Kritik an Umbau-Plänen

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SWP UWE ROTH |

Stuttgart bleibt für die ENBW ein schwieriger Markt. Ein in Gaisburg geplantes Gasheizkraftwerk wird kritisiert. Der Stickoxydausstoß sei zu hoch.

Bis 2011 war die Energie Baden-Württemberg (ENBW) in der Landeshauptstadt unangefochtener Platzhirsch unter den Versorgern im liberalisierten Energiemarkt. Doch dann beschloss der Gemeinderat vor fünf Jahren, ein eigenes Stadtwerk zu gründen und die ENBW ab sofort als einen Versorger von vielen zu betrachten. Ende 2013 verlor das Karlsruher Unternehmen im Stuttgarter Stadtgebiet die alleinigen Netznutzungsrechte und die damit verbundenen Einnahmequellen.

Die Stadtwerke Stuttgart hatten von Beginn an den Auftrag, nicht nur Energie zu verkaufen, sondern selbst zu produzieren. Ohne Altlasten aus der Kohle- und Atomkraft-Ära konnte sich das frisch gegründete kommunale Unternehmen auf die erneuerbaren Energiequellen Wind und Sonne konzentrieren. Weil das auf der heimischen Gemarkung aber schwierig ist, kauften sich die Stuttgarter Windparks unter anderem in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Im Netzgebiet selbst betreiben die Stadtwerke einige kleinere Solaranlagen.

Die ENBW dagegen hat im Neckartal einige Altlasten, die sie in den kommenden Jahren loswerden muss, will sie der Energiewende gerecht werden und ihre CO2-Bilanz verbessern. Zu den Altlasten zählen die Kohlekraftwerke Altbach-Deizisau (Landkreis Esslingen), Walheim (Landkreis Ludwigsburg), Stuttgart-Gaisburg und das Müllheizkraftwerk in Stuttgart-Münster. Die an der Bundesstraße 10 auf Höhe des Cannstatter Wasens gelegene Kraftwerksanlage Gaisburg aus den 1950er Jahren soll nach den Plänen der EnBW bis Ende 2019 durch ein Gasheizkraftwerk ersetzt werden, das sowohl Strom als auch Wärme produziert. 75 Millionen will das Unternehmen am Kraftwerksstandort investieren – und das in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld.

Angesichts wachsender Mengen an Sonnen- und Windenergie, die bevorzugt in die Netze eingespeist wird, sowie niedriger Strompreise haben einige Energieversorger ihre Pläne für neue Gaskraftwerke in die Schublade zurückgelegt. Ein Gaskraftwerk kommt erst zum Zug, wenn nicht ausreichend Naturstrom im Angebot ist. Mit dem Verkauf von Fernwärme hofft die ENBW, trotz der Marktnachteile auf ihre Kosten zu kommen. Da die geplante Anlage weniger Fläche in Anspruch nehmen wird als die bestehende, können zudem Grundstücke verkauft werden.

Umweltpolitisch, davon ist der Energiekonzern überzeugt, ist an dem Umstieg von Kohle auf Gas nichts auszusetzen. Ein Kohleblock stößt etwa doppelt so viel Kohlendioxid aus wie ein Gaskraftwerk. Nach ENBW-Angaben sollen etwa 60?000 Tonnen weniger Kohlendioxid im Jahr in die Luft gehen; das entspreche rund 40 Prozent der bisherigen Emissionen. Die von Feinstaub und Schwermetallen würden künftig fast komplett vermieden, so die ENBW.

Grundsätzlich wird der Umstieg auf Gas und der Aufbau des Fernwärmenetzes von den Umweltverbänden begrüßt. Doch sie stören sich an den erwarteten Stickoxidwerten (NOx). Statt 45 Tonnen pro Jahr sollen es künftig rund 75 Tonnen sein. Die Region Stuttgart leide bereits unter überhöhten Stickoxidkonzentrationen, lautet der Vorwurf. Da passe ein solches Kraftwerk nicht in die Landschaft. Die ENBW wiederum argumentiert, das Kohlekraftwerk laufe lediglich in der kalten Jahreszeit als Ergänzung zum Kraftwerk Altbach, etwa 170 Tage im Jahr. Das Gaskraftwerk sei wegen der Produktion von Fernwärme dagegen übers gesamte Jahr in Betrieb. Da sei es logisch, dass die NOx-Werte höher lägen. Derzeit liegen die Pläne zur Genehmigung beim Regierungspräsidium Stuttgart. Die ENBW rechnet mit einer Entscheidung bis Jahresende, so dass Anfang 2017 mit dem Bau begonnen werden könnte.

Da die berechneten NOx-Werte genehmigungsrechtlich keine Rolle spielen, argumentieren die Kritiker mit dem Artenschutz: Das Fledermausvorkommen sei mangelhaft erforscht, Mauereidechsen seien nicht artgerecht umgesiedelt worden. Michael Fuchs vom Bürgerverein „Kommunale Stadtwerke Stuttgart“ hält laut einem Zeitungsbericht eine Klage für möglich.

Der Stuttgarter Energie-Experte Joachim Nitsch sieht die Lösung in einer anderen Kraftwerkstechnik. Statt eines Heizkraftwerks solle die EnBW ein Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk (GUD) bauen. Ein solches habe einen höheren Wirkungsgrad und könne im Sommer bei weniger Heizbedarf mehr Strom erzeugen. Für die ENBW sei ein GUD-Werk jedoch mit einem höheren finanziellen Risiko verbunden, weiß der Energiefachmann. Daher könne er verstehen, dass sich die EnBW angesichts der Marktzwänge nicht für diese Lösung entschieden habe. Nitsch sieht jedoch die Stadt und das Land in der Pflicht, für die umweltfreundlichere Technik einen finanziellen Ausgleich zu finden. Dies seien sie ihren eigenen Klimaschutzzielen schuldig.

37 Meter hoch und 20 Meter breit

Anlage Das Heizkraftwerk wird aus drei gasbefeuerten Blockheizkraftwerken mit jeweils 30 Megawatt elektrischer und thermischer Leistung bestehen.

Mechanismus In Blockheizkraftwerken (BHKW) wird die Wärme verwertet, die bei der Stromerzeugung anfällt. 98 Grad heißes Wasser wird in einem Wärmespeicher gesammelt. Der geplante Stahlbehälter mit rund 37 Meter Höhe und einem Durchmesser von 20 Metern hat ein Volumen von 11 000 Kubikmeter.uro