Herzinfarkt: Frauen reagieren anders

ZVW Uwe Roth 26.06.2017

Weinstadt. Wenn das Herz heftig schmerzt, keinesfalls zögern, die 112 wählen. Es ist wie immer der zentrale Satz, wenn der Kardiologe Dr. Thomas Eul in einem seiner Vorträge die Zuhörer eindringlich ermahnt, Anzeichen eines Infarkts ernst zu nehmen. Am Freitag hatte Herzsport Weinstadt in die Jahnhalle eingeladen.

Die Mahnung des Vereinsvorsitzenden „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“ ist ebenso an Frauen gerichtet, die leichtfertig davon ausgingen, der Infarkt sei ein Männerproblem. Charlotte Rindler ist unter den Zuhörern in der Endersbacher Jahnhalle. Sie ist 66 Jahre alt und erst seit ein paar Tagen aus der Reha zurück. Sie kann den Appell des Mediziners doppelt und dreifach unterstreichen: Frauen dürfen bei unerklärlichen Schmerzen im Brustbereich einen Herzinfarkt nicht deswegen ausschließen, weil diese lebensbedrohliche Krankheit meistens mit Männern in Verbindung gebracht wird.

„Frauen zeigen andere Symptome als Männer“

Nach der Statistik erleiden zwar mehr Männer einen Infarkt, doch unter den Todesopfern sind mehr Frauen. „Frauen zeigen andere Symptome als Männer“, sagt der Kardiologe. Werden diese nicht richtig gedeutet, kommt Hilfe zu spät. Oftmals werden die Schmerzen im Rücken-, Schulter- und Brustbereich fälschlicherweise auf eine rheumatische Erkrankung zurückgeführt, und die Betroffene greift zur Salbe und zu einem Wärmepflaster.

„Die Zeit entscheidet über die Prognose“

Kardiologe Eul

„Die Zeit entscheidet über die Prognose“, ist ein weiterer Kernsatz des Oberarztes, der sich im Rems-Murr-Kreis mit Medizinerkollegen zusammengeschlossen hat, um die Bevölkerung ehrenamtlich über Herz-Kreislauferkrankungen zu informieren. Bei einem Verschluss eines Herzkranzgefäßes wird der Herzmuskel nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Zellen sterben ab. Je länger die Blutzufuhr unterbrochen ist, umso mehr Herzmuskelgewebe geht verloren bis hin zum Tod. Die gute Nachricht: Vergeht zwischen Infarkt und der Behandlung im Herzkathederlabor weniger als 90 Minuten, bestehen gute Heilungschancen ohne Folgeschäden.

Nach dem Infarkt Alltag neu ausgerichtet

Was dies betrifft, hat Charlotte Rindler mehr als Glück gehabt. Am 11. Mai hat Oberarzt Eul bei ihr den Herzinfarkt diagnostiziert und einen lebensrettenden Stent eingesetzt. Die Weinstädterin kam nicht aus freien Stücken ins Winnender Klinikum – und auch nicht mit dem Rettungsdienst. Ihr Mann habe sie besorgt gedrängt, als sie wieder eine Schmerzattacke hatte, sich doch endlich untersuchen zu lassen. Sie gab nach, er fuhr sie zur Notaufnahme. „Als klar war, was mit mir los ist, haben sie gestaunt. Kommt zu Fuß reinmarschiert mit einem Infarkt.“ Heute kann sie darüber lachen. Ihre Erleichterung nach der Genesung ist ihr anzusehen. Obwohl, abgehakt ist der Infarkt nicht. Im Juli bekommt sie einen weiteren Stent eingesetzt. Außerdem hat sie mit Unterstützung der Reha-Klinik („dort haben sie mich super eingestellt“) neuen Schwung in ihr Leben gebracht. Täglich ist sie eine halbe Stunde auf dem Laufband und von September an macht sie in einer Herzsportgruppe mit (siehe Info).

Selbstkritisch sagt sie: „Ich hab’s verdattelt.“ Die Rentnerin meint damit, dass sie neue Symptome auf eine Krankheit zurückgeführt hat, die sie bereits seit 30 Jahren hat. „Ich leide unter einem chronischen Schmerzsyndrom“, berichtet sie. In Schüben kommen diese Schmerzen, für die es keine offensichtlichen Ursachen gibt. „Eine Störung des Schmerzgedächtnisses“, kennt sie als eine Erklärung. Die Pein ist mal mehr, mal weniger schlimm. Auf einer Skala von eins bis zehn kommt die übelste Attacke auf eine Acht, wie sie sagt. Als ihr Mann erstmals auf die Idee kam, es könne auch ein Infarkt sein, sei ihre Reaktion gewesen, „das kann doch gar nicht sein“. Nun weiß sie es besser, dass Schmerzen zeitgleich zwei Ursachen haben können – oder wie sie es sagt: „Ich habe gelernt, dass man Läuse und Flöhe gleichzeitig haben kann.“

Der Defi „spricht“ und erläutert jeden Handgriff

Ein weiteres Anliegen der Informationsveranstaltung ist, dem vorwiegend älteren Publikum die Funktionsweise eines Defibrillators (Defi) vorzuführen. Helfer des Deutschen Roten Kreuzes der Ortsgruppe Weinstadt haben dazu verschiedene Exemplare mit in die Jahnhalle gebracht. Die Boxen, die bei einem Herz-Kreislaufstillstand Leben retten können, sind mit Elektronik gespickt. Der Defi „spricht“ und erläutert jeden Handgriff. Ältere Menschen, die mit Elektronik wenig Umgang haben, stellen nach einer praktischen Übung fest: Es ist gut, ein solches Gerät mal in aller Ruhe in der Hand gehabt zu haben, bevor man im Ernstfall minutenschnell damit umgehen muss. Der Verein „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“ und das DRK Rems-Murr werden weitere Gelegenheiten bieten, den Defi kennenzulernen.

Herzsportgruppe Weinstadt

Im Mai ist der Verein „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“ gegründet worden. Die Initiatoren, zahlreiche Kardiologen aus dem Rems-Murr-Kreis, verfolgen neben der Aufklärung ein weiteres, bundesweit einmaliges Projekt: die Erfassung sämtlicher Defibrillatoren im Rems-Murr-Kreis. Ziel ist es, dass die Rettungsleitstelle bei jedem Herz-Kreislauf-Stillstand den Betreiber des nächstliegenden Defis anruft und zum Einsatzort leitet. So soll die Quote für den Einsatz eines Defibrillators deutlich gesteigert werden.

Kontakt zum Verein: Gemeinsam gegen den Herzinfarkt e.V., Am Jakobsweg 1, 71364 Winnenden. info@kardioverein.de.

Die Herzsportgruppe in Weinstadt existiert bereits seit 25 Jahren und gehört damit zu den ältesten ihrer Art. Sie ist eine Abteilung der Sportgemeinschaft Weinstadt (SG) und aus dem Zusammenschluss der Herzsport-Gruppen des VfL Endersbach und des SV Beutelsbach hervorgegangen. Es gibt vier Übungs- und vier Trainingsgruppen mit jeweils 15 bis 20 Teilnehmern. Die acht Übungsleiter haben eine spezielle Ausbildung, außerdem ist in den Kursstunden ein Mediziner anwesend. Die Gebühren werden von der Krankenkasse übernommen. Dazu muss man das vom Hausarzt ausgefüllte Formular 56 vorlegen.

Kontakt: info@herzsport-weinstadt.de, Telefon 01 76/47 30 74 41 (Abteilungsleiter Arno Kürzdörfer). Internet: herzsport.sgweinstadt.de/aktuelles.html

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