In der Krise für die EU werben

Südwest Presse, Autor: UWE ROTH, 16.06.2016

STUTTGART: Die EU steckt in der Krise, auch im Stuttgarter Europa-Zentrum hat man keine Lösung parat. Ihre Aufgabe sehen die Mitarbeiter aber sowieso woanders.

Hat man die gigantische Glitzerfassade des Berlaymont-Gebäudes vor Augen, in dem die EU-Kommission in Brüssel ihren Sitz hat, ist das Europa-Zentrum in der Nadlerstraße in Stuttgart im Vergleich dazu weit weniger als ein unbeachteter Seiteneingang. Der Empfangsbereich „der zentralen Anlaufstelle für Europafragen“ in Baden-Württemberg (Eigenbeschreibung) ist ein ehemaliges kleines Ladengeschäft. Broschüren im
Schaufenster mit den signifikanten goldenen Sternen auf blauem Grund signalisieren Passanten, was die Betreiber im Sortiment haben: Verständnishilfen für die EU-Politik. Der Unterschied zu einem normalen Laden ist, dass die Ware, das Informationsmaterial, kostenlos ist.

Am Zustand der Europäischen Union macht derzeit vieles ratlos. Einzelne Problemfelder gab es immer. Doch so viele Krisenherde haben das knapp 50-jährige Staatenbündnis noch nie gleichzeitig bedrängt: Zur Finanz- und Bankenkrise 2008 kamen nach und nach Mitgliedstaaten mit massiven Geldproblemen, allen voran die Schuldenkatastrophe Griechenlands, der Krieg in der Ukraine, die Flüchtlingsströme nach Europa, die
komplizierten Verhandlungen mit der Türkei und der drohende Ausstieg der Briten. Am Donnerstag, 23. Juni, werden sie über den Brexit abstimmen.

Von der Solidarität unter den Mitgliedstaaten, durch die in der Vergangenheit Streitigkeiten am Ende, oftmals auf den letzten Drücker, beigelegt wurden, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Es herrscht Ratlosigkeit nicht nur in der Bevölkerung, sondern bis hinein in die Spitzen der EU-Organe. Niemand würde nach derzeitigem Stand für
ein Fortbestehen der politischen Union die Hand ins Feuer legen.

Von den zehn Mitarbeitern des Stuttgarter Europa-Zentrums (die Praktikanten eingeschlossen) würde niemand eine solche Feuerprobe erwarten. Vielmehr gehört zu ihrem Geschäft, im Gespräch mit Besuchern Optimismus an den Tag zu legen. „Es ist gut, wenn die Menschen zu uns kommen und wissen wollen, wie Europa funktioniert“, sagt Stefanie Woite-Wehle. Seit 14 Jahren arbeitet sie in der Einrichtung mit, die im Wesentlichen von der Stadt Stuttgart, dem Land Baden-Württemberg und zu einem geringen Teil von der EU finanziert wird.

Wer Öffentlichkeitsarbeit für die Europäische Union macht, ist es gewöhnt, in erster Linie gegen Vorurteile und fehlendes Wissen anzukämpfen, sagt Woite-Wehle. Kaum jemand kenne den tatsächlichen Einfluss des Europäischen Parlaments auf die Gesetzgebung, wisse über das Machtverhältnis zwischen EU-Kommission und den Regierungen der 28 Mitgliedstaaten Bescheid. EU-Gesetze würden als kompliziert empfunden, ohne dass je
ein deutsches Gesetz gelesen und verstanden worden sei.

Wenn die EU-Spitzen offensichtlich nicht wissen, wie es mit der Union weitergeht, der darf auch von der „zentralen Anlaufstelle für Europafragen“ in der Nadlerstraße keine schlüssigen Antworten zu möglichen Auswegen aus den Krisen erwarten. „Mir ist es aber wichtig, dass die Bürger erfahren, dass nicht nur die Politiker in Brüssel und Berlin Verantwortung für Europa haben, sondern auch die Politiker im Land bis hin zur
Kommunalpolitik“, sagt die promovierte Historikerin. „Ich empfehle den Leuten, auch immer die Politiker vor Ort anzusprechen und zu fragen, was sie für Europa tun können.“
Wer am Europa-Zentrum vorbeigeht, sieht hinter dem Schaufenster selten Besucher. Meistens sind es ältere Menschen, die nach Informationsmaterial fragen und häufig betonen, dass sie es den Enkeln zum Lesen geben.

Die Mitarbeiter sind aber nicht allein damit beschäftigt zu warten, dass jemand vorbeikommt. „Wir gehen so oft raus, wie es geht“, sagt Woite-Wehle. „Wir machen Veranstaltungen und beteiligen uns an Veranstaltungen.“

Dazu gehört etwa der Europa-Aktionstag. Eine andere Reihe heißt: „Auf Tuchfühlung mit Brüssel“. Die Mitarbeiter bringen das vom Europa-Zentrum entwickelte Brettspiel „Legislativity“ in Schulen oder auch Universitäten. Dort lernen junge Menschen einen halben oder ganzen Tag spielerisch die EU-Gesetzgebung kennen, so das Ziel von „Legislativity“ (Legis = das Gesetz). Überhaupt seien Pädagogen mittlerweile rege
Nutzer der angebotenen Materialien, betont Woite-Wehle, weil sie die Qualität der Inhalte zu schätzen wüssten.

In schweren Zeiten stellvertretend für „die da oben“ den Kopf hin- und den Ärger der Bürger auszuhalten, sind die langjährigen Mitarbeiter des Europa-Zentrums gewohnt. Woite-Wehle hat die Einführung des Euro hautnah miterlebt, die umstrittene Osterweiterung, das erste Nein der Franzosen zu einer europäischen Verfassung.
Einige Male stand die EU auf Messers Schneide. Aber immer ging es irgendwie weiter. Im besten Fall wird es wieder so sein, hofft man im Europa-Zentrum, wo man nicht aufhören wird, beharrlich Europa zu erklären.

Infokasten

Studienfahrten nach Brüssel und Straßburg

Verein Rechtsträger des Europa-Zentrums ist der „Förderverein Europa Zentrum Baden-Württemberg e.V.“. Das „Europe Direct Informationszentrum Stuttgart“ gehört ebenfalls zu dieser Einrichtung. Es ist Teil eines europäischen Netzwerks.
Angebot Das Europa-Zentrum macht Fortbildungsangebote für unterschiedliche Zielgruppen, organisiert Studienfahrten nach Brüssel und Straßburg. Es vermittelt Experten für Vorträge und bietet Schulen Europatage an.
Europahaus In der Nadlerstraße 4 haben neben dem Europa-Zentrum Europa-Union,
Europäische Bewegung und Junge Europäer ihre Landesgeschäftsstellen. Über europazentrum.de gibt’s Kontaktmöglichkeiten und weitere Infos. uro

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