Gewerbeflächen Region Stuttgart: „Wir sind ausverkauft“

SWP Uwe Roth 12.07.2017

Auf der Münchener Immobilienmesse „Expo Real“ im Oktober hat die Region nur wenig anzubieten. Nach einem aktuellen Bericht hat die Flächenknappheit weiter zugenommen.

Nach der Expo ist vor der Expo. Im Oktober 2016 ist Walter Rogg, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS), mit einem „mulmigen Gefühl“, wie er damals sagte, nach München zu Europas größter Messe für Immobilien und Investitionen gefahren. An freien Gewerbeflächen habe die Region „im Moment wenig zu bieten“, befand er kurz vor der Abreise. CDU-Regionalrat Wolfgang Häfele prophezeite, um die Dramatik zu unterstreichen: „In einem halben Jahr sind wir ganz ausverkauft.“

Das ist fast ein Jahr her, und die WRS hat auf der „Expo Real“ 2017, die vom 4. bis 6. Oktober stattfindet, in Halle B1 erneut einen großzügig bemessenen Stand mit der Nummer 120 angemietet. Schließlich müssen 22 Untermieter dort Platz für ihre Broschüren finden: unter anderem neben Stuttgart die Landkreise Esslingen, Göppingen und Rems-Murr, einige Kreissparkassen sowie private Immobilienentwickler.

„Stand heute sind wir ausverkauft“

Der aktuelle WRS-Bericht über die Verfügbarkeit von Gewerbe- und Industrieflächen offenbart jedoch: Das Angebot ist weiter zurückgegangen. CDU-Rat Häfele schrieb seine Aussage von 2016 konsequent fort, indem er den Bericht so kommentierte: „Stand heute sind wir ausverkauft. Wir müssen diesem Thema große Beachtung schenken und herausbekommen, warum die Flächen nicht aktiviert sind.“ Nach den Worten von Rogg sind in Stuttgart und den fünf umgebenden Landkreisen aktuell 97 Hektar auf der grünen Wiese verfügbar. In den kommenden fünf Jahren wollen die Kommunen weitere 61 Hektar baureif machen.

Gewerbeflächen: Tropfen auf den heißen Stein

Für den WRS ist das jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Um mittelfristig die Nachfrage aus Industrie und Gewerbe erfüllen zu können, müssten laut WRS-Chef in der Region jährlich über 100 Hektar neu ausgewiesen werden. „Es ist ein dringender Handlungsbedarf auf allen politischen Ebenen zu erkennen“, so Rogg. Planerisch könnten sogar 880 Hektar Neu- und Bestandsflächen dem Gewerbe angeboten werden. Das hat die WRS aus Daten der Kommunen analysieren lassen. Das Potenzial gelte es zu nutzen.

Besondere Begehrlichkeiten zeigen die Unternehmen der Logistik in der Region. Beinahe jedes würde sich gerne am Standort vergrößern. So sagt Wilhelm Deutsch, Geschäftsführer des GVZ Logistikzentrums Kornwesth eim: „3000 bis 4000 weitere Quadratmeter könnten wir noch brauchen.“ 38 000 Quadratmeter Lagerflächen hat er bereits am Güterbahnhof. „Eigentlich eine gute Situation, wenn Flächen nicht leer stehen“, findet er. Aber es sei unangenehm, Aufträge wegen Platzmangels nicht annehmen zu können. Er weiß: Vielen in seiner Branche geht es so.

Wohn- oder Gewerbeflächen? Eine Gretchenfrage

Der neue Präsident der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg, Albrecht Kruse, sieht das Problem in „der Bereitschaft, Logistikbetriebe zuzulassen“, wie er in einem Interview zum Amtsantritt sagte. Die Politik sei gefordert, „stärker für die Notwendigkeit der Logistik zu werben“. Auch den Mangel an Gewerbeflächen und die seiner Meinung nach schleppende Erschließung führt er zum Teil auf „die Widerstände vor Ort“ zurück.

Wohn- oder Gewerbeflächen? Für die Gemeinderäte in der Region ist das zur Gretchenfrage geworden. So hat der Stuttgarter Gemeinderat die Gewerbefläche des ehemaligen Busherstellers Neoplan dem Wohnungsbau zur Verfügung gestellt. Es regt sich im Gemeinderat Widerstand, einer solchen Umnutzung weitere folgen zu lassen, um in der Wirtschaft nicht noch mehr Druck aufzubauen. Zunehmend erschrecken Unternehmer mit lauten Überlegungen, die Region zu verlassen, sollten sie keine Erweiterungsflächen finden.

Suche nach Gewerbeflächen unter Hochdruck

Rogg hatte den Regionalräten vor einem Jahr bis zur jetzt anstehenden Sommerpause „Handlungsempfehlungen“ versprochen. Diese sollen laut Mitteilung des Verbands Region Stuttgart nach der Sommerpause folgen. Gemeinsam mit der Hochschule St. Gallen in der Schweiz arbeite die WRS „mit Hochdruck an Umsetzungsinstrumenten und konkreten Maßnahmen zur Förderung der Gewerbeflächenaktivierung in der Region“. Mit den Erkenntnissen daraus könnten die Vertreter aus der Region am Stand der „Expo Real“ im Oktober zumindest den Besuchern erklären, warum sie aktuell zwar wenig anzubieten haben, sich die Situation künftig möglicherweise aber verbessern könnte.

Industrieller Wandel verschärft Situation

Als Nachfrageschwerpunkte haben sich laut der Stuttgarter Wirtschaftsförderung (WRS) die industriellen Kerne der Region herausgestellt. Das sind die Mittelbereiche Stuttgart mit 226 Hektar, Ludwigsburg/Kornwestheim mit 107, Böblingen/Sindelfingen mit 94, Esslingen mit 72 und Waiblingen/Fellbach mit 61 Hektar.

Verschärfend wirkt sich der industrielle Wandel hin zu Digitalisierung und Elektromobilität aus, „der einen erhöhten Flächenbedarf mit sich bringt“. Dieser könne nur sehr begrenzt auf Bestandsflächen realisiert werden, da die bestehenden Nutzungen parallel weiterliefen. Laut der Analyse werden in den nächsten Jahren Flächen für Logistik, Forschung und Entwicklung besonders nachgefragt, während die Nachfrage nach Produktionsflächen konstant bleibt und jene nach Büros nur noch leicht zulegt. uro

 

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