Archiv der Kategorie: Hindergrund

Hindergrund Texte von Uwe Roth

Saisoneröffnung 2019 Blühendes Barock Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth

Blühendes Barock: Tulpen auf dem Kartoffelacker

Südwest Presse, Uwe Roth, 23.03.2019

Das Blühende Barock hat zwei Anlässe zum Feiern: die 65. Ausgabe der Gartenschau und der 60. Geburtstag des Märchenparks. Der Direktor setzt auf ein bewährtes Programm mit Neuheiten. Von Uwe Roth

Die Natur ist im Jubiläumsjahr vorgeprescht. „Fast zu schnell“ haben aufgrund der warmen Vorfrühlingstage Tulpen und Narzissen ihre Blüten geöffnet, befand Volker Kugel, Direktor des Blühenden Barocks, bei der 65. Saisoneröffnung in Ludwigsburg. Allein vor der Südfassade des Barockschlosses blühen bereits seit Tagen 60 000 Pflanzen in voller Pracht. Sie haben ihre ersten Wochen im Gewächshaus verbracht und hätten sich mit dem Öffnen der Blütenblätter für die kommenden Besucher etwas mehr Zeit lassen können. Doch die Sonne war zu verlockend.

Im Jubiläumsjahr erinnern die Veranstalter an die Anfangszeiten: In der Nachkriegszeit war der heute prachtvolle Südgarten ein Kartoffel- und Gemüseacker. Die hinteren Ecken des weitläufigen Schlossparks waren ein Dickicht wild wuchernder Eschen und galten damals als Rückzugsgebiet lichtscheuer Gestalten. In den Wirtschaftswunderjahren wurden diese Teile des Parks in eine neue landschaftsgärtnerische Ordnung gebracht.

Drei Kilometer lange Rundwege

Kugels Vorgänger Albert Schöchle, der zugleich Direktor der Stuttgarter Wilhelma war, machte aus der städtischen Wildnis eine Landesgartenschau, die am 23. April 1954 der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die erste Gartenschau Deutschlands ist zu einer Dauereinrichtung geworden. Fünf Jahre später, am 16. Mai 1959, wurde sie mit dem Märchengarten um viele Attraktionen erweitert. Somit feiert die „Blühendes Barock Gartenschau Ludwigsburg GmbH“ in diesem Jahr gleich zwei Jubiläen.

Was in den Anfangsjahren für Besucher überschaubar war, verteilt sich heute auf über 30 Hektar, die auf einem drei Kilometer langen Rundweg erkundet werden können. Die Gärtner haben in den vergangenen Wochen das Parkgelände zum Saisonstart mit über 350000 Frühlingsblühern bestückt.

Blühendes Barock lockt mit bewährtem Jahresprogramm

2018 haben es 600 000 Tagesgäste besucht. Dazu kamen 43 000 Dauerkartenbesitzer. Gartenchef Kugel zeigte sich überzeugt, diese Zahlen in diesem Jahr wieder zu erreichen. Er setzt dabei auf ein bewährtes Jahresprogramm mit Kürbis-Ausstellung, Straßenmusikfestival, Sandkunst und Musikfeuerwerk.

Saisoneröffnung 2019: Frühlingsblumen vor der Südfassade des Barockschlosses Ludwigsburg. Nach dem Krieg wuchsen dort Kartoffeln. Foto: Uwe Roth
