Fitnesstest für ältere Autofahrer nur freiwillig

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ZVW Uwe Roth, 30.05.2015

Waiblingen/Aalen. Der von einer 86-jährigen Geisterfahrerin verursachte Unfall mit zwei Toten hat unter Lesern eine heftige Diskussion um die Fahrtüchtigkeit Hochbetagter ausgelöst. Regelmäßige Tests sind rechtlich nicht vorgesehen, aber der Tüv bietet freiwillige Checks an.

Es ist ein Frontalzusammenstoß auf der B 29 bei Lorch mit schlimmen Todesfolgen. Die Seniorin fährt auf der falschen Seite in Richtung Stuttgart und kracht mit ihrem Passat im vollen Tempo in einen entgegenkommenden BMW. Beide Fahrer sterben. Der am Unfall unschuldige Fahrer ist 22 Jahre jung. Die Nachricht wird auf der ZVW-Homepage und auf Facebook von zahlreichen Lesern kommentiert. Viele zeigen sich fassungslos.

Vor allem der große Altersunterschied der beiden Unfallopfer facht die Diskussion über das Schreckgespenst Falschfahrer zusätzlich an. „Der junge Fahrer hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Und ich sage jetzt mal, egal wie alt die Verursacherin war – wer es schafft, am helllichten Tag in die falsche Richtung zu fahren ist definitiv fahruntauglich“, schreibt einer. Schnell kommen die ersten Forderungen, Senioren regelmäßig zur Überprüfung ihrer Fahrtüchtigkeit zu schicken. Unsere allerdings nicht repräsentative Online-Umfrage dazu ergibt, dass dreiviertel derer, die bei der Abstimmung mitmachen, eine Anordnung befürworten würden.

Stress-Situationen bereiten im Alter zunehmend Probleme

Ältere Leser wiederum fühlen sich pauschal von den jüngeren Kommentarschreibern verurteilt. „Auch Sie werden irgendwann als Greisin am Straßenverkehr teilnehmen, mal seh’n wie“, bekommt eine Leserin zur Antwort, die leicht provokativ feststellt: „So ist das, wenn Greise, wie die Unfallverursacherin, noch auf unseren Straßen unterwegs sind.“

Das Für und Wider regelmäßiger Fahrtüchtigkeittests ist auch ein Generationenkonflikt. Während sich Fahranfänger im jungen Alter unter scharfer Beobachtung des Gesetzgebers und der Kfz-Versicherungen sehen, bleiben Führerscheininhaber im hohen Alter nach ihrer Ansicht von Kontrollen und rechtlichen Einschränkungen unverhältnismäßig verschont. Das wird als ungerecht empfunden.

Die Statistik zeigt: Die Zahl älterer Fahrer nimmt zu. Bereits heute machen die über 65-Jährigen 20 Prozent der Bevölkerung aus, im Jahr 2060 gehört jeder Dritte zu dieser Gruppe. Wer länger lebt, wird sich länger hinters Steuer setzen. Untersucht man die Art der Unfälle, in die Senioren verwickelt sind, so zeigt sich, dass sie eher auf Fahrfehlern beruhen als etwa auf zu hoher Geschwindigkeit oder zu viel Alkohol im Blut, wie dies im Gegensatz dazu bei jüngeren Unfallbeteiligten oftmals der Fall ist: Am häufigsten missachten Fahrer über 65 Jahren die Vorfahrt oder verursachen Unfälle beim Abbiegen, Wenden oder Rückwärtsfahren. Das bestätigt Polizeisprecher Klaus Hinderer. Die Übersicht zu bewahren in Stress-Situationen bereitet Älteren zunehmend Probleme, wie dies bei der jüngsten Geisterfahrerkarambolage der Fall gewesen sein dürfte.

