Theologe und Islamkenner Friedmann Eißler und Gemeindepfarrer der evangelischen Gemeinde Großingersheim, Michael Harr. Foto: Uwe Roth

Islam-Kenner Friedmann Eißler: Zwischen Hoffnung und Ratlosigkeit

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Bietigheimer Zeitung Uwe Roth 02.05.2017

Zwischen Hoffnung und Ratlosigkeit schwankte der evangelische Theologe und Islam-Kenner Friedmann Eißler in seiner Einschätzung, wie Muslime in die Gesellschaft zu integrieren seien. Die Diskussion war lebhaft. Von Uwe Roth

Der promovierte Theologe ist am Donnerstag aus Berlin zum monatlichen Gemeindetreff der evangelischen Kirche nach Ingersheim gekommen, um dort auf die Frage, „Muslime unter uns – (Wie) verändert der Islam unsere Gesellschaft?“, einige Antworten zu geben. Hörbar kommt der Referent von der Schwäbischen Alb. Friedmann Eißler ist 1964 in Bad Urach (Landkreis Reutlingen) geboren und seit 2008 in der Hauptstadt bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) unter anderem für den Islam zuständig.

Eißler beschäftigt diese Religion seit Jugendtagen, wie er sagt. Neun von zehn Jungs seien damals in seinem Heimatort türkischer Abstammung gewesen. Unterschiedliche Sichtweisen auf Gott habe es gegeben, was ihn nachdenklich gemacht habe. Bereits in der Schule habe er begonnen, die arabische Sprache zu lernen. Später studierte er außer Theologie auch vergleichende Sprachwissenschaft. Eißler liest den Koran im Original und zitiert daraus wie andere Theologen aus der Bibel.

Islam mit sieben Varianten

Insofern ist es dem Gemeindepfarrer Michael Harr gelungen, einen profunden Kenner der aktuellen Islamthematik in sein Gemeindehaus zu bringen. Die Einladung stößt auf große Resonanz; zusätzliche Stühle werden vor das Rednerpult gestellt. Auf eine klare Einschätzung des Referenten, an welchen Justierschrauben der Islam die deutsche Gesellschaft tatsächlich verändert und was diese aushalten können muss, warten seine vorwiegend älteren Zuhörer jedoch vergebens.

Theologe und Islamkenner Friedmann Eißler bei der evangelischen Kirchengemeinde in Ingersheim (Landkreis Ludwigsburg). Foto: Uwe Roth
Theologe und Islam-Kenner Friedmann Eißler bei der evangelischen Kirchengemeinde in Ingersheim (Landkreis Ludwigsburg). Foto: Uwe Roth

Eißler erläutert die Entstehungsgeschichte des Islam, der heute sieben Varianten kennt. Was den Referenten zu der Frage bringt: „Von welchem Islam sprechen wir eigentlich.“ Vier der schätzungsweise fünf bis sechs Millionen Muslime in Deutschland gehören der sunnitischen Glaubensgemeinschaft an. Der Theologe argumentiert gerne mit Statistik, um den Nachweis zu erbringen, dass der Islam nach den Zahlen in Deutschland eher eine Randerscheinung sei, medial jedoch anders wahrgenommen werde. Vier, nach seiner Überzeugung zum Teil sehr konservative muslimische Verbände, darunter die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DITIB) und der Islamische Rat, seien die Ansprechorganisationen für die Bundesregierung. Sie dominierten die öffentliche Meinung. Gleichzeitig repräsentierten sie nicht mal ein Viertel der muslimischen Bevölkerung in Deutschland, betont er.

Grundgesetz verpflichtet zur Neutralität bei Religionen

Im Übrigen seien lediglich ein Prozent radikale Islamisten. Einerseits gäbe es eine verzerrte Wahrnehmung von der tatsächlichen Präsenz und dem Einfluss des Islam auf Deutschland, andererseits sei jeder radikalisierte Muslim einer zu viel. Besonders übers Internet hätten diese einen großen Einfluss auf junge Männer. Für Eißler besteht die große Herausforderung darin, „diplomatisch und sehr geschickt die schweigende Mehrheit zu integrieren“. Gegenseitiges Ausspielen der christlichen und islamischen Religion erlaube das Grundgesetz nicht. Dieses verpflichte den Staat – im Gegensatz zum Koran – zu einer neutralen Haltung gegenüber den Religionen. Das einseitige Schlechtreden des Islam sei im Übrigen keine Option: Dies führe lediglich dazu, dass auch Ungläubige sich im Zweifel auf die Seite des Islam stellten und nicht auf die des Staates, in dem sie lange schon lebten. Die bedingungslose Loyalität, ist dem Referenten selbst ein Rätsel.

Die anschließende Diskussion gibt das breite Spektrum christlicher Meinungen zur Islamproblematik in Deutschland wider: Einer plädiert für noch mehr Geduld, bis sich Muslime angepasst haben. Ein anderer ist überzeugt, dass Muslime für alle Zeit nicht zur deutschen Kultur passten. Eine Zuhörerin sieht die Aufgabe darin, auf Muslime zuzugehen, wie sie es handhabe. Allerdings beobachtet auch sie, dass die Integration momentan anscheinend eher rückwärts verläuft. Wie dieser Trend gestoppt werden kann, ist an diesem Abend ebenfalls unbeantwortet geblieben.