E-Mobilität:

SWP Uwe Roth 23.09.2016

Ob auf zwei oder vier Rädern – das Angebot abgasfreier Mobile in der Region verdichtet sich. Der Durchbruch der E-Mobilität ist aber noch weit entfernt.

Es ist der ideale Pendler: Morgens steigt er in ein Elektroauto vom Carsharing-Parkplatz in der Nachbarschaft. Als Türöffner dient eine elektronische Karte. Mit dem abgasfreien Leihfahrzeug fährt er zur nächsten S-Bahn-Station, wo er es an einer Ladesäule abstellt. Da sein Arbeitsplatz vom Zielbahnhof wenige Kilometer entfernt liegt, nimmt er dort eines der E-Bikes von der Verleihstation. Auf dem Firmengelände stellt er es an einer Ladestation ab. Der Arbeitgeber hat sie gleich vor dem Bürogebäude eingerichtet. Am Monatsende werden die gefahrenen Kilometer unkompliziert über den VVS abgerechnet.

Ein Teil der Pendlerzukunft ist in der Region heute schon Realität, insbesondere was die Verfügbarkeit von Zweirädern mit Stromantrieb, sogenannte E-Bikes oder Pedelecs, betrifft. Neben der Landeshauptstadt  gibt es in 13 Kommunen der Region mittlerweile Leihstationen, weitere werden folgen. In Stuttgart wird das Car2Go-Netz (Elektro-Smarts) dichter, und in den Fuhrpark des Carsharing-Anbieters Stadtmobil werden Elektrofahrzeuge aufgenommen.

Die Bahnhöfe werden zu zentralen Anlaufstellen für die Alternativen zum eigenen Pkw ausgebaut. Diese haben auch einen offiziellen Namen: Mobilitätspunkte. Die elektronische Allzweckkarte wiederum wird schon seit einem Jahr ausgegeben: Die Polygocard des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS).

Dennoch muss der Pendler ein besonderes Faible für diese besondere Art der Mobilität haben. Das Netz der Leih- und Ladestationen hat riesige Löcher. Es ist die Ausnahme, ohne eigenes Elektroauto den Arbeitsweg mit gemieteten E-Fahrzeugen bewältigen zu können. Nähme das Interesse der Bevölkerung sprunghaft zu, überstiege die Nachfrage das Angebot hoffnungslos. Nehmen Kommunen oder das Land ein Vorhaben in Angriff, bei dem unsicher ist, ob aus finanziellen Gründen je ein zweites und drittes folgen wird, heißt das Vorhaben Modellprojekt. Andere Begriffe sind Pilot-, Demonstrations- oder Leuchtturmprojekt.

Und davon hat die Region mittlerweile reichlich. Hätte es nicht ein Förderprogramm gegeben, das den Kommunen einen Teil der Kosten für die modellhafte Radstation ersetzt hätte, wäre sicher manches Projekt in der Diskussionsphase stecken geblieben. Fördertöpfe gibt es ebenso reichlich – ob bei der EU, beim Bund oder Land. Die unterschiedlichen Internetadressen unter den Projektbeschreibungen verraten das.

Auch die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) gehört zu den Geldgebern. Der Verband Region Stuttgart (VRS) möchte die Landeshauptstadt und die fünf umliegenden Landkreise zur „Modellregion für nachhaltige Mobilität“ entwickeln und hat dazu seinem Tochterunternehmen für fünf Jahre insgesamt 7,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Kommunen erhalten für die Einrichtung eines Mobilitätspunkts bis zu 70 Prozent ihrer Kosten ersetzt. Höchster Betrag war bislang 1,8 Millionen Euro.

„Wir haben in der Tat auf diesem Gebiet viele unterschiedliche Akteure, und es wird Zeit, von der Phase der Leuchttürme wegzukommen“, sagt Holger Haas von der WRS. Vom Verband haben er und sein Team gleich vier Aufgaben übertragen bekommen: Sie regeln die Vergabe der Fördermittel, machen Werbung für die nachhaltige Mobilität, sie beraten Unternehmen beim Aufbau eines „betrieblichen Mobilitätsmanagements“, und vor allem sollen sie Betriebe in der Region dabei unterstützen, den Anschluss an die Elektromobilität nicht zu verpassen. Die Region Stuttgart braucht Elektromobilität in mehrfacher Hinsicht.

Da sind zum einen die Probleme mit Feinstaub und den Stickoxyden. Die EU droht wegen Verletzung der Grenzwerte mit empfindlichen Geldbußen; ganz abgesehen von den gesundheitlichen Folgeschäden in der Bevölkerung.

Die Region benötigt Elektromobilität aber auch, um 200000 Arbeitsplätze zu erhalten. So viele Menschen arbeiten bei Daimler, Porsche und in den vielen Zulieferbetrieben. Aktuell beschäftigen sich diese Unternehmen überwiegend noch mit Benzin- und Dieselmotoren. In den Entwicklungsabteilungen wird zwar mit Hockdruck am Umstieg auf den Stromantrieb gearbeitet, doch die Firmen leben bislang noch recht gut von der althergebrachten Technik.

Holger Haas ist „zu 100 Prozent überzeugt“, dass sich die Elektromobilität am Ende durchsetzen wird, wie er sagt. Er habe aber lernen müssen, dass alles viel mehr Zeit benötigt, wie er sich das anfänglich gedacht hat. Außerdem ist er von politischen Entscheidungen abhängig. Und wenn er hören muss, dass die Pendlerzahlen trotz aller Werbung für den Umstieg vom eigenen Auto erneut gestiegen und die Staus länger geworden sind, gleicht seine Aufgabe manchmal dem Kampf gegen Windmühlen.

Vernetzung Um Verkehrsmittel besser zu vernetzen, werden Bahnhöfe in der Region zu Mobilitätspunkten ausgebaut. Dort kann man sich E-Bikes oder ein Elektroauto ausleihen. Außerdem kann man ein Ruftaxi bestellen.

Stationen  E-Bike-Stationen gibt es in Bietigheim-Bissingen, Fellbach, Filderstadt, Göppingen, Herrenberg, Holzgerlingen, Kirchheim am Neckar, Ludwigsburg, Remseck am Neckar, Schorndorf (zwei Stationen), Schwieberdingen, Vaihingen an der Enz und Waiblingen.uro

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