Der lange Weg zur Inklusion

ZVW Uwe Roth, 04.05.2015

Dieser Artikel wurde in zwei Versionen veröffentlicht. Zuerst die in normaler Zeitungssprache. Anschließend die Version in Einfacher Sprache. Mehr zu meinen Texten in Einfacher Sprache gibt es hier.

Waiblingen. Inklusion hat Katrin Altpeter diesmal als Thema fürs Remstalforum gewählt. Dazu hat sich die SPD-Sozialministerin die beiden wichtigsten Vertreter nach Waiblingen eingeladen: die Bundesbehindertenbeauftragte Verena Bentele und ihren Kollegen aus dem Land, Gerd Weimer.

Im Publikum saßen viele von der Inklusion Betroffene mit hohen Erwartungen an die Politik. Katrin Altpeter eröffnet den Abend im Kulturhaus Schwanen mit einer Begriffserklärung (siehe „Was bedeutet Inklusion?“). Die ist notwendig, nicht allein weil Inklusion ein ungewohntes Fremdwort ist, sondern weil die unterschiedlichsten Vorstellungen von Inklusion kursieren. Wie weit die Wirklichkeit nach Auffassung der SPD vom Anspruch entfernt ist, darüber möchte die Waiblinger Landtagsabgeordnete mit Unterstützung ihrer beiden Parteifreunde die Zuhörer informieren. Die Parteifreunde sind Verena Bentele, die Bundesbehindertenbeauftragte, und Gerd Weimer, der als Landesbehindertenbeauftragter sein Büro im Gebäude der Sozialministerin hat.

„Inklusion – jeder führt dieses Wort im Mund“, stellt Altpeter fest. Aber nur wenige verstünden den ganzheitlichen Ansatz. Die SPD-Frau erläutert: Inklusion wird in der öffentlichen Wahrnehmung auf den gemeinsamen Besuch von Behinderten und Nichtbehinderten des Kindergartens und der Schule beschränkt. Doch Inklusion betrifft ebenso die Erwachsenenwelt. „Inklusion ist ein Prozess, der von der ganzen Gesellschaft getragen wird“, sagt sie. So weit die Theorie.

Barrierefreiheit schließt die Sprache mit ein

Barrierefreiheit heißt wiederum für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder einer geistigen Behinderung, dass man mit ihnen in einer sehr verständlichen Form spricht. Leichte Sprache wird das genannt. Unter den Zuhörern sind einige von ihnen, die Erläuterungen in besonders kurzen Sätzen und ohne Fachbegriffe benötigen, um der Veranstaltung folgen zu können. Katrin Altpeter hat sich fest vorgenommen, wie sie gleich zu Anfang versichert, „heute Abend mit Ihnen in leichter Sprache und deutlich zu sprechen“.

Das mit der leichten Sprache gelingt ihr in den ersten Sätzen ganz gut. Doch von dem Moment an, wo ihre Erläuterungen politisch werden, kippt die Leichtigkeit unweigerlich ins Schwere. Schon die Titel ihrer beiden Gäste sind sperrig. Behindertenbeauftragte. Es fallen dazu noch Begriffe wie Bundesteilhabegesetz, Eingliederungshilfen, Behindertengleichstellungsgesetz oder auch die UN-Behindertenrechtskonvention, für Eingeweihte die UN-BRK. Letzteres Wortmonster war 2008 Auslöser für die ganze Inklusionsdebatte. Die Charta der Vereinten Nationen hat die Bundesregierung unterzeichnet. Nun gilt in Deutschland verbindlich: Barrierefreiheit ist ein Menschenrecht.

Verena Bentele kommt aus Baden-Württemberg, aus Tettnang in der Nähe von Ravensburg. Sie ist blind geboren und war Leistungssportlerin, bevor sie endgültig in die Politik wechselte. Barrierefreiheit in einer Diskussionsveranstaltung heißt für sie, dass ein Zuhörer sich nicht mit Handzeichen zu Wort meldet, wenn er eine Frage hat, sondern dass man dazwischenredet. Zwischenfragen gibt es zu ihren Erläuterungen aber kaum. Sie berichtet, was sie mit dem geplanten Bundesteilhabegesetz erreichen will. Menschen mit einem Behindertenausweis sollen mit dem neuen Gesetz eine sehr viel individuellere Unterstützung bekommen, wie dies momentan noch der Fall ist.

Außerdem will sie durchsetzen, dass Behinderte mehr als 2600 Euro ansparen dürfen. Bisher wird jeder Euro über dieser Spargrenze vom Staat wieder eingezogen, wenn dieser Unterstützung benötigt, die mit öffentlichen Mitteln bezahlt wird. Die Logik dahinter: Investitionen des Arbeitgebers, die dem Arbeitnehmer die Tätigkeit am Arbeitsplatz erleichtern, dürfen auch nicht vom Lohn abgezogen werden. Folglich dürften dem Behinderten auch keine finanziellen Nachteile entstehen, weil ihm die Teilhabe an der Arbeitswelt ermöglicht wird.

