Archiv der Kategorie: SWP

Texte, die auf der Stuttgart-Seite der Südwest Presse (SWP) erschienen sind.

Saisoneröffnung 2019 Blühendes Barock Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth

Blühendes Barock: Tulpen auf dem Kartoffelacker

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Südwest Presse, Uwe Roth, 23.03.2019

Das Blühende Barock hat zwei Anlässe zum Feiern: die 65. Ausgabe der Gartenschau und der 60. Geburtstag des Märchenparks. Der Direktor setzt auf ein bewährtes Programm mit Neuheiten. Von Uwe Roth

Die Natur ist im Jubiläumsjahr vorgeprescht. „Fast zu schnell“ haben aufgrund der warmen Vorfrühlingstage Tulpen und Narzissen ihre Blüten geöffnet, befand Volker Kugel, Direktor des Blühenden Barocks, bei der 65. Saisoneröffnung in Ludwigsburg. Allein vor der Südfassade des Barockschlosses blühen bereits seit Tagen 60 000 Pflanzen in voller Pracht. Sie haben ihre ersten Wochen im Gewächshaus verbracht und hätten sich mit dem Öffnen der Blütenblätter für die kommenden Besucher etwas mehr Zeit lassen können. Doch die Sonne war zu verlockend.

Im Jubiläumsjahr erinnern die Veranstalter an die Anfangszeiten: In der Nachkriegszeit war der heute prachtvolle Südgarten ein Kartoffel- und Gemüseacker. Die hinteren Ecken des weitläufigen Schlossparks waren ein Dickicht wild wuchernder Eschen und galten damals als Rückzugsgebiet lichtscheuer Gestalten. In den Wirtschaftswunderjahren wurden diese Teile des Parks in eine neue landschaftsgärtnerische Ordnung gebracht.

Drei Kilometer lange Rundwege

Kugels Vorgänger Albert Schöchle, der zugleich Direktor der Stuttgarter Wilhelma war, machte aus der städtischen Wildnis eine Landesgartenschau, die am 23. April 1954 der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die erste Gartenschau Deutschlands ist zu einer Dauereinrichtung geworden. Fünf Jahre später, am 16. Mai 1959, wurde sie mit dem Märchengarten um viele Attraktionen erweitert. Somit feiert die „Blühendes Barock Gartenschau Ludwigsburg GmbH“ in diesem Jahr gleich zwei Jubiläen.

Was in den Anfangsjahren für Besucher überschaubar war, verteilt sich heute auf über 30 Hektar, die auf einem drei Kilometer langen Rundweg erkundet werden können. Die Gärtner haben in den vergangenen Wochen das Parkgelände zum Saisonstart mit über 350000 Frühlingsblühern bestückt.

Blühendes Barock lockt mit bewährtem Jahresprogramm

2018 haben es 600 000 Tagesgäste besucht. Dazu kamen 43 000 Dauerkartenbesitzer. Gartenchef Kugel zeigte sich überzeugt, diese Zahlen in diesem Jahr wieder zu erreichen. Er setzt dabei auf ein bewährtes Jahresprogramm mit Kürbis-Ausstellung, Straßenmusikfestival, Sandkunst und Musikfeuerwerk.

Saisoneröffnung 2019: Frühlingsblumen vor der Südfassade des Barockschlosses Ludwigsburg. Nach dem Krieg wuchsen dort Kartoffeln. Foto: Uwe Roth
Saisoneröffnung 2019: Frühlingsblumen vor der Südfassade des Barockschlosses Ludwigsburg. Nach dem Krieg wuchsen dort Kartoffeln. Foto: Uwe Roth

Aus Heilbronn war Oberbürgermeister Harry Mergel in den Schlossgarten gekommen. Seine Anwesenheit bei der Jubiläumseröffnung sei als Zeichen zu verstehen, dass die Bundesgartenschau, deren Eröffnung am 17. April ist, keine Konkurrenzveranstaltung sei, wie er betonte. Das Blühende Barock und die Bundesgartenschau verstünden sich als Ergänzung. So böten Veranstalter von Busreisen in Touren an, die Sehenswürdigkeiten von Stuttgart, Ludwigsburg und Heilbronn miteinander verbinden.

Der Kinderzuwachs in der Bevölkerung bringt insbesondere dem Märchengarten immer neue Besucher. Vor 60 Jahren begann es mit neun nachgestellten Märchenszenen. Inzwischen sind es über 50, „ohne den eigentlichen Charme des Märchengartens zu verändern“, wie Kugel feststellte. Obwohl es kein eigentliches Märchen ist, sind Max und Moritz dort ziemlich präsent: Zum Jubiläumsjahr sind weitere Szenen in Betrieb genommen worden. Eine Neuheit heißt „Tumult im Märchenwald!“ und ist in Zusammenarbeit mit der Filmakademie Ludwigsburg entstanden. Sie ist interaktiv: Besucher steuern Märchenfiguren auf Zuruf.

Hauch von Japan im Barockgarten

Das Parkgelände hat schon viel ertragen. In den vergangenen 300 Jahren wurden dort mehrere 100 000 Kubikmeter Erde bewegt, ganz so wie es den herzoglichen, später königlichen und heute staatlichen Gartenbesitzern gefiel. Und immer mal wieder war es Nutzgarten: Wilhelm I. lies Mostobstbäume pflanzen, als die Hungersnot seiner Untertanen groß war. Als es den Menschen besser ging, wurde an der Nordseite Tennis gespielt. Die Mostobstbäume sind längst abgeholzt. Stattdessen stehen im Japangarten am östlichen Rand des Parks Zierkirschenbäume.

