Klinger will in Berufung gehen

Südwest Presse, Autor: UWE ROTH, 15.06.2016

STUTTGART: Der frühere FDP- Fraktionsvorsitzende Bernd Klingler (heute AfD) ist wegen Untreue verurteilt worden. Er erwägt, in Berufung zu gehen.

Der Angeklagte gibt sich nach der Urteilsbegründung gegenüber den Medien fassungslos. „Ich hab‘ mir nichts vorzuwerfen“, sagt er voller Überzeugung, als habe die Amtsrichterin zuvor sämtliche Argumente zur Begründung ihrer Bewährungsstrafe in Höhe von 14 Monaten sowie einem Bußgeld von 5000 Euro völlig aus der Luft gegriffen.
Bernd Klingler betrachtet sich als Opfer eines Komplotts seiner früheren Parteifreunde in der FDP-Gemeinderatsfraktion. Der 48-Jährige war im Stuttgarter Rathaus ihr Chef. Nun sind die Liberalen nicht länger seine Freunde. Aber Klingler hat neue gefunden, die ihm bei der Urteilsverkündung beistehen. Es sind AfD-Mitglieder, die er mit anerkennendem Blick im Gerichtssaal Kameraden nennt. Mit seinem Wechsel zu dieser Partei und seinem Gemeinderatsmandat hat er der AfD zum Fraktionsstatus und viel Geld aus der Stadtkasse
verholfen.
Die Richterin am Amtsgericht Cannstatt und die Staatsanwältin sind sich einig, dass sich der Angeklagte in zwei Fällen der Untreue schuldig gemacht hat, in dem er Gelder vom FDP-Fraktionskonto für private Zwecke verwendete. Einmal soll er 23 500 Euro abgehoben haben – angeblich um 80 000 Parteiflyer produzieren zu lassen. Die Richterin nahm ihm das jedoch nicht ab, zumal die damit beauftragte Agentur weder im Internet noch
sonst irgendwie zu finden ist. Klingler hat den Betrag verwendet, davon ist die Richterin überzeugt, um sich einen gebrauchten BMW zu kaufen.
Zeugen aus der FDP-Fraktion konnten sich an einen solchen Parteiflyer nicht erinnern, sagten sie vor Gericht. Klingler hielt dagegen, dass 60 000 Werbeflyer in Briefkästen kostenfrei verteilt worden seien. Das Ganze soll sich Ende 2013 abgespielt haben.
Der Angeklagte hat noch weitere 11 750 Euro vom FDP-Konto geholt und später, nachdem der Druck größer wurde, wieder zurückgezahlt. In seiner Vorstellung ist alles korrekt verlaufen. So lange das Geld nicht gebraucht worden sei, habe er es in seinem Tresor verwahrt. Dort sei es sicherer gewesen als in der Geldkasse im Fraktionsbüro.
Im Jahr 2014 war Fraktionskollegen aufgefallen, dass es in der Kasse Unregelmäßigkeiten gab. Die Stadt hatte daraufhin Anzeige erstattet und Klingler hatte einen Strafbefehl über 5000 Euro erhalten. Gegen den hatte er Einspruch eingelegt und später dem Gericht vorgeworfen, das Verfahren künstlich in die Länge zu ziehen. Die Richterin konterte in ihrer Urteilsbegründung, dass trotz mehrmaligen Nachhakens und mehrmaliger
Fristverlängerung bis heute die Einspruchsbegründung fehle. Klingler gab auf Nachfrage seinem Anwalt die Schuld. Der wiederum sagte nach der Sitzung vieldeutig, dies habe seine Gründe gehabt. Damit endete das Verfahren vor dem Amtsgericht, so wie es verlaufen ist: voller Widersprüche. Klingler erwägt indes, in Berufung zu gehen: „Voraussichtlich werden wir diesen Weg gehen. Wir werden die Urteilsbegründung genau prüfen und uns dann entscheiden.“

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