Fernwärme ist etwas für Spezialisten

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Bietigheimer Zeitung Uwe Roth 20.05.2017

Der Staat fördert Nah- und Fernwärmenetze. Nutzer können auf eine Heizung verzichten. Für die Betreiber ist das Geschäft schwierig.

Fernwärme ist eine alte Technik. Schon die Römer nutzten sie und leiteten heißes Wasser durch Röhren in ihre Thermen. Im Wesentlichen ist das Prinzip der Fernwärme bis heute gleich geblieben. Nur kommt das heiße Wasser nicht mehr ausschließlich aus den Tiefen der Erde. Hinzugekommen ist eine Vielzahl von Energiequellen: Kleine Kraftwerke, die mit Öl, Erdgas, Holz, Pellets oder Biomasse betrieben werden. Bei der Solarthermie erhitzt die Sonne das Wasser, das am anderen Ende der Leitung Haushalte mit Heizungswärme und Warmwasser versorgt.

Keine exakte Definition für Nah- und Fernwärme

In der Vergangenheit wurden große Heizkraftwerke wie das in Bietigheim-Buch gebaut, die Warmwasser ins Umland liefern. Heute sind die Anlagen in der Regel kleiner. Manche passen ohne weiteres in einen Keller. Die Kapazitäten reichen für eine Versorgung der Nachbarschaft. Für die Unterscheidung von Fern- und Nahwärme gibt es keine exakte Definition. Experten verzichten sogar darauf, denn für sie ist die Technik die gleiche. Mal ist das Netz größer, mal kleiner.

In Freudental sollen in den kommenden Jahren rund 600 Haushalte Anschluss an ein Nahwärmenetz erhalten (die BZ berichtete). Ein Pelletkessel ist die Heizungsquelle für den Anfang. Die steht im Keller der Grundschule. Die Gemeinde hat keinen Erdgasanschluss, so wird eine Ölheizung zugeschaltet, sollte dies an besonders kalten Tagen notwendig werden. Später kommt eine 250 000 Euro teure Hackschnitzelanlage hinzu.

Garantierte Lieferung

Betreiber ist die Bietigheimer Kraftwärmeanlagen GmbH. Das Unternehmen ist der Contractor. Das bedeutet, die Kunden bezahlen fürs Warmwasser, dessen Lieferung ihnen garantiert ist, um den Rest, wie Wartung und Reparaturen, müssen sie sich nicht kümmern. Auch kurzfristig schwankende Energiepreise können ihnen egal sein. Der Betreiber verdient sein Geld, wenn die Anlage optimiert läuft und die Preiskalkulationen aufgehen. Geschäftsführer Jürgen Gölz spricht von einem „mühsamen Geschäft, das sehr viel Arbeit, Genauigkeit und ein starkes Durchhaltevermögen der Mitarbeiter verlangt“. Viel Know-how sei nötig – Ingenieurswissen, über das nach seinem Wissen Stadtwerke in der Regel nicht verfügen. Daher sei der Ausbau von Wärmenetzen bei kommunalen Versorgern nicht oberste Priorität.

„Damit bleibt die Wertschöpfung in der Region, und es werden Arbeitsplätze geschaffen“

Für die Stadtwerke Bietigheim-Bissingen bestätigt das Antje Schwarz, Abteilungsleiterin Wärmetechnik. Sie gibt der energetischen Sanierung von älteren Gebäuden als einen Beitrag zur CO2-Einsparung Vorrang. Gleichwohl entstehen neue Nahwärmenetze in der Stadt. So wird das Sky-Hochhaus am Bahnhof von außen mit Warmwasser versorgt. Gleiches ist für die künftige Bebauung des Valeo-Geländes geplant. In der Innenstadt (Kreuzäcker) soll das bestehende Netz erweitert werden.

Jürgen Gölz sagt, mit dem notwendigen Wissen seien die technischen Risiken in den Griff zu bekommen. Die größere Herausforderung sei vielmehr, den sich permanent ändernden politischen Vorgaben zu stellen und gerecht zu werden. Mal fördere der Staat die eine Technik, mal eine andere. Preisschwankungen auf dem globalen Energiemarkt sei ein Contractor hingegen hilflos ausgesetzt. Daher bevorzugt Gölz Holz und Biomasse aus heimischer Erzeugung als Rohstoff. „Damit bleibt die Wertschöpfung in der Region, und es werden Arbeitsplätze geschaffen“, argumentiert er.

Deutschlands größte Solarthermie-Anlage entsteht in Ludwigsburg

Aktuell fördert der Staat den Ausbau der Wärmenetze. Davon profitieren die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim. Beim Wasserturm am Römerhügel wird Deutschlands größte Solarthermie-Anlage installiert. 13 Millionen Euro sind kalkuliert. 10,4 Euro kommen vom Bund. Damit ist das Investitionsrisiko gering. Damit später genügend Abnehmer für das von der Sonne aufgeheizte Wasser gefunden werden, baut die Stadt das vorhandene Wärmenetz, das bislang allein von einem Holzschnitzelkraftwerk gespeist wird, kräftig aus.