Eisenbahngeschichte Bietigheim-Bissingen: Knotenpunkt vergangener Zeiten

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Bietigheimer Zeitung Uwe Roth 18. September 2017

Kreisarchivar Wolfram Berner kennt sich in der Eisenbahngeschichte von Bietigheim-Bissingen bestens aus. Das zeigte er in seinem Vortrag beim Geschichtsverein.

Obwohl die Eisenbahn bis heute Abstand zur Innenstadt hält, hat ihre Geschichte Bietigheim-Bissingen geprägt. Sichtbar wird das allein an der großen Zahl der überwiegend älteren Zuhörer, die vergangene Woche zum Vortrag des Kreisarchivars Wolfram Berner ins Gasthaus Bären gekommen ist. Das Enzviadukt ist für viele mit der Eisenbahn ein Stück Familiengeschichte verbunden, weil Vater oder Bruder bei der Bahn geschafft hat und der Zug bis in die 1970er-Jahre das wichtigste Verkehrsmittel war, als kaum jemand ein eigenes Auto besessen hat.

Bietigheim war lange Zeit der Eisenbahnknotenpunkt in Württemberg, den jeder passieren musste, der ins Badische wollte. Auch der Orient-Express machte hier auf seinem Weg von Paris nach Wien Halt. Bis 1991 hielt in Bietigheim der Intercity und bot einen direkten Anschluss zur großen Welt. Seit 25 Jahren aber umfahren die schnellen Züge auf einer Schnellfahrstrecke Bietigheim in einem großen Bogen. Doch der wachsende Regionalverkehr lastet den Bahnhof am Südrand der Stadt weiterhin aus.

Mythos Eisenbahnknotenpunkt

Wolfram Berner hat die Eisenbahngeschichte im Landkreis nicht nur dokumentiert, weil es als Archivar im Landratsamt sein Beruf ist. Die Erforschung von Schmalspur-, Feld- und Industriebahnen in Baden-Württemberg ist zugleich seine Leidenschaft. Jede Lok, die er auf historischen Fotos zu seinem Vortrag zeigt, kann er benennen und weiß, wo sie gebaut wurde. Wie aber ausgerechnet Bietigheim Mitte des 19. Jahrhunderts zum bedeutsamen Knotenpunkt wurde, kann auch er nur vermuten. Ursprünglich sollte die Abzweigung von der Württembergischen Hauptbahn in Richtung Mühlacker bereits bei Tamm erfolgen.

Der einflussreiche Eisenbahnplaner Karl Etzel (1812 bis 1865) hat auf eine Verschiebung nach Norden an die Stadtgrenze von Bietigheim gedrängt, um dem Vater seiner Braut einen Gefallen zu tun. So jedenfalls wird spekuliert. Der Schwiegervater in spe war Karl von Gärttner, ein Bürger der Stadt und zugleich der württembergische Finanzminister. Stimmt die Geschichte, war es ein Gewinn für beide Seiten: Von Gärttner bekam seinen Knotenpunkt und Etzel das Geld für das Enzviadukt nach seinen Plänen. 1850 war Baubeginn, nur 30 Monate später war die 287 Meter lange Steinbrücke zum angepeilten Zeitpunkt fertig gestellt. Allerdings ist sie um 80 Prozent, so die Schätzung des Archivars, teurer geworden, als vorgesehen.

Eisenbahnknotenpunkt: Wichtig für die Industrie

Berner erinnert an die Kapitel der lokalen Eisenbahngeschichte: Am Knotenpunkt angeschlossen war ehemals ein großer Güterbahnhof, in dem rund 250 Menschen arbeiteten. 1972 wurde dieser aufgelöst und nach Kornwestheim verlegt. Von Bietigheim führte von 1879 an eine Bahnstrecke nach Backnang. Der Bahnhof wurde mit der Streckenerweiterung zum zweigrößten Württembergs. Im Zweiten Weltkrieg wurden Brücken zerstört und einige nie wieder aufgebaut – das Ende der eingleisigen Hauptbahn in den östlichen Landesteil.

Der Kreisarchivar verweist auch auf die ehemalige Bedeutung der Eisenbahn für die Industrie. Die Deutschen Linoleum Werke (DLW) hatten sogar einen eigenen Lok-Fuhrpark. Auch zur Rommelmühle führten bis 1996 Bahngleise – teilweise direkt auf der Bissinger Bahnhofstraße. Von der Mühle wurde in Güterwaggons Hartweizengries zum ehemaligen Nudelhersteller Bürkle ins Remstal transportiert.

Ohne Helm und Absicherung

In einem Dokumentarfilm zeigte Berner die aufwändige Reparatur des Enzviadukts Ende der 1940er Jahre. Die Wehrmacht hatte in den letzten Kriegsmonaten Teile selbst in die Luft gesprengt, um den Vormarsch der Franzosen und Amerikaner zu erschweren. Der Wiederaufbau ging schnell voran. Was sicher auch daran lag, dass die Arbeiter wie Luftakrobaten ohne Helm und jegliche Absicherung auf den Gerüsten 35 Meter über dem Boden he­rumturnten.