Markenfixierung ist Vergangenheit

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Sonntag Aktuell Uwe Roth 25.10.2009

In den 60erund 70er Jahren waren Verbraucher sehr ideologisch gesinnt. Sie hängten sich blind an eine bestimmte Marke und lehnten das unmittelbare Konkurrenzprodukt konsequent ab. Schon in der Schule war das so.

Es gab die Pelikan-Schreibfraktion und die Geha-Truppe. Das war unumstößlich, und die gesamte Verwandtschaft wusste und respektierte das, wenn wieder mal ein Füller als Geschenk fällig war. Ein Griff zur falschen Marke, und die liebe Tante war (von der Familie) nicht mehr geliebt. Darauf achteten vor allem die Mütter, Väter interessierte das Schreibzeug des Sprösslings nicht.

Später hieß es: Einmal ein Braun-Rasierer –immer ein Braun-Rasierer; einmal Philips – immer Philips. Darauf achteten nun wiederum die Väter und deren Väter. Je nach Rasiererwahl hatte der Heranwachsende bestimmte Charaktermerkmale weg. Ein Pelikan-Nutzer tendierte eher zu Braun und hörte ausschließlich Rolling Stones und – never ever –die Beatles. Und seine Mutter bestellte niemals bei Neckermann, sondern nur bei Quelle. Der Quelle-Katalog war schöner, spannender. In der Erinnerung. Das dicke Druckwerk von Neckermann landete unbesehen im Müll.

Quelle wirkte irgendwie moderner. Keine Ahnung, wieso. Im Nachhinein betrachtet. In den 80er und 90er Jahren verflog die Ideologie im Konsumerverhalten. Schon wegen der aufkommenden Markenvielfalt. Dem Füller wuchsen lustige Diddl-Ohren, und er kam in Containern aus Asien; der Rasierer zwar immer noch brav von Braun, dafür nicht mehr aus Fürth, sondern aus einem bis dato unbekannten Online-Shop.

Das war spannend! Dass Quelle meistens pünktlich und korrekt lieferte, waren die Besteller gewöhnt. Nun ein ungewohnter Mausklick im Internet, ein Formular auf dem Schirm, dem man seine Kreditkartennummer anvertraute. Das war etwas anderes, als mit dem Pelikan-Füller die Quelle-Bestellliste auszufüllen und sie zum Briefkasten zu tragen. Die Online-Versandhändler Amazon & Co. haben jede Verbraucherideologie gebrochen– auch Quelle. Leider? Uwe Roth