Frieder Beck: Turnen – die ideale Sportart

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ZVW Uwe Roth 10.03.2017

Sport macht schlau – besonders das Turnen. Das ist die Überzeugung des Hirnforschers Frieder Beck. Am Mittwochabend sprach er darüber in Rudersberg. Die zahlreichen Sportvereinsmitglieder und Lehrer unter den Zuhörern hörten das gerne.

Frieder Beck: Foto: privat
Frieder Beck: Foto: privat

Am Tag nach seinem Vortrag im Foyer des Rathauses dürfte mancher Pädagoge oder Jugendtrainer im Nachklang über „unerwartete Handlungserfolge“ nachgegrübelt haben. Frieder Beck ist selbst Gymnasiallehrer für Mathematik und Sport sowie Mannschaftstrainer. Der „unerwartete Handlungserfolg“ gehört zu seinen Schlüsselbegriffen, die erklären sollen, warum körperliche und geistige Fitness in ein Gesamtpaket gehören. Seine These lautete: Sport und Bewegung müssen so organisiert sein, dass die Menschen regelmäßig ihre persönlichen Erfolgserlebnisse haben.

Das bedeutet für ihn nicht, sie zu Höchstleistungen anzutreiben. Ihm geht es mehr um die kleinen Erfolge im Training, beispielsweise um eine lang geübte Wurftechnik, die mit einem Mal gelingt; um einen Bewegungsablauf, der zuvor hakte und plötzlich stimmt; oder um einen Griff an der Kletterwand, den man trotz größter Anstrengung noch nie erreicht hat.

„Unerwartete Handlungserfolge“ lösen nach seiner Überzeugung im Kopf des Sportlers so einiges aus: Sie wecken die Lust, die Dinge immer zu wiederholen, und ein Glücksgefühl. Befeuert werde der Erfolg durch Lob. Dabei habe sich in Tests herausgestellt, dass es besser sei, wenn der Trainer unterstreiche, was besonders gut war, und nicht, was noch hätte besser gemacht werden können. Versuche hätten bewiesen, dass eine Gruppe Sportler, die in ihren Ergebnissen positiv bestärkt worden sei, bereits nach zwei Tagen bessere Leistungen gezeigt habe als eine Vergleichsgruppe, die ständig auf ihre Schwächen hingewiesen worden sei.

An dieser Stelle wechselt der Pädagoge Beck zum Hirnforscher: Derartige Erfolge stoßen nach Erkenntnissen der Wissenschaft im Kopf die Dopaminproduktion an. Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff des Nervensystems und sorgt so für die Steuerung sowohl körperlicher als auch geistiger Bewegungen. Dieser Neurotransmitter wecke den Wunsch nach Wiederholung.

Wunderdünger für das Gehirn

Ein weiterer zentraler Begriff aus der Hirnforschung ist für den Referenten ein Protein mit dem Namen Brain-derived neurotrophic factor, kurz BDNF. Es schützt sowohl bestehende Gehirnzellen und fördert darüber hinaus das Wachstum neuer. Beck bezeichnete BDNF als einen „Wunderdünger für das Hirn“. In Kombination mit Dopamin sorge es für Lernerfolge und ein verbessertes Gedächtnis. Ein weiterer positiver Effekt ist die Stärkung der Selbstdisziplin, die in seiner Fachsprache Exekutive Funktion (EF) oder Selbstregulation heißt. „Selbstregulation schlägt den IQ“, stellte er fest. Oder anders ausgedrückt: In der Schule zählt am Ende mehr die Selbstdisziplin als die Intelligenz.

Turnen ist für Frieder Beck die ideale Sportart, in der sämtliche positive Effekte vereint sind: Sie ist abwechslungsreich, fördere die Disziplin, sorge für die nötigen kleinen Erfolgserlebnisse und strenge das Gehirn an, weil man sich Handlungsabläufe ausdenken und merken müsse. Lehrer und Trainer könnten die Erfolge befördern, sagte der Referent in Richtung der zahlreich anwesenden Zuhörer, die täglich vor der Herausforderung stehen, junge Menschen zu motivieren. Lehrer und Trainer müssen den Boden bereiten für die „unerwarteten Handlungserfolge“.

Beim Grübeln am Tag nach dem Vortragsabend stellen sie bei der Vorbereitung des Unterrichts oder der Trainingsstunde fest: Das ist gar nicht so einfach.