Schlechte Zeugnisse für die Inklusion in Deutschland

Bentele berichtet, wie schwierig der Prozess hin zur Inklusion in Deutschland ist. Erst jüngst hätten Gutachter der Vereinten Nationen der deutschen Politik ein schlechtes Zeugnis ausgestellt. Für das inklusive Schulsystem habe es die Note ausreichend bis mangelhaft gegeben. Andere Staaten seien sehr viel fortschrittlicher.

Gerd Weimer begründet das mit der Vielzahl der Sonderschularten, die sich im Laufe der Jahre gebildet haben. Für jede Art der Behinderung gebe es eine Extraschule. Und Regelschulen täten sich im Umgang mit Schülern schwer, die nicht der Norm entsprechen. Außerdem, so schätzt der Landesbehindertenbeauftragte, seien im Land 70 Prozent der Schulgebäude nicht barrierefrei. Dennoch, so betont Weimer, in den vergangenen vier Jahres sei „viel passiert“. Er verweist insbesondere auf neue Bauvorschriften zur Barrierefreiheit.

Es seien Vorschriften, von denen auch alte Menschen profitierten. Inklusion sei in der öffentlichen Wahrnehmung „positiv besetzt“, ist er überzeugt. Er bekräftigt die Erfolge der Sozialministerin und erinnert an die finanziellen Hilfen, die die Landesregierung insbesondere den Städten und Gemeinden für die Inklusion zur Verfügung stellt.

Version in Einfacher Sprache

Barrierefrei in Worten

Waiblingen. Katrin Altpeter ist die Sozial-Ministerin von Baden-Württemberg. Sie kümmert sich um die Politik, die für Menschen mit Behinderung wichtig ist.

Katrin Altpeter hat in Waiblingen mit Leuten über die Inklusion gesprochen.

Ihre besonderen Gäste sind die Bundes-Behinderten-Beauftragte Verena Bentele und der Landes-Behinderten-Beauftragte Gerd Weimer.

Wie Katrin Altpeter sind Verena Bentele und Gerd Weimer Mitglied der SPD.

Alle drei kennen sich bei der Inklusion sehr gut aus.

Wenige wissen, was Inklusion ist. Viele meinen, Inklusion betrifft nur Kinder und Schüler.

Katrin Altpeter sagt, Menschen in jedem Alter müssen sich um Inklusion kümmern.

Inklusion heißt: Menschen mit einer Behinderung dürfen wohnen und arbeiten, wo sie möchten. Sie haben gleiche Rechte wie Menschen ohne eine Behinderung. Es darf für sie keine Hindernisse geben. Das nennt man Barriere-Freiheit.

Menschen mit Lern-Schwierigkeiten brauchen Erklärungen in leichter Sprache. Das sind kurze Sätze ohne schwierige Worte.

Katrin Altpeter sagt, sie will in leichter Sprache reden, damit alle sie verstehen können. Aber in der Politik gibt es viele schwierige Wörter. Sie sind schwer zu erklären. Auch für Frau Altpeter ist das schwer.

Dazu gehört das Wort Bundes-Teilhabe-Gesetz. Es ist noch nicht fertig.

Verenta Bentele war schon blind, als sie geboren wurde. Sie weiß, welche Probleme Behinderte haben. Sie sagt, was das neue Gesetz will.

Behinderte Menschen sollen die Hilfe bekommen, die sie brauchen, um gut leben zu können. Behinderte sollen mehr Geld sparen dürfen, damit sie sich auch etwas kaufen können, das teuer ist.

Verena Bentele sagt, dass noch viel getan werden muss, bis das erreicht ist. Gerd Weimer arbeitet in Stuttgart im Ministerium von Katrin Altpeter.

Behinderte Menschen können ihm mitteilen, welche Probleme sie haben. Er ist zuständig, ihnen zu helfen.

Gerd Weimer sagt, bei der Inklusion ist schon viel Gutes passiert. So gibt es neue Gesetze für die Barriere-Freiheit in Wohnungen und Häusern.

Die Politik in Deutschland muss für die Inklusion etwas tun.

Es gibt die UN-Behinderten-Rechts-Konvention. Sie sagt der deutschen Regierung: Barriere-Freiheit ist ein Menschenrecht. Das ist eine Vorschrift.

Viele Menschen hören zu, was Katrin Altpeter, Verena Bentele und Gerd Weimer über das Leben von Behinderten zu sagen haben.

Die Menschen sagen den Politikern, was nicht gut funktioniert. Sie kennen Gebäude, die keinen Aufzug für Rollstuhlfahrer haben. Sie sagen, es gibt Ärzte, die sich nicht um Menschen mit einer Behinderung kümmern wollen.

Sie kennen junge Menschen, die in einem Pflegeheim leben, weil es woanders keinen Platz für sie gibt. Sie zeigen, dass es viele unterschiedliche Behinderungen gibt.

Aber allen Menschen soll geholfen werden.

Die Politiker sagen, es braucht Zeit, bis es keine Probleme mehr gibt.

Gerd Weimer sagt, Baden-Württemberg wird das beste Land für die Inklusion in Deutschland werden.

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