Immer mehr Jugendliche brauchen Hilfe

Bietigheimer Zeitung Uwe Roth 24.10.2017

180 Mal im Jahr müssen Kinder und Jugendliche im Landkreis Ludwigsburg in staatliche Obhut. Jetzt wurde eine zweite Wohngruppe eingerichtet. 


Ständig Krach in der Familie, Stress mit den Lehrern, Mobbing unter vermeintlichen Freunden oder Ärger mit der Polizei – es gibt genügend Gründe, warum junge Menschen an ihre Grenzen geraten, völlig austicken oder warum sie keinen mehr an sich heranlassen. Aber auch schon Säuglinge und Kleinkinder geraten in Notsituationen, wenn Eltern ihrer Fürsorgepflicht nicht nachkommen.

Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz ist der Landkreis in der Pflicht, rund um die Uhr in solchen Fällen einzugreifen und für eine vorübergehende Unterbringung und fachliche Betreuung der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu sorgen. Etwa 180 Mal passiert das im Jahr, erfuhren die Kreistagsmitglieder des Jugendhilfeausschusses bei der Ausschusssitzung am Freitag.

Für Säuglinge und Jugendliche gibt es Bereitschaftspflegefamilien

Inobhutnahme lautet der dafür offizielle Begriff. Für Säuglinge und Kinder stehen derzeit im Kreis 26 Bereitschaftspflegefamilien als Hilfen bereit. Ältere Kinder und Jugendliche werden vorrangig in einer sogenannten Inobhutnahmewohngruppe untergebracht.

140 junge Menschen hat der Landkreis im vergangenen Jahr in einer solchen speziellen Wohngruppe untergebracht. Viele von ihnen waren Frauen im jugendlichen Alter. Die Gruppe hat regulär acht Betreuungsplätze mit Übernachtungsmöglichkeiten.

Häufige Überbelegung der Wohngruppe

Immer häufiger aber ist sie mit bis zu 14 Bewohnern überbelegt. Maximal 40 Tage können die Jugendlichen dort bleiben, in Ausnahmefällen auch länger. In Zukunft rechnet die Kreisverwaltung mit noch mehr Bedarf – insbesondere wegen minderjähriger Flüchtlinge, die ohne Familienanschluss in den Landkreis gekommen sind.

Dazu kommt ein weiteres Phänomen: „Die Problemlagen der untergebrachten jungen Menschen werden zunehmend komplexer“, heißt es von der Fachabteilung. Bis zu 40 Prozent der Jugendlichen würden zum wiederholten Male aufgenommen, weil sie sich aufgrund ihrer massiven persönlichen Probleme auf kein Hilfeangebot einlassen könnten, aus der Einrichtung flüchteten oder massive Gewalt ausübten.

Drogen und psychische Probleme

Weitere Herausforderungen seien Drogen und ein „deutlich ansteigender Anteil von Jugendlichen mit medizinisch festgestellten psychischen Erkrankungen“. Dies führe immer wieder zu massiven Spannungen in der Gruppe.

Um solchen Herausforderungen besser gerecht zu werden, wurde jetzt eine weitere Wohngruppe mit acht Plätzen für Inobhutnahmen und kurzfristige Aufnahmen vorrangig für die Zielgruppe Mädchen eingerichtet.

Landkreis zahlt für Betreuung täglich bis 240 zu Euro

Der Landkreis ist als öffentlicher Jugendhilfeträger für die Personal-, Sach- und Verwaltungskosten zuständig. Je nach Auslastung der Gruppe betragen die Kosten pro Platz zwischen 210 und 240 Euro am Tag.

Die neue Wohngruppe ist Mitte Oktober eröffnet worden und trägt den Namen „Villa Zuversicht“. Sie leistet ganzjährig eine 24-stündige Aufnahmebereitschaft. In den Abend- und Nachtzeiten besteht eine Kooperation mit der Polizei.

Den Kindern und Jugendlichen werde „in der akuten Krise durch ein Klima der Ruhe Sicherheit und Geborgenheit geboten“, wurden die Kreistagsmitglieder unterrichtet.

Warme Atmosphäre ist das Ziel

Die Einrichtung des Hauses sei bewusst so gewählt, dass eine möglichst warme Atmosphäre entstehen könne. Die betreuenden Fachkräfte bemühten sich „um emotionale Zuwendung und Verständnis, um den jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich öffnen und mitteilen zu können“.

Die Aufenthaltsdauer der in Obhut genommenen Kinder und Jugendlichen richtet sich nach dem Grundsatz „so kurz wie möglich, so lange wie nötig“.

 

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