt er nicht auf. Denn es wird besser, stellt er fest. 

Martin Winterling fährt mit dem Pedelec zur Arbeit. Hier macht er Halt am Leuze. Foto: Uwe Roth
Martin Winterling fährt mit dem Pedelec zur Arbeit. Hier macht er Halt am Leuze. Foto: Uwe Roth

Sein Arbeitsweg beträgt 20 Kilometer. Problem ist die Topografie: Der Wohnort von Martin Winterling, Stuttgart-Kaltental, liegt auf 370 Meter und sein Arbeitsplatz in Waiblingen auf 220 Meter Höhe. Dazwischen ist es hügelig. Nur Trainierte schaffen täglich mit einem antriebslosen Fahrrad die 350 Höhenmeter hin und zurück. Doch der kleine Elektromotor am Rahmen hat seine Mobilität revolutioniert, wie Winterling sagt. Der 61-Jährige sitzt als Redakteur viel am Schreibtisch. Das Pedelec vermeidet Strapazen an Steilstrecken und lässt auf der Ebene und leichten Anstiegen Spielraum für körperliche Bewegung.

Es dominieren Fahrrad-Touristikrouten

Winterling musste anfänglich einige Wege auf gut Glück ausprobieren, bis er zu seiner Ideallinie zwischen den beiden Orten fand. Radwegeschilder bieten Berufspendlern unter den Radfahrern keine besonders gute Orientierung, da diese ursprünglich für Freizeitradler entlang schöner Routen aufgestellt wurden. Aber der Radfahrer will ebenso wie der Pendler mit dem Auto möglichst auf dem direkten Weg zu seinem Arbeitsplatz und abends ohne Umwege heim. An vielen Stellen des Radwegenetzes in der Region ist das allerdings so nicht vorgesehen. Es dominieren die weitläufigen Fahrradtouristikrouten.

„Kein Radler will neben einer vielbefahrenen Straße fahren“

Seine Heimfahrt von der Arbeit schildert Martin Winterling so: Von Waiblingen nach Fellbach und weiter nach Cannstatt führen eigentlich ganz nette Wege nach Stuttgart. „Doch das ist ein Zickzack-Kurs, den man nur mit sehr guten Ortskenntnissen schafft.“ Die offiziell ausgeschilderte Radroute hält sich an die vierspurige Hauptstraße. Die heißt zuerst Stuttgarter, dann Nürnberger und schließlich Waiblinger Straße. „Die eignen sich aber nicht als Radwege“, stellt Winterling fest. „Kein Radler will neben einer vielbefahrenen Straße fahren.“ Dabei hat es die Stadt Stuttgart gut gemeint, als sie den Autofahrern eine Spur wegnahm und den Radlern zuwies. Doch der Radweg ist wenig befahren und das wiederum ärgere Autofahrer, hat der Journalist beobachtet.

Diese stellten sich die Frage: „Warum, zum Teufel, steh’ ich im Stau, und der Radweg ist leer?“ Bei eingefleischten Autofahrern entstehe der Eindruck, Radfahrer behinderten angesichts ihrer tatsächlichen Zahl mit ihren Ansprüchen bereits heute den Verkehr. Das müsste seiner Ansicht nach nicht sein: „Die Waiblinger Straße ist eigentlich ein Quatsch als Radweg, weil sie laut und stinkig ist. Zudem gibt es alternative Wege durch Wohngebiete in Cannstatt, die viel schöner und nur unwesentlich weiter sind.“

Radweg endet im Nirgendwo

Dass auf diesem Abschnitt wenig Radler unterwegs sind, könnte an den folgenden Hindernissen Richtung Stuttgart liegen. Denn an der Kreuzung Waiblinger-/Daimlerstraße vor dem Wilhelms platz endet der Radweg ohne Ankündigung. „Die Radler werden auf einen Irrweg durch Cannstatt am dortigen Bahnhof vorbei zur König-Karl-Brücke geführt. Aber der ist mies oder gar nicht ausgeschildert“, ärgert sich der Pedelecfahrer. Wer auf dem normalen Weg weiterradele, verliere sich „im Nirgendwo“.

Dann kommt der Streckenabschnitt, der wegen der Stuttgart-21-Baustellen eine echte Herausforderung für Radfahrer geworden ist. „Verkehrsplaner zwacken den Platz grundsätzlich bei den Fußgängern oder den Radlern ab.“ Dann heißt es wahlweise im dichten Verkehrsgewimmel „Straßenseite wechseln“, „Absteigen“ oder „Radweg Ende“. „Was würde passieren, wenn die Planer Autofahrern Ähnliches abverlangen würden.“ Die Stadt würde die Proteste keinen Tag aushalten, ist er überzeugt.

Engpass für Radfahrer am Neckar

Ein echter Engpass ist für Radfahrer der Neckar. Entlang der Wilhelma herrscht ein Radfahrverbot. Das wird von der Pedelec-Streife der Polizei zunehmend kontrolliert, wie Martin Winterling selbst erfahren musste. Auf der König-Karls-Brücke am Leuze-Bad geht es wiederum sehr eng zu. Täglich passieren dort bis zu 5000 Radfahrer den Flaschenhals. Danach allerdings läuft es durch den Schlosspark sehr flüssig. Entlang des Eckensees müssen sich Radfahrer und Fußgänger, die mehr aufs Smartphone als auf die anderen Verkehrsteilnehmer achten, den sehr belebten Platz teilen. Angesichts der Menge kommen sie sich unweigerlich in die Quere, zumal auf dem Radweg vor dem Landtag immer Fußgänger flanieren. „Kreuz und quer wird man geführt, was für schnelle Radler und Pedelecer echt blöd ist“, sagt Winterling.

Seine Bilanz fällt gemischt aus: „Stuttgart hat sich in Sachen Radwegen verbessert, das kann ich nach einem Jahr mit dem Pedelec zur Arbeit sagen. Es gibt Vorzeigestrecken wie die Tübinger Straße als Radfahrstraße und weiter in Richtung Vaihingen. Das sind fast Radschnellwege, die entsprechend befahren werden.“ Neben den Löchern im Radwegenetz stören ihn die Ampelschaltungen, die auf den Autoverkehr ausgerichtet ist. „Es gibt Kreuzungen, an denen du dir auf dem Radweg den Sattel in den Po wartest – oder bei Rot rüberfährst.“

Eine halbe Million Radler passiert die Brücke

An zwei Stellen werden in Stuttgart die Radler gezählt. Die erste wurde im Juli 2012 auf der König-Karls-Brücke in Bad Cannstatt eingerichtet. Eine weitere Zählstelle befindet sich in Stuttgart-Süd in der Böblinger Straße. Hier werden die Radler seit Dezember 2013 gezählt. Die Zahl der Zählstationen soll steigen.

An der Zählstation auf der Brücke ist zusätzlich ein Fahrradbarometer aufgestellt. Angezeigt werden die Radfahrer des Tages, des laufenden Jahres und des letzten Jahres zum Vergleich. Im laufenden Jahr waren es bisher über eine halbe Million Radfahrer. Die Station in der Böblinger Straße registrierte rund 163 000 Radler. Die Daten sind abrufbar unter www.stuttgart.de/fahrradzaehlstellen.⇥uro

Siehe auch:

Wie realistisch ist ein Radschnellweg von Bietigheim nach Stuttgart?

Schwieriger Start für Radschnellwege in der Region Stuttgart

Neue Radwege im Landkreis Ludwigsburg geplant

Gefährliches Gedrängel auf Ausflugswegen

http://journalistroth.eu/e-mobilitaet/

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