Grafik Herzinfarkt. Quelle: Deutsche Herzstiftung

Gründung „Gemeinsam gegen Herzinfarkt“

ZVW Uwe Roth 22.05.2017

Waiblingen. Selten ist eine Gründungsveranstaltung so lehrreich gewesen wie die des Vereins „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“ am Freitag in der Kundenhalle der Kreissparkasse Waiblingen. Die Vorstände sind engagierte Kardiologen. Gemeinsam mit DRK-Helfern ließen sie am Ende das Publikum in die Knie gehen und Herzdruckmassage üben.

Statistisch betrachtet erleiden im Kreis jährlich 1550 Menschen einen Herzinfarkt. Jeder Dritte stirbt daran. Die meisten noch vor dem Eintreffen in einer Klinik. Oberarzt Dr. Thomas Eul vom Klinikum Winnenden ist Initiator und Vorsitzender des Vereins „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“. Als Hauptredner des Abends zeigt er, dass ein Medizinervortrag nicht nur verständlich, sondern kurzweilig sein kann. Wie nah Infarkt, Freud und Leid beieinanderliegen können, zeigt er anhand der Statistik während der Fußballweltmeisterschaft 2006. Während besonders spannenden Spielen wurden überdurchschnittlich viele Infarktpatienten registriert. „Es war saumäßig spannend, hat aber viele Leben gekostet“, kommentiert er trocken.

Dr. Eul belegt mit Zahlen, dass der Rettungsdienst und die Rems-Murr-Kliniken bei der Behandlung von Herzinfarktpatienten im Vergleich zu anderen Landkreisen mittlerweile sehr gut aufgestellt sind. Entscheidend sei während der gesamten Rettungskette der Zeitfaktor, betont Eul. „Zeit entscheidet über die Prognose.“ Es ist der zentrale Lehrsatz in der Kardiologie, den er in seiner Rede öfter wiederholt.

Ideal: Nur zwei Stunden wischen Infarkt und Behandlungsende

Auslöser eines Infarkts ist ein blockiertes oder stark verengtes Herzkranzgefäß und damit verbunden eine zu geringe Blutzufuhr zum Herzmuskel. Dieser beginnt abzusterben. Je schneller eine solche Verstopfung beseitigt und das Herz wieder mit ausreichend Blut versorgt wird, umso größer ist die Überlebenschance und umso geringer sind bleibende Schäden am Herzen. „Trifft ein Patient in der Klinik ein, hat seine Behandlung dort oberste Priorität“, versichert Eul. Die Spezialisten arbeiteten Hand in Hand. Im besten Fall vergehen zwischen Infarkt und Abschluss der Herzkatheterbehandlung keine zwei Stunden.

Schwachstelle in der Rettungskette seien oftmals die Betroffenen selbst oder deren Angehörige. Häufig werde der Notruf, das Wählen der 112, zu lange hinausgezögert. Darauf weisen die Kardiologen und DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler an diesem Abend hin. Die Rettungssanitäter seien speziell geschult, sagt er. Sie müssten nur rechtzeitig zum Einsatz kommen. Knödler wendet sich ans Publikum: „Sie müssen die Rettungskette aktivieren, sie müssen uns aktivieren.“ Drastisch drückt es Dr. Wendelin Kluge, Kassenwart des neuen Vereins, aus: „Man räumt zuerst die Wohnung auf, bevor man den Notarzt ruft.“ Manchen sei der Notruf insbesondere zur nächtlichen Stunde geradezu peinlich, sie könnten einen Fehlalarm auslösen und damit die Nachtruhe des Rettungsarztes stören. „Das tun Sie nicht. Wir machen gerne unseren Dienst und werden dafür auch gut bezahlt.“

„Halten die Schmerzen länger als fünf bis zehn Minuten an, wählen Sie die 112″

Es gibt unterschiedliche Alarmanzeichen für einen Infarkt. Ganz oben stehen schwere Schmerzen im Brustbereich. „Halten die länger als fünf bis zehn Minuten an, wählen Sie die 112“, lautet seine Aufforderung. Plötzliche Atemnot, Übelkeit und Bewusstlosigkeit sind weitere Symptome für den lebensbedrohlichen Zustand. Neben Notruf ist bei einem Kreislaufstillstand die Herzdruckmassage die zweite lebensrettende Aktion. Wie sie ausgeführt wird, übten die Gäste der Gründungsfeier, die vom Sportmoderator Michael Antwerpes geführt wurde, unter der Anleitung von DRK-Helfern an den mitgebrachten Dummys. Mit der flachen Hand wird das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter nach unten gedrückt – und das 100- bis 120-mal pro Minute, ohne Pause bis zum Eintreffen des Rettungswagens.

Die im Verein zusammengeschlossenen Kardiologen bieten in den kommenden drei Jahren an, in Vorträgen ihr Wissen weiterzugeben. Angesprochen sind Unternehmen, Behörden, Vereine, Kirchengemeinden und Schulen. Helfer des DRK sind jedes Mal für die praktischen Übungen dabei. Mindestteilnehmerzahl sind 40 Personen. Die Kosten werden über Spenden getragen. Förderer sind die AOK, die Stiftung der Kreissparkasse Waiblingen, die Rems-Murr-Kliniken, die Deutsche Herzstiftung und die Vitalwelt-Apotheke. Die Schirmherren des Projekts sind Landrat Richard Sigel und der CDU-Landtagsabgeordnete und Vizepräsident des Landtags, Wilfried Klenk.

Augenmerk auf Defibrillatoren

Die Initiatoren des Vereins „Gemeinsam gegen den Herzinfarkt“ verfolgen neben der Aufklärung ein weiteres Projekt: In den vergangenen Jahren wurden an vielen Plätzen Defibrillatoren aufgestellt. Sie unterstützen Ersthelfer bei der Rettung eines Patienten bis zum Eintreffen des Rettungswagens. Sogenannte Defis geben mündliche Anweisungen und sind selbsterklärend.

Allerdings gibt es keine Übersicht über die Standorte. Das soll sich im Rems-Murr-Kreis ändern. Sämtliche Standorte werden erfasst und der Rettungsleitstelle zur Verfügung gestellt.

Ziel ist es, dass die Rettungsleitstelle bei jedem Herz-Kreislauf-Stillstand den Betreiber des nächstliegenden Defis anruft und zum Einsatzort leitet. So soll die Quote für den Einsatz eines Defibrillators deutlich gesteigert werden.

Kontakt zum Verein: Gemeinsam gegen den Herzinfarkt e.V., Am Jakobsweg 1, 71364 Winnenden. info@kardioverein.de.

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