Das Polizeipräsidium Aalen, das für den Rems-Murr-Kreis zuständig ist, hat im vergangenen Jahr rund 22 000 Unfälle bearbeitet. In acht Prozent, also an 1800, waren Fahrer beteiligt, die älter als 65 sind. Nach Auskunft des Polizeisprechers lag der Anteil, bei dem die über 65-Jährigen Verursacher oder Mitverursacher waren, bei 65 Prozent. Im Vergleich dazu: 18- bis 24-jährige Autofahrer waren bei jedem zehnten Unfall und damit nur unwesentlich häufiger beteiligt als Senioren. Schuldhaft war ihr Fahrverhalten in 55 Prozent der Fälle. Das heißt, jüngere Autofahrer sind etwas weniger oft Auslöser eines Unfalls als Ältere jenseits der 65.

Daraus lässt sich ableiten, dass Raserei und Alkohol am Steuer über die Vernunft vermeidbar sind, während eine nachlassende Konzentration oder Sehschwäche sich im Alter kaum abwehren lassen. Da tickt die biologische Uhr. Eine bundesweite Studie besagt, dass ab dem 75. Lebensjahr das Risiko, im Straßenverkehr auffällig zu werden, deutlich ansteigt – vor allem wenn Senioren weniger als 3000 Kilometer jährlich fahren. Dann verschulden sie zu 77 Prozent die Unfälle selbst und überholen damit die jungen Risikofahrer.

Nach besonders drastischen Ereignissen, wie dem auf der B 29, wiederholt sich der Ruf nach Fahrtauglichkeitstests für ältere Führerscheininhaber. Bislang hat der Gesetzgeber die Rufe verhallen lassen. Dafür sorgt nicht zuletzt die Automobilindustrie, für die ältere Autofahrer gute Kunden sind, da sie den Aufpreis für teure Fahrsicherheitssysteme gerne zahlen.

Fünf gaben 2014 im Kreis ihren Führerschein freiwillig zurück

In Deutschland gilt lediglich ein Gesetz, laut dem Führerscheinbesitzer nach einem Anlass zu testen sind: Wer im Verkehr auffällig wird oder einen Unfall verursacht, bei dem sich der Verdacht einer eingeschränkten Fahrtauglichkeit erhebt, kann die Fahrerlaubnis verlieren oder muss ein fachärztliches oder medizinisch-psychologisches Gutachten einholen. Wie viele das im Rems-Murr-Kreis sind, weiß man bei der Führerscheinstelle im Landratsamt allerdings nicht. Dort kennt man nur die Zahl der Bürger, die ihren Führerschein freiwillig abgeben. Im Jahr 2014 waren das gerade mal fünf. Stand Mai des aktuellen Jahres sind es bislang zwei, die auf eine Fahrerlaubnis aus eigenem Antrieb verzichten. Rekord der vergangenen fünf Jahre war mit neun Rückgaben das Jahr 2011.

Doch jedem steht es offen, sich freiwillig testen zu lassen und gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen und bei einem schlechten Ergebnis aufs Autofahren zu verzichten. Ein Angebot macht beispielsweise der Tüv Süd, allerdings nicht in jeder Niederlassung. Die nächste Möglichkeit besteht in Aalen oder Esslingen (siehe Infokasten).

Tüv bietet Fahrtauglichkeitstests an

Der Tüv Süd bietet einen Fitnesscheck für Autofahrer an. Der richtet sich besonders an Senioren, aber beispielsweise auch an Schlaganfallpatienten, die nach der Reha wieder hinters Steuer wollen.

Der Test ist umfangreich und wird medizinisch begleitet. Er kostet 185 Euro.

Die nächsten Tüv-Standorte, an denen dieser Fitnesscheck angeboten wird, sind Stuttgart, Aalen, Esslingen und Heilbronn.

Nähere Informationen bekommt man auf der Internetseite des Tüv Süd. Allerdings ist das Angebot Fitnesscheck für Autofahrer nicht einfach zu finden. Hier der Link zur Seite.

Auf der Internetseite wird ein Online-Reaktionsspiel angeboten.

Das Ergebnis der Prüfung hat rechtlich keine Auswirkung auf den Besitz der Fahrerlaubnis.

Wer den Test erfolgreich bestanden hat, erhält ein Zertifikat, das im Fall eines Unfalls oder Versicherungsfalls positiv von Bedeutung sein kann.