Männer, redet endlich!

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ZVW Uwe Roth 31.10.15

Winnenden. Haben Männer Depressionen? Wohl ja. Aber sie äußern sich anders als bei Frauen. Als zweite Klinik in Deutschland bietet das Zentrum für Psychiatrie eine Therapie, die dem Bedürfnis von Männern gerecht wird. Sie müssen lernen, über ihre Probleme zu sprechen.

Frauen und ihre Depression – das kennt Mann. Frauen ziehen sich zurück, sind nicht ansprechbar, kraftlos und den Tränen nah. Insbesondere in Frauenzeitschriften sind das Krankheitsbild und die medizinisch-therapeutischen Hilfen ein Dauerthema. Vielen Frauen kann mittlerweile gut geholfen werden. Aber wer hilft dem Mann? Bis vor zehn Jahren habe es zu männerspezifischen Erkrankungen keine Fachliteratur gegeben, sagt Daniel Barschtipan.

Der Gesundheits- und Krankenpfleger für Psychiatrie leitet in der Allgemeinpsychiatrischen Tagesklinik die Station, auf der das Angebot „Männer-Gesundheit“ vor einigen Monaten eingerichtet wurde. Das Angebot besteht im Wesentlichen aus einer vierwöchigen Gruppentherapie, die durch Einzelgespräche ergänzt wird. Die Männer werden nicht stationär aufgenommen, sondern kommen vier Wochen lang von Montag bis Freitag in die Klinik auf dem Gelände des Klinikums Schloss Winnenden, das Programm geht über den gesamten Tag, über Nacht geht es jedoch nach Hause.

„Männer ticken einfach anders als Frauen“, sagt auch Chefarzt Dr. Thomas Schlipf, der als Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie das Angebot verantwortet. Die Männerpsyche sei bislang wenig untersucht worden. Geschlechterspezifisch wird meistens bezogen auf die Besonderheiten der Seelenlage von Frauen geforscht. Die spezielle Gefühlswelt von Männern ist ein Terrain, das von der Psychiatrie und Psychotherapie erst erforscht wird. Männerspezifische Behandlungsmethoden werden nun nach und nach entwickelt.

Männer blenden Ursachen gerne aus

Bei der Depression, erklärt Mediziner Schlipf, verhalte es sich oftmals so, dass ein Mann sich nicht kraftlos zurückziehe, wie das bei einer Frau der Fall sei, sondern dass er im Gegenteil laut und aggressiv werde. Eine Impulskontrollstörung, nennt das die Psychiatrie. Männer seien laut, blendeten Ursache aber gerne aus. Eventuell beginne der Mann mit dem Trinken, weil Alkohol ihn vermeintlich beruhige. Für den Mann sei das eine Art Selbstmedikation. Dass er depressiv sein könnte und behandelt werden müsste, um aus dieser Verhaltensecke herauszufinden, darauf kommen er und sein familiäres Umfeld in der Regel nicht.

„Am Ende hat der Mann dann ein Alkoholproblem und eine Depression“, sagt Stationsleiter Barschtipan und erläutert, wie es zu diesem Teufelskreis zunehmender Hilflosigkeit kommt: Das Problem werde verschleppt, Männer könnten nicht zugeben, dass sie unter ihrem Mannsein litten und Hilfe benötigten. Ihren körperlichen und seelischen Zustand führten Männer gerne auf einfache körperlichen Erklärungen zurück wie zum Beispiel auf eine verschleppte Grippe. Und sie handeln nach dem Motto: Was von allein kommt, geht auch wieder von allein.

Jüngste Analysen von Krankenkassen haben aber auch gezeigt, dass die Bereitschaft bei Männern zunimmt, professionelle Hilfe anzunehmen, wenn sie Veränderungen an ihrem Verhalten beobachten oder sie diese von Mitmenschen gespiegelt bekommen. Dieser zunehmenden Bereitschaft will die Tagesklinik mit ihrem ambulanten Therapieangebot entgegenkommen. Um daran teilzunehmen, benötigt der Mann eine Einweisung, die üblicherweise der Hausarzt ausstellt. Ein Termin bei der Tagesklinik für ein erstes Aufnahmegespräch sei vergleichsweise kurzfristig zu bekommen, sagt Chefarzt Schlipf.

Wer einen Platz bekommt, wird für die Dauer von vier Wochen krankgeschrieben und muss aber bereit sein, diszipliniert mitzuarbeiten. Viertel vor acht beginnt der Therapietag und er endet viertel nach vier. Die Zeit ist ausgefüllt mit Psycho- und Ergotherapie, Musiktherapie und Achtsamkeitstraining. Dabei lernen die Männer, Stimmungswechsel besser in den Griff zu bekommen. „Ein Wutanfall kommt nicht innerhalb einer Sekunde, sondern er kündigt sich an“, sagt der Chefarzt. Die ersten Anzeichen zu erkennen und die Wut dann abzuwehren, gehöre zu den Therapiezielen.

Männer profitieren eher vom Tun

Aber auch handwerkliche Arbeit gehört zur Therapie. Viel Raum nehmen zudem sportliche Aktivitäten ein. „Männer profitieren eher vom Tun“, sagen Schlipf und Barschtipan und erläutern: Die Männer lernen, sich zu öffnen und miteinander zu reden. Bei Frauen im Gesprächskreis werde die Kommunikation schnell zum Selbstläufer. Männern hingegen müsse man fortlaufend Fragen stellen, und es kämen meisten Antworten, die bloß aus einem Satz bestünden. „Men’s talk“ (Männergespräch) heißen diese Runden dienstags und mittwochs. In denen darf jeder offen zugeben, dass er Mannsein manchmal als große Bürde empfindet. Und niemand in der Runde sagt: Was für ein Schlappschwanz. Stattdessen heißt es: Gut, dass Mann mal darüber reden darf.