Saisoneröffnung 2019 Blühendes Barock Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth
Saisoneröffnung 2019 Blühendes Barock Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth
Anhänger der Initiative zum Bau einer Surfanlage im Neckar im Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim zeigen, wo die perfekte Neckarwelle entstehen könnte. Foto: Uwe Roth

Stoppt schlechtes Wasser Neckarwelle?

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Südwest Presse, Uwe Roth, 22.03.2019

Schlechte Nachrichten für Surf-Fans: Das Gesundheitsamt hat Bedenken wegen der Wasserqualität.

Stuttgart. Der Bürgerhaushalt hat der Surf-Initiative vor zwei Jahren zu einer Welle des Erfolgs verholfen, da sich viele Stuttgarter hinter das Anliegen stellten. Nun möchte der Verein Neckarwelle – wieder mit Hilfe der Bevölkerung – seinem Projekt im nächsten Bürgerhaushalt neuen Schub geben. Mit dem Vorschlag „Surfen mitten in Stuttgart“ bitten die Vereinsvorstände den Gemeinderat im Doppelhaushalt 2020/21 die „Mittel für den Bau einer surfbaren Flusswelle im Neckar im Stadtbezirk Untertürkheim bereitzustellen“.

Die Idee landete nach den Voten zum Bürgerhaushalt 2018/19 auf Platz 20 von 3457 eingereichten Projekten. Das Ergebnis veranlasste den Gemeinderat, eine Machbarkeitsstudie zu finanzieren. Gutachter stellten fest, dass ein solches Bauwerk möglich sei. Doch nun hat das Landesgesundheitsamt wegen der Qualität des Wassers Bedenken angemeldet. Wer Wasser schlucke, könne sich mit Coli-Bakterien und Enterokokken infizieren, heißt es in der Bewertung.

Die Stadt nimmt dabei Bezug auf die Badegewässerverordnung des Landes, der eine EU-Richtlinie zugrunde liegt. Vereinsvorstand Volker Sellmeier sagt dazu: „Surfen ist ein Sport über und nicht im Wasser. Nach der Logik müsste die Stadt auch das Ruderbootfahren auf dem Neckar verbieten.“ Sellmeier sagt, in der Studie sei die Wasserqualität als „ausreichend“ eingestuft worden. Zwischen Juni und Oktober 2018 sind Proben gezogen worden. In über 70 Prozent sei die Wasserverschmutzung unter den Grenzwerten geblieben. In den anderen Fällen, so vermutet er, sei wegen starken Regens Wasser aus Klärbecken in den Neckar gelangt. Im Stuttgarter Rathaus ist gerade ein Meinungsbildungsprozess im Gange. Dazu stimmen sich verschiedene Abteilungen intern ab. Man werde dann mit den Initiatoren sprechen, teilt die Verwaltung mit.

Die über 160 Kommentare auf der Internetseite des künftigen Bürgerhaushalts zur Neckarwelle sollen vermitteln, dass die geschätzten Baukosten von 4,2 Millionen Euro gut angelegtes Geld seien. „Das Wasser im Neckar wird auch in 30 Jahren noch nicht trinkbar sein – macht es also nicht zum alles entscheidenden K.-o.-Kriterium“, schreibt ein Homepage-Besucher. Selbst am Eisbach im Englischen Garten in München sei das Baden untersagt, das Treiben an der Surfwellen werde aber von der Stadt geduldet. ⇥Uwe Roth

Berufspendler nutzen die S-Bahn. Quelle: VVS

Schienenverkehr: Im Stuttgarter Netz drohen Probleme

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Südwest Presse, Uwe Roth, 21.02.2019

Von Juni an soll die private Bahn Abellio Strecken übernehmen. Doch die neuen Züge werden nicht rechtzeitig geliefert.

 

Auf der Internetseite von Abellio Rail Baden-Württemberg ist noch alles im Zeitplan: Am 19. Juni, heißt es da, werden drei Strecken jeweils von Stuttgart nach Bad Wildbad, Heidelberg und Bruchsal in Betrieb genommen. Noch im Dezember wird das Liniennetz bis Mannheim erweitert, kündigt das Tochterunternehmen der niederländischen Staatseisenbahn am Donnerstag an. Ein halbes Jahr später, also im Juni 2020, soll die Übernahme der DB Region-Strecke von der Landeshauptstadt nach Tübingen abgeschlossen sein. Die Linien (siehe Grafik) werden im Regionalnetz Neckar verkehren. 52 Elektrotriebzüge des Typs Talent 2 vom Eisenbahnhersteller Bombardier sind dafür eingeplant.

Europäische Normen machen Probleme

Doch ob Abellio in Baden-Württemberg so schnell die „Qualitätsführerschaft auf der Schiene“ erreicht, wie es in der Eigenwerbung heißt, darf bezweifelt werden. Denn Bombardier hat Probleme bei der Lieferung bestätigt: „Bedauerlicherweise stehen im Juni nicht die für die erste Lieferung vereinbarten 16 Fahrzeuge zur Verfügung stehen“, sagt Unternehmenssprecher Andreas Flórez. Es sei aber geplant, „mindestens zehn Züge betriebsbereit zu übergeben“. Als Gründe nennt er Probleme mit der Software. Neue europäische Normen in die Computerprogramme einzubinden, sei zu einer komplexeren Aufgabe geworden als erwartet.

Flórez versichert, dass an einem Aufholprogramm gearbeitet werde. Im Juli sollen zehn der geplanten 16 Züge geliefert werden. Das teilte Dietmar Knerr, Geschäftsführer Abellio Rail Baden-Württemberg, in einer Pressekonferenz mit. Man rechne damit, dass die restlichen Fahrzeuge zwei bis drei Monate später auf die Schienen können.

Übergangslösungen mit Ex-Betreibern

Bis dahin muss Plan B, wie ihn Knerr nennt, greifen. Abellio führe Gespräche mit anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen hinsichtlich der Verfügbarkeit von Leihfahrzeugen, so Abellio-Sprecherin Hannelore Schuster. „Zudem stehen wir im Austausch mit der Deutschen Bahn und prüfen verschiedene Optionen. So auch die Möglichkeit, dass DB Regio den Betrieb auf der Verbindung Stuttgart-Mühlacker-Pforzheim/Bruchsal-Heidelberg kurzzeitig fortführt.“ Wie die Übergangslösung konkret aussehen kann, muss geklärt werden. Auch die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft soll Abellio unter die Arme greifen.

Sollte Plan B so klappen, wie es sich alle Beteiligten vorstellen, dann seien Fahrgäste kaum von den Lieferproblemen betroffen. „Zum Beispiel für die Fahrt von Pforzheim nach Stuttgart hatten wir eigentlich einen Zug mit 326 Sitzplätzen eingeplant“, so Knerr. Solange die neuen Fahrzeuge noch nicht da sind, werden in dem Ersatz-Zug nur 273 Plätze zur Verfügung stehen.

Hersteller Bombardier hat Lieferprobleme

Verkehrsminister Winfried Hermann hörte auf einer Dienstreise im kanadische Waterloo im letzten Jahr schon mal von den Lieferproblemen bei Bombardier. „In Waterloo hatten sie ein komplettes neues Netz aufgebaut, aber mussten ein Jahr lang auf die Züge warten. Die Kanadier haben das aber locker weggesteckt“, erzählt er. Damals habe er noch darüber gewitzelt, jetzt steckt das Land selbst in der Patsche.

Wieso hat sich Abellio für einen Hersteller entschieden, der sich bisher nicht als zuverlässig erwiesen hat? „Bombardier hat behauptet, alle Fahrzeuge rechtzeitig zu liefern“, sagt Knerr. Erst im Januar, als kein Plan über den Baufortschritt geliefert wurde, machte sich das Unternehmen Sorgen. Auf Anfrage habe Bombardier dann die Hosen heruntergelassen, wie Knerr sagt. Für die Hersteller-Wahl habe damals bei der Ausschreibung auch das wirtschaftlich beste Angebot von Bombardier gesprochen.

Man habe den Prozess bei Bombardier stets eng begleitet, fügt Hermann hinzu und wehrt sich damit gegen eine Behauptung des verkehrspolitischen Sprechers der SPD-Landtagsfraktion, Martin Rivoir.  Er wirft Hermann vor, er habe wegen mangelnder Kontrolle des Lieferanten versagt.

Bei Go-Ahead läuft alles reibungslos ab

Der zweite neue Betreiber in Baden-Württemberg, die Go-Ahead Verkehrsgesellschaft, kann hingegen im Juni wohl pünktlich mit seinen Fahrzeugen an den Start und auf die Schienen gehen. Von Lieferverzug ist nichts bekannt.

Die Züge befahren die Strecken Stuttgart-Crailsheim und Stuttgart-Geislingen-Ulm sowie Stuttgart-Würzburg und Stuttgart-Aalen.

Statt auf Bombardier setzt das britische Tochterunternehmen auf den Schweizer Schienenfahrzeug-Hersteller Stadler. uwo

Ioannis Sakkaros: „Die Grünen tragen Schuld an der Misere“

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Südwest Presse, Uwe Roth, 29.01.2019

Ioannis Sakkaros wollte vor drei Wochen am Neckartor im Kreis von 250 Gleichgesinnten seinen persönlichen Frust über das Dieselfahrverbot in Stuttgart rauslassen. „Ich hatte und habe keine politischen Motive, sondern bin selbst vom Fahrverbot betroffen“, versichert der 26-Jährige am Samstag wenige Stunden vor seiner dritten Protestaktion. Bei der zweiten waren 700 gekommen.

Inzwischen ist Sakkaros ein Ereignis der Medien. Er wird als Ikone einer neuen Bewegung betrachtet und weiß nicht so recht, was er davon halten soll. „Mein Privatleben ist völlig zur Seite geschoben“, stöhnt er. Er gibt aber schon routiniert und sehr freundlich Interviews. Der junge Mann ist in seinem Element. Es mache ihm Spaß, Dinge zu organisieren, versucht er zu erklären, was ihn antreibt. Freunde schätzen an ihm, dass er die Clique beieinander halte. Ein positives Feedback sporne ihn an, beim nächsten Mal noch besser zu werden.

Neue Reibungsfläche für Wutbürger: Fahrverbote für Diesel

Die neue Clique: Am Samstag schwärmen 1200 Menschen auf den Wilhelmsplatz. Die wenigsten dürften Fahrer älterer Diesel sein. Unzufriedene Bürger haben offenbar eine neue Plattform gefunden. Nach Kritik an Stuttgart 21, an Euro und Flüchtlingen haben sie das Fahrverbot als Reibungsfläche entdeckt. Ihre Verachtung richtet sich nach wie vor auf die jeweilige Regierung und den dahinter stehenden Parteien.

Sakkaros arbeitet bei Porsche in Zuffenhausen und ist IG-Metall-Mitglied. Mit Politik will er nichts zu tun haben, beteuert er. Trotzdem ist es für ihn erwiesen, dass die Grünen sämtliche Schuld an der Misere mit den Fahrverboten tragen. Begründen kann er das allerdings nicht. „Man hätte um Stuttgart längst eine Straße legen können, um so die Durchgangsstraße zu entlasten“, argumentiert er. Dass andere Parteien zu ihrer Zeit ebenso hätten handeln können, lässt er nicht gelten. „Die Grünen sind sieben Jahre an der Regierung, ohne dass etwas passiert ist.“ Von seinem Feindbild lässt Sakkaros nicht ab.

Gelbe Warnweste: „Schnauze voll!“

Der Stuttgarter macht Politik, ohne es wahrhaben zu wollen. Er spricht von „Enteignung der Dieselfahrer“, Politiker, die zu blöd seien, richtige Standorte für Messstationen zu finden, und ist empört, dass sich Mitglieder der AfD und der rechten Arbeitnehmerbewegung „Verein Zentrum Automobil“ für ihn interessieren. Der Mechatroniker betrachtet sich und seine Sympathisanten als „unparteiische Bürgerbewegung“. Am Samstag lässt er es sich auch nicht nehmen, eine gelbe Warnweste mit der Aufschrift „Schnauze voll!“ überzuziehen – wie zahlreiche andere Demonstranten.

Bewusst erinnern sie an die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Dass es in Paris zu Auseinandersetzung gekommen ist, „dies ist nicht mein Problem“, wehrt er ab. „Gewalt ist nicht in meinem Interesse.“ Doch für ihn ist klar, dass „das Versagen der Politik“ den Frust der Bürger habe so groß werden lassen, dass „sie austicken“. Sakkaros wird mit seinem „Projekt“ auch weitermachen.

Andreas Braun: Fristlose Kündigung war wohl falsch

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Südwest Presse, Uwe Roth, 25.01.2019

Der in den Stuttgarter Klinikskandal mutmaßlich verwickelte Andreas Braun hat am Dienstag in der Verhandlung vor dem Landesarbeitsgericht (LAG) einen kleinen Sieg errungen. Wie das Arbeitsgericht in der Vorinstanz ist die Berufungskammer zu der Ansicht gekommen, dass die Stadt Stuttgart dem ehemaligen Leiter der Auslandsabteilung des Klinikums nicht regelgerecht gekündigt hat und ihm daher noch Gehaltszahlungen zustehen.

Die Vorsitzende Richterin Heide Steer des LAG verkündete allerdings kein Urteil, sondern schlug einen Vergleich vor: Braun solle demnach von seiner früheren Arbeitgeberin noch etwas über 50 000 Euro erhalten.

Damit seien wechselseitige Forderungen der streitenden Parteien und somit „der vorliegende Rechtsstreit erledigt“, sagte die Richterin. Die Summe setzt sich aus sieben Monatsgehältern in Höhe von jeweils rund 8900 Euro zusammen, abzüglich einer geleisteten Vorauszahlung der Klinik über insgesamt 8400 Euro. Die Anwälte der Stadt deuteten an, sie könnten den Vergleich mittragen, wollten aber mit ihrer Mandantin Rücksprache halten. Sollte die nicht mitziehen, wird Richterin Steer ihr Urteil spätestens am 19. Februar verkünden und voraussichtlich die Entscheidung der ersten Instanz bestätigen. Braun signalisierte sein Einverständnis zum Vergleichsvorschlag, auch wenn er auf nach seiner Meinung offene Urlaubsgeldansprüche verzichten müsste.

Formaler Fehler der Stadt

Das Arbeitsgericht Stuttgart hatte im Februar vergangenen Jahres entschieden, dass es bei der fristlosen Kündigung seitens der Stadt am 1. März 2017 formale Fehler gegeben habe. Eine sofortige Entlassung sei nur möglich, wenn sie innerhalb von zwei Wochen nach Bekanntwerden einer gravierenden Verfehlung des Arbeitnehmers ausgesprochen werde, lautete die Begründung.

Die Stadt habe jedoch zu zögerlich gehandelt. Die wenige Tage später nachgeschobene ordentliche Kündigung zum 30. September des Jahres sei hingegen rechtens gewesen. Der Rechtsstreit konzentrierte sich auf die sieben Monate dazwischen. Die Stadt hatte gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Widerspruch eingelegt. Somit kam es zu der Berufungsverhandlung, die selbst keine neuen Erkenntnisse brachte. Gegen den früheren Grünen-Landeschef Andreas Braun wird wegen möglicher Korruption und Bestechlichkeit in seiner Zeit als Verantwortlicher für die internationalen Geschäfte des Klinikums ermittelt. Über den Stand darüber wollte er vor dem Landesarbeitsgericht keine Auskunft geben.

Esslinger Zwiebelfest ist Geschichte

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Südwest Presse, Uwe Roth, 14.01.2019

Das zuletzt von sieben Gastronomen organisierte Esslinger Zwiebelfest ist Vergangenheit. 32 Jahre haben Wirte den Marktplatz im August für zehn Tage in eine florierende Freiluftgastronomie verwandelt. Von 2021 an wird die Stadt versuchen, in Eigenregie eine ähnliche Veranstaltung auszurichten. Der Name Zwiebelfest und die von den Wirten dafür gegründete GmbH werden allerdings Geschichte sein.

Mit neuem Namen und Konzept möchte die Esslinger Stadtmarketing und Tourismusgesellschaft (EST) ein Kapitel schließen, das nicht nur von Kulinarik und sommerlicher Feierlaune geprägt war. Bei Wirten, die nicht zum exklusiven Kreis der Zwiebelfest-Organisatoren gehörten, sich aber gerne beteiligt hätten, sei der Unmut stetig gewachsen, berichtet EST-Chef Michael Metzler. Denn dort kochen und Getränke ausschenken zu dürfen, war nicht bloß eine zusätzliche Einnahmequelle für Wirte. Bei bis zu 100 000 Besuchern aus der Stadt und der Region sowie einer breiten Berichterstattung war das Zwiebelfest zudem eine Werbeplattform fürs eigene Restaurant.

Mit der Exklusivität soll es vorbei sein. Künftig wird nicht mehr die Zwiebelfest GmbH bestimmen, wer sich an der Veranstaltung beteiligen darf. „Die Stadt wird die Flächen für die Lauben 2020 erstmals öffentlich ausschreiben“, kündigt Metzler an. Es werde ein ähnliches Verfahren wie beim Weihnachtsmarkt geben. Die Bewerber um einen Standplatz müssten Kriterien erfüllen. Ein neutrales Punktesystem und nicht gute Beziehungen zum Veranstalter sollen die Grundlage der Bewertung interessierter Wirte sein.

Mehr Wettbewerb unter den Gastronomen

Metzler erläutert: „In den vergangenen Jahren haben sich bei der Stadt Wirte gemeldet, die zeitgleich zum Zwiebelfest auf dem Marktplatz ebenfalls einen Stand aufstellen wollten.“ Rechtlich könne die Stadt wenig gegen solche Anträge einwenden. Der Marktplatz sei ein öffentlicher Raum, auf den niemand ein ausschließliches Zugriffsrecht habe, betont der EST-Chef. Die Neuorganisation hat für ihn daher in erster Linie wettbewerbsrechtliche Gründe. Die bisherigen Wirte könnten sich bewerben.

Davon ist bei Frank Jehle derzeit nicht auszugehen. Er ist Wirt des Restaurants Palmscher Bau in der Altstadt und der Geschäftsführer der Esslinger Zwiebelfest GmbH. Obwohl sich das Ende bereits seit Oktober abzeichnet, als der Gemeinderat mit großer Mehrheit und über Fraktionsgrenzen hinweg eine Neuausrichtung beschlossen hat, ist der Ärger darüber bei ihm immer noch frisch. „Die Stadt hat die GmbH kaputt gemacht“, behauptet er.

„Wir fühlen uns von der Stadt falsch behandelt“

Frank Jehle

Die EST benötigt zwei Jahre zur Vorbereitung der Nachfolgeveranstaltung. 2019 und 2020 hätten die Organisatoren wie bisher weitermachen können. Jehle und sein Mitstreiter Gerd Trautwein, dessen Vater das Zwiebelfest einst mit geschaffen hat, lehnten empört ab. Sie seien keine Lückenbüßer. Für die Gastronomen ist das Zwiebelfest nicht nur gestorben. „Es ist schon beerdigt“, bekräftigt Jehle. Aus seiner Sicht haben Stadt und Gemeinderat ein gut funktionierendes Veranstaltungskonzept unter die Erde gebracht, die Esslingen einiges Prestige eingebracht habe.

Zudem seien dem städtischen Haushalt keine Kosten entstanden. „Wir fühlen uns von der Stadt falsch behandelt“, fasst er die Stimmung zusammen. Den Konflikt mit Wirten, die sich benachteiligt fühlen, wehrt er ab: „Neider hat es immer gegeben.“

Kritik an den hohen Preisen für die Speisen

Das Aus für das Fest hat in sozialen Medien einige Reaktion freigesetzt. Doch die Kommentare waren größtenteils nicht so, wie es sich Jehle und seine Kollegen gewünscht hätten. „Also mal ehrlich. Bis auf ein paar geschmelzte Maultaschen konnte ich meinem Kind gar nichts anbieten. Zu teuer und zu wenig günstige Angebote“, schreibt jemand auf Facebook. Eine Besucherin postet: „Den Wirten ging es doch nicht um das Fest im eigentlichen Sinne. Einzige Intension eine 0-8-15-Küche zu horrenden Preisen.“

Ein Zwiebelfest-Wirt möchte in der Übergangszeit allein weitermachen. Der Wirt des Roten Hirsch in der Alten Zimmerei, Christian List, hat im Dezember im Rathaus einen Antrag eingereicht, bestätigt Metzler. List sei überzeugt, ausreichend Gastronomen gewinnen zu können, die ebenfalls mitmachen. Aus formalen Gründen könne eine Entscheidung erst Ende März bekanntgegeben werden.

Infokasten
Eine Sage aus dem Mittelalter 

Der Name Zwiebelfest beruht auf einer Sage, nach der im Mittelalter eine Esslinger Marktfrau den Teufel aus der Stadt vertrieben hat. Er hatte nach einem Apfel verlangt. Die Marktfrau erkannte ihn am Pferdefuß trotz seiner Verkleidung. Sie gab ihm anstatt des Apfels eine Zwiebel.

Der Teufel biss in die Knolle und schrie: „Das sollen eure Äpfel sein? Spott über euch Esslinger! Zwiebel sind es, scharfe Zwiebel. Deshalb sollt ihr künftig nicht mehr Esslinger heißen, sondern Zwiebeln.“ So kamen die Bewohner zu ihrem Necknamen „Zwiebeln“ oder „Zwieblinger“. uro

Stuttgart 21: Turmforum zieht ans Gleis 16

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Südwest Presse, Uwe Roth, 17.12.2018

Die Informationsplattform muss den Bahnhofsturm verlassen. Im kommenden Jahr entsteht für 3,4 Millionen Euro ein Neubau. Von Uwe Roth

Die Dauerausstellung zum Projekt Stuttgart 21 zieht ans Gleis 16. Die Deutsche Bahn, die Landesregierung, die Stadt Stuttgart und der Verband Region Stuttgart (VRS) haben insgesamt 3,4 Millionen Euro für ein neues Informationszentrum bewilligt. Am derzeitigen Standort oben im Bahnhofsturm kann das sogenannte Turmforum nicht bleiben: Denn der Bonatzbau wird von 2020 an in seinem Inneren komplett erneuert. Nur noch die Hülle des denkmalgeschützten Bahnhofsgebäudes aus dem Jahr 1922 wird stehen bleiben.

Die Vorbereitungen zu den auf fünf Jahre angesetzten Umbauarbeiten beginnen Mitte 2019. Dann werden der Turm samt Aussichtsplattform, die auf 58 Meter Höhe einen grandiosen Blick auf die Stadt bietet, für Besucher geschlossen. Die Schau soll dann ab September 2019 in einem Neubau am östlichsten der 16 Bahngleise gezeigt werden.

Vier Millionen Gäste

Das derzeitige Turmforum war Mitte 1998, lange bevor Stuttgart 21 öffentliches Aufsehen erregte, eröffnet worden. In diesen 20 Jahren haben nach Angaben des Trägervereins rund 4,1 Millionen Menschen die Ausstellung der Projektgesellschaft besucht. Dazu kamen 12 000 Führungen durch die Ausstellung und über das Baustellengelände. Am Freitag war diese Bilanz in einem kurzen Festakt mit viel lokaler Prominenz und dem Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) als Vertreter des südlichen Endes des Bahnprojekts gefeiert worden.

Vorsitzender des Vereins Bahnprojekt Stuttgart-Ulm ist der frühere CDU-Bundestagsabgeordneter Georg Brunnhuber. Er schwärmt, das Turmforum gehöre zu den Stuttgarter Highlights wie der Fernsehturm, die Museen oder die Wilhelma. Es sei ein festes Ausflugsziel geworden.

Ausstellungsfläche schrumpft auf 300 Quadratmeter

Ein Besuchermagnet soll die neue Informationsstätte bleiben. Der Anspruch dürfte nicht einfach einzulösen sein. Die Ausstellungsfläche schrumpft von 500 auf 300 Quadratmeter. Das Gebäude wird wieder eine Ausstellungsplattform bekommen. Die ist dann lediglich 26 und nicht mehr knapp 60 Meter über dem Boden. Was an der Raumgröße fehlt, soll über die Präsentationstechnik ergänzt werden. Brunnhuber spricht von digitalen Informationsmedien, über die sich Besucher mit speziellen Brillen in virtuelle Welten begeben können.

In der Virtual Reality sehen die Besucher nicht nur Züge, die in den neuen unterirdischen Bahnhof einfahren oder mit hohem Tempo nach Ulm rasen. Im Gegensatz zur alten Ausstellung soll die neue Schau mehr Themen aufgreifen. Das dürfte den Geldgebern geschuldet sein. Das Verkehrsministerium und die Stadt Stuttgart geben jeweils eine halbe Million Euro zum Bau und für die neue Ausstattung. An der Verwaltungsspitze stehen jeweils Mitglieder der Grünen-Partei, die sich immer wieder kritisch zum Projekt S 21 äußern. Sie wollen nicht nur als Geldgeber auftreten, sondern beim Ausstellungskonzept mitbestimmen.

Stadt will eigene Ausstellung

Baubürgermeister Peter Pätzold kündigt an, dass die Stadt die Bevölkerung über das geplante Rosensteinquartier informieren möchte. „Die Stadt setzt auf die Inbetriebnahme 2025, damit wir endlich das Wohnen der Zukunft zeigen können“, sagte Pätzold. Auf einer 100 Hektar großen Fläche, auf der heute noch Gleise liegen, sollen nach Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs ab dem Jahr 2025 nach und nach etwa 5600 Wohneinheiten entstehen.

Gerd Hickmann ist Abteilungsleiter im Verkehrsministerium. In früheren Zeiten hat sich das Tübinger Kreistagsmitglied der Grünen offen gegen das Projekt gestellt. Heute sitzt Hickmann im Vorstand des Pro-S-21-Vereins und lobt die konstruktive Zusammenarbeit. Er äußert einen Sonderwunsch, mit dem einige Projektbefürworter im Verein ihre Probleme haben dürften: Für Hickmann wäre es „ein starkes Zeichen“, wenn die Ausstellungsmacher der Geschichte des Protests im künftigen Informationszentrum einen Platz einräumen würden. Bislang informieren die S-21-Gegner über ihre Sicht in einem Zelt am Ende der Königstraße.

Infos über S-Bahnen

Der Verband Region Stuttgart bringt ebenfalls 500 000 Euro ein. Dafür möchte der VRS besonders dem für die Region bedeutenden Nahverkehr Ausstellungsfläche widmen, kündigte Regionaldirektorin Nicola Schelling an. So soll über das ETCS informiert werden. Die elektronische Steuerung soll helfen, dass S-Bahnen, für die der VRS zuständig ist, in kürzeren Abständen fahren können. Mit der Tieferlegung des Hauptbahnhofs werden einige Bahnhöfe in der Region zu regionalen Knotenpunkten aufgewertet.

Am neuen Ausstellungskonzept werde bereits gearbeitet, sagt David Bösinger, der Leiter des Turmforums. Von der Medientechnik könne nicht viel mitgenommen werden, da sie veraltet sei. Das Info-Zentrum sei Vorbild für viele solcher Einrichtungen von Großprojekten in Deutschland geworden. Dieser Anspruch solle aufrechterhalten werden.

Neckar: Surfwelle kommt näher

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Südwest Presse, Uwe Roth, 10.12.2018

Einer Flusswelle im Neckar in Untertürkheim stehen laut einer Studie keine ökologischen Einwände entgegen.

Stuttgart. Die hiesigen Surfsportler, die sich in dem Stuttgarter Verein „Neckarwelle“ zusammengeschlossen haben, feierten am Samstag ihr einjähriges Vereinsbestehen. Die Stimmung in ihrer Stammkneipe in der Geisstraße war ausgelassen. Dafür gab es allerdings neben dem Jubiläum noch einen weiteren Grund: Der Verein ist in der vergangenen Woche seinem Herzenswunsch ein Stück nähergekommen und damit dem Traum von einer surfbaren Flusswelle auf einem Seitenarm des Neckars in Untertürkheim.

Der Vereinsvorstand hat dem Sportausschuss des Gemeinderats eine von der Stadt bezahlte Machbarkeitsstudie vorgestellt. Darin kommt der Gutachter zum Ergebnis, dass einer Umsetzung des Projekts aus ökologischer Sicht nichts im Weg stehe. Vorstandsmitglied Matthias Bauer will nicht von einer Welle der Begeisterung nach der Präsentation sprechen.

Geschätzte Baukosten: 4,2 Millionen Euro

Die Reaktionen der Ratsmitglieder seien aber „sehr positiv“ gewesen, „teilweise sogar begeistert“ – trotz der prognostizierten Baukosten von über 4,2 Millionen Euro. Bedenken kämen zudem vom Landesgesundheitsamt, das Baden im Neckar wegen der Wasserqualität für bedenklich halte.

Bauer führt den Erfolg im Sportausschuss trotz solcher Eintrübungen darauf zurück, dass die Studie aus seiner Sicht fundiert und überzeugend gewesen sei. Der beauftragte Gutachter Gunther Matthäus ist ein für solche Aufgaben bekannter Spezialist. Dazu kommt, dass die Vereinsspitze aus Ingenieuren und Juristen besteht, die Input lieferten. Bauer selbst ist Architekt.

Die Beziehung zum Fluss

Die Neckarwelle ist eine unter der Wasseroberfläche liegende Rampe, die die Strömung um das Vierfache beschleunigt und somit ein Surfen auf dem Seitenarm des Neckars ermöglichen würde. Die Neckarwelle soll mit den Baunebenkosten etwa 3,1 Millionen Euro teuer werden.

Dazu kommen laut Verein Kosten von rund 460 000 Euro, unter anderem für Sanitäranlagen und eine Terrasse. Die Betriebskosten werden auf jährlich 135 000 Euro geschätzt. Diese sollen über Mitgliedsbeiträge aufgebracht werden. Aktuell hat der Verein 300 Mitglieder – Tendenz steigend.

Bauer gibt sich zuversichtlich, dass der Gemeinderat noch im ersten Quartal 2019 grünes Licht gibt. Dann könne die Welle, wie beabsichtigt, 2020 in Betrieb gehen. „Ich denke, der Gemeinderat hat erkannt, dass die Surfwelle eine größere Dimension hat als eine reine Sportstätte“, sagte Bauer. Stuttgart sei dabei, den Neckar für sich zu entdecken. Eine solche Attraktion sei die Chance, eine weitere Beziehung zum Fluss aufzubauen. ⇥Uwe Roth

Ludwigsburg: üppige Zuschüsse aus Berlin

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Südwest Presse, Uwe Roth, 01.12.2018

Im Kampf gegen Luftschadstoffe hat Ludwigsburg einen Helfer im Verkehrsministerium.

Ludwigsburg. Gegen ein drohendes Dieselfahrverbot und gegen die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kämpft die Stadt Ludwigsburg – gemeinsam mit ihrem CDU-Bundestagsabgeordneten. Das Stickoxid-Problem liegt in der vielbefahrenen Friedrichstraße. Der Jahreswert überstieg im vergangenen Jahr die zulässige Konzentration um etwas mehr als zehn Mikrogramm je Kubikmeter Luft.

Die DUH hat kürzlich angekündigt, dass ein Verfahren, das sich gegen Ludwigsburg richtet, demnächst wohl eröffnet wird und ein Urteil im kommenden Jahr zu erwarten sei. Zudem arbeitet das Regierungspräsidium derzeit an einem Luftreinhalteplan für die Stadt. Für OB Werner Spec, der 2019 wiedergewählt werden möchte und die Bekämpfung des Klimawandels in der Stadt mit seinem Namen verbunden hat, ist Steffen Bilger ein Segen: Der 39-jährige ist nicht nur Abgeordneter, sondern auch Staatssekretär beim Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Chef der CDU-Nordwürttemberg. Die hat auf seinen Vorstoß hin den Antrag gestellt, die Gemeinnützigkeit der DUH überprüfen zu lassen. Ein Schritt, den Spec begrüßt.

Viel Geld aus dem Sofortprogramm „Saubere Luft“

Gegenüber dem Handelsblatt sagte Bilger, Ludwigsburg habe alles getan, um die Luftreinhalteziele einzuhalten. Die Stadt komme sehr gut voran damit. „Trotzdem wird die Stadt von der DUH verklagt.“ Das Problem jedoch ist, dass seit einigen Monaten NOx- und Feinstaubkonzentrationen wieder etwas steigen. OB Spec führt das auf die anhaltende Trockenheit zurück.

Bilger ist ein Befürworter einer Nordostumfahrung von Stuttgart, die auch Ludwigsburg entlasten würde. Zudem ist er für die Stadt ein wichtiger Faktor zur Beschaffung von Fördermitteln geworden. So verkündete er im Juni im Rathaus, dass die Stadt erhebliche Mittel aus dem Sofortprogramm Saubere Luft 2017 bis 2020 der Bundesregierung erhalten werde, noch bevor die Bescheide in Berlin unterschrieben waren. Am Ende erhielt Ludwigsburg 6,1 Millionen Euro vom Bund, die Landeshauptstadt nur 1,9 Millionen Euro.

Auch bei der jüngsten Bescheidübergabe in Berlin kam die Stadt gut weg: Ludwigsburg erhält eine Förderung für insgesamt 122 Elektrofahrzeuge und 35 Ladestationen. Keine andere Stadt in Deutschland bekommt auch nur annähernd so viele Fahrzeuge bezuschusst. Auf Platz zwei der Förderliste aus dem Verkehrsministerium folgt Düsseldorf mit 45 Fahrzeugen. Stuttgart bekommt hingegen lediglich für 29 Fahrzeuge und ebenso viele Ladestationen Geld aus Berlin. In der Region bekommen darüber hinaus noch die Stadt Leonberg 20 E-Fahrzeuge und 20 Ladestationen sowie die Stadt Esslingen drei Fahrzeuge und zwei Ladestationen gefördert. ⇥Uwe Roth

Fahrgastzahlen fordern den VVS heraus

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Südwest Presse, Uwe Roth, 25.10.2018

Insgesamt 40 Jahre gibt es den Verkehrsverbund Stuttgart (VVS) schon. Doch in die Vergangenheit wird kaum geblickt, sondern in die Zukunft. Am 1. Oktober 1978 waren die ersten drei S-Bahn-Linien von Stuttgart (S1), Ludwigsburg (S2) und Weil der Stadt (S6) in Betrieb gegangen. Was übersichtlich mit wenigen S-Bahn-Zügen Fahrt aufnahm, umfasst heute einen Fuhrpark aus etwa 1700 Personentransportmitteln – S-Bahn-Triebwagen, Stadtbahnen, Dieseltriebwagen, Oberleitungsbussen, Zahnradtriebwagen, Standseilbahnwagen und Omnibussen. Im vergangenen Jahr legten sie zusammen 382 Millionen Fahrten zurück.

In den kommenden Jahren wird sich der VVS-Fuhrpark stark vergrößern. Der Verkehrsverbund vollzieht 2019 einen Wandel, der durchaus vergleichbar ist mit dem Jahr 1993, als auf den Monat genau vor 25 Jahren der VVS-Tarif von der Schiene auf den Busverkehr ausgeweitet wurde. Wegen der Neuerungen sprachen die Redner beim Festakt zur 40-Jahr-Feier vor allem über die Zukunft. Drohende Fahrverbote und rasant steigende Fahrgastzahlen fordern den Verkehrsverbund heraus, der von der Landeshauptstadt und den vier umliegenden Kreisen getragen wird. Gehen die Pläne zum Ausbau des ÖPNV-Angebots nicht auf, droht der Verkehrskollaps.

Aus 52 werden fünf Tarifzonen im VVS

Im Zuge der Tarifreform werden am  1. April 52 Tarifzonen durch nur noch fünf Ringzonen ersetzt. Die Fahrgäste werden um 42 Millionen Euro entlastet, heißt es beim VVS. Vor allem die Stuttgarter und die Stuttgart-Pendler profitieren: Sie sparen im Zentrum eine Zone. Unzählige Ticketautomaten müssen umgestellt werden. VVS-Geschäftsführer Horst Stammler gibt sich entspannt: „Im Moment sind IT und die Administratoren gefordert.“

Der Busverkehr steht für Stammler auf der Agenda weit oben. Er verweist auf den Erfolg, den die Ausschreibung der 50 Linienbündel nach EU-Wettbewerbsrecht gebracht habe. „In allen Landkreisen sind die Angebote dadurch deutlich ausgeweitet worden“, stellt er fest. Bislang habe es einen Leistungszuwachs von zehn Prozent im Vergleich zu 2015 gegeben. „Und es wird in der Zukunft besser werden“, ist er überzeugt. Damit zu den Hauptverkehrszeiten die Drängelei in den Stadtbahnen und S-Bahnen aufhört, werden von 2021 an S-Bahnlinien über den Tag im 15-Minuten-Takt verkehren.

Landkreis Göppingen kommt in den VVS

Das VVS-Gebiet hat sich seit der Gründung des Verbunds wenig verändert. 2014 kam der Landkreis Göppingen sozusagen auf Probe dazu. Die vollständige Aufnahme soll nach langen Verhandlungen zum Ende des Jahres erfolgen. Doch noch hat der Kreistag der Vollintegration nicht zugestimmt. Der Leiter des Amtes für Mobilität und Infrastruktur beim Landkreis Göppingen, Jörg-Michael Wienecke, sagt: „Die zentrale Frage vor der Abstimmung wird sein: Können wir uns das Ganze leisten?“ Der jährliche Kostenanteil, der von Göppingen an den Träger des VVS, den Verband Region Stuttgart, gehen würde, wird auf drei bis fünf Millionen Euro geschätzt.

Weitere Landkreise werden in den kommenden Jahren aller Voraussicht nach nicht hinzukommen. „Aber es gibt einzelne Kommunen, die Interesse daran haben, sich am VVS zu beteiligen“, sagt Stammler. Auch Städte, die bereits im Verbund sind, verlangen nach individuellen Lösungen. So gibt es in Ludwigsburg seit August ein Stadtticket. Es ist eine Tageskarte für drei Euro, die fürs Stadtgebiet gilt. Insgesamt 16 Städte in der Region hätten an solch einem Ticket Interesse bekundet.

Abgesehen von solchen Entwicklungen wird sich das VVS-Gebiet in den kommenden Jahren öffnen müssen und ein Stück weit Eigenständigkeit verlieren: Von 2021 an sollen nach den Plänen der Landesregierung Fahrgäste landesweit gültige Fahrkarten über die Grenzen der Verkehrsverbünde hinweg vom Start bis zum Ziel lösen können.