Firma Holz Automation in Backnang produziert komplexe Sondermaschinen - ganz nach Kundenwunsch. Foto: Uwe Roth

Gewinnwarnungen, Handelskonflikte & Co. Wie steht es um die Industrie im Rems-Murr-Kreis?

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ZVW, Uwe Roth, 24.08.2019

Waiblingen. Fahren auf Sicht heißt derzeit die Devise in den Industriebetrieben des Rems-Murr-Kreises. Zahlen, die auf einen Abschwung hindeuten, Gewinnwarnungen aus der Autoindustrie und ein ewiges Hin und Her zwischen China und den USA verunsichern. Von einer Konjunkturkrise wollen die von unserer Redaktion befragten Unternehmen nicht sprechen, aber von einer erhöhten Aufmerksamkeit.

Bei ZF in Alfdorf werden Airbags für die Autoindustrie produziert. Könnten diese fallende Umsätze abfangen, wären solche Airbags in der Vorstandsetage des Mutterkonzerns in Friedrichshafen ein beruhigendes Ruhekissen. So aber heißt die Wirtschaftsnachricht von Anfang August „Großer Autozulieferer meldet große Delle“ (Deutschlandfunk).

Im ersten Halbjahr lag der Umsatz 1,7 Prozent unter dem Wert des Vorjahres. Die Prognosen seien „kräftig heruntergeschraubt“ worden, heißt es in den Kommentaren. Der für Alfdorf zuständige ZF-Unternehmenssprecher Mirko Gutemann spricht von einer „kleinen Rücknahme“. Die Belegschaft, sagt er, sei für die Situation „sensibilisiert“ und unterrichtet worden, „dass die Lage derzeit nicht lustig ist“.

Für die ZF-Produktion in Alfdorf werden noch Beschäftigte gesucht

Als erste konkrete Auswirkung sei die Wochenarbeitszeit für die meisten Beschäftigten am Standort Alfdorf auf ein früheres Niveau gesenkt worden – also von 40 auf 37,5 Stunden. Überstunden würden abgebaut. Der Sprecher nennt es „ein Zurück zu einem normalen Rahmen“. Überlegungen, Kurzarbeit anzustreben, gebe es im Unternehmen aktuell nicht, stellt Gutemann auf Nachfrage fest.

Für die Produktion in Alfdorf werden noch Beschäftigte gesucht, insbesondere Mechaniker und Ingenieure. Aber nur noch im Einzelfall würden neue Mitarbeiter eingestellt. Insgesamt sei die Einstellungspolitik inzwischen „konservativ“. Finanzvorstand Konstantin Sauer hat nach den jüngsten Zahlen versichert, in Deutschland werde es keine Entlassungen geben. Daraus leitet Gutmann die Botschaft an die Alfdorfer Belegschaft ab: „Es besteht keinen Grund, Panik zu verbreiten.“

Bei Stihl derzeit „kein Grund zu Überlegungen hinsichtlich Kurzarbeit“

Bei der Firma Stihl in Waiblingen schaut die Unternehmensleitung bereits weit in die Zukunft: „Wir gehen langfristig von weiterem Absatzwachstum aus“, teilt Sprecher Stefan Caspari mit. Auf die aktuelle Situation angesprochen, klingt der Optimismus verhalten: „Wir verzeichnen 2019 bislang geringes Wachstum und spüren eine gewisse Kaufzurückhaltung in einigen Märkten“, sagt er.

Es bestehe bei Stihl derzeit „kein Grund zu Überlegungen hinsichtlich Kurzarbeit“. Ein Indiz für die weiterhin gute Grundstimmung sei der weitere Bedarf an spezialisierten Kräften: „Bei uns werden zahlreiche Fachkräfte in den Bereichen Elektro- und Nachrichtentechnik, technische Informatik, Soft- und Hardwareentwicklung, Elektro- und Akkuentwicklung, Produktentwicklung und IT gesucht.“

Karl Schnaithmann mahnt: „Konjunktur wird kaputtgeredet“

Doch letztlich gilt in der Stihl-Konzernzentrale die gleiche Devise wie in der von ZF Friedrichshafen: Es wird auf Sicht gefahren. Stihl-Sprecher Caspari drückt es so aus: „Angesichts schwächelnder Weltkonjunktur und internationaler Handelskonflikte sind wir kurz- bis mittelfristig jedoch nur verhalten optimistisch.“ Weitere Informationen zur Geschäftsentwicklung stelle die Unternehmensführung bei der Herbst-Pressekonferenz am 17. September vor.

Karl Schnaithmann, Geschäftsführer des gleichnamigen Maschinenbau-Unternehmens in Remshalden-Grunbach, rät zu Gelassenheit. Nach seinem Eindruck „wird die Konjunktur kaputtgeredet“. Er meint damit vor allem das „Schlechtreden des Diesels“ und die Dämonisierung der Autoindustrie. Unter jungen Leuten sei es geradezu „verpönt“, wie er sagt, eine entsprechende Ausbildung in diesem Industriezweig zu machen oder dafür ein Studium zu absolvieren. Schnaithmann produziert unter anderem Systembauteile und Automationslösungen für die Automobilhersteller. Von den Turbulenzen auf dem Weltmarkt bleibt das mittelständische Unternehmen mit seinen 270 Beschäftigten nicht unberührt.

„Einen kleinen Rückgang gibt es querbeet, also weltweit“, stellt Schnaithmann fest. Kurzarbeit werde vom Unternehmen jedenfalls derzeit „nicht in Erwägung gezogen“. Im Gegenteil, Schnaithmann suche „händeringend Maschinenbauingenieure und erfahrene IT-Spezialisten“. Doch der Markt sei leergefegt. Optimistisch blicke er dennoch in die Zukunft, „weil wir uns an innovativen Kunden orientieren, die einen zuverlässigen Partner schätzen“.


„Chefetagen verordnen Sparprogramme“

Eine nicht unerwartete Warnung kommt von der IG Metall Bezirk Ludwigsburg/Waiblingen. Laut Geschäftsführer Matthias Fuchs mehren sich aktuell die Rückmeldungen von Betriebsräten, dass die Aufforderungen zum „Gürtel-enger-Schnallen wieder lauter werden: Die Chefetagen verordneten Sparprogramme.“ Insbesondere die Personalkosten seien dabei im Fokus.

Seit der Krise 2009/2010 hätten viele kleine und mittelständische Firmen ihre Eigenkapitalreserven aufgebraucht.

„Heftige Preisschlachten, Preisnachlassverhandlungen mit den Großen, überdimensionierte Wachstumsanforderungen, Rohstoffpreiserhöhungen, dringend notwendige Investitionen, hausgemachte Problemlagen haben ihre finanziellen Spuren hinterlassen“, so Fuchs. Manche Belegschaft habe in den vergangenen zehn Jahren „das Tal der Tränen mehrfach durchschritten“.