Dicke Luft am Neckartor in Stuttgart wird seltener

SWP Uwe Roth 19.12.2017

Oberbürgermeister Fritz Kuhn sieht „eine deutliche Verbesserung“ bei der Schadstoffbelastung in Stuttgart. Aber immer noch werden die Grenzwerte zu häufig überschritten. Von Uwe Roth

Bei Feinstaub und Stickoxiden können Erfolgsmeldungen schnell zum Chemieunterricht werden. Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) gingen am Montag im Rathaus bei seiner Bilanz der Luftreinhaltung in Stuttgart immer mal wieder die einfachen Worte aus: Er musste aufs Fachvokabular zurückgreifen, um zu erklären, warum ihm die Messdaten aus diesem Jahr trotz Grenzwertüberschreitungen tatsächlich Hoffnung gäben, dass die Luft sogar am Neckartor dauerhaft besser werden könnte.

Die Schadstoffmessstation an der Kreuzung Cannstatter und Heilmannstraße, die sich den Ruf erworben hat, die schmutzigste Deutschlands zu sein, habe als einzige im Stadtgebiet Ergebnisse über der Zulässigkeit geliefert, betonte Kuhn. Alle übrigen Messanlagen seien übers Jahr betrachtet sowohl beim Feinstaub- als auch bei den Stickoxidwerten im grünen Bereich geblieben.

50 Überschreitungstage 2017

Doch auch am Neckartor sei die Belastung zurückgegangen, stellte er fest. Laut seiner Statistik hat es dort merklich weniger Überschreitungstage gegeben als im Vorjahr. 2016 sei der Feinstaubwert an 63 Tagen zu hoch gewesen. Bis zum Jahresende rechnet er für 2017 mit etwa 50 Tagen, in denen das Limit überschritten sein wird. Erlaubt sind von der EU nur 35 Überschreitungstage im Jahr. Kuhn zeigte sich jedoch überzeugt, dass dies im Bereich des Machbaren läge.

Komplizierter gestaltete es sich bei den Stickoxidwerten (NOx). Auch diese lägen am Neckartor oftmals über dem Grenzwert von 200 Mikrogramm je Kubikmeter. Doch die Anzahl der Stunden, an denen Spitzenwerte registriert werden, sei „massiv zurückgegangen“ – von 35 im vergangenen Jahr auf drei Stunden in diesem. Der OB führt dies im Wesentlichen auf zwei Faktoren zurück: So sei der Juli 2017 weniger heiß und regnerischer gewesen als der 2016. Das habe dazu geführt, dass sich die Schadstoffe schneller verflüchtigen konnten und nicht wie bei hohen Temperaturen und Windstille an einer Stelle konzentrierten.

„Wir sind noch nicht am Ziel. Aber wir können das Ziel sehen.“

Außerdem würden die Vorläufersubstanzen, aus denen sich das NOx bildet, weniger werden – und das bundesweit. Der erlaubte Jahresmittelwert sei zwar erneut überschritten worden. Dennoch betonte Kuhn, die Situation sei „deutlich besser geworden“. Zwar sei die Stadt bei den Stickoxiden, für die besonders Dieselmotoren als Quelle verantwortlich gemacht werden, „noch nicht am Ziel. Aber wir können das Ziel sehen“, ist er überzeugt.

Dass die Vorläufersubstanzen weniger werden, betrachtet Kuhn auch als einen Erfolg der Verkehrs- und Klimaschutzpolitik der Stadt. So werde das Stadtbahnnetz kontinuierlich ausgebaut. Die neue Linie U12 habe dazu geführt, dass die Kapazitäten gestiegen seien und andere Linien entlastet würden. Auch den Mooswänden und der besonderen Straßenreinigung am Neckartor traut er Potenzial zu, die Luftbelastung zu verringern. Das Jobticket sei ein Erfolg und führe dazu, das eigene Auto stehen zu lassen. Mittlerweile beteiligten sich 650 Unternehmen an diesem Angebot. An Feinstaubtagen sei der Werksausweis zugleich das VVS-Ticket. Insgesamt sieht er die Stadt mit solchen Maßnahmen „auf einem guten Weg“.

Fahrverbote bleiben Thema

Offene Ob Stuttgart dennoch ein Fahrverbot für ältere Dieselfahrzeuge drohe, dazu wollte sich der OB am Montag nicht äußern. Damit beschäftigt sich das Bundesverwaltungsgericht. Das Urteil beträfe zuerst die Landesregierung, verweis Kuhn auf die Zuständigkeiten. Das Ziel müsse bleiben, Fahrverbote zu umgehen. Sollte ein solches dennoch kommen, sei die Einführung der blauen Plakette Voraussetzung, um es überwachen zu können.

Verzicht auf Silvesterknallerei gefordert

Silvester OB Fritz Kuhn ruft die Bevölkerung auf, in der Silvesternacht auf das Abfeuern von Böllern und Raketen zu verzichten. Die Luftschadstoffwerte gingen nach dem mitternächtlichen Feuerwerk „signifikant in die Höhe“. Sie bauten sich nur langsam ab.
Verbot Kuhn hat rechtlich überprüfen lassen, ob ein Böllerverbot im Kessel rechtlich möglich sei. Nach dem Bundessprengstoffgesetz sei dieses nicht zulässig, habe man ihm gesagt.

Eine Gefährdungslage wie in der Tübinger Altstadt, wo es ein Verbot gibt, liege hier nicht vor. Appell Der OB setzt auf freiwilligen Verzicht: „Wer für die Luft etwas Gutes tun will, lässt die Knallerei.“ Über die Feiertage werden wegen des geringen Verkehrs die Feinstaubalarme ausgesetzt. uro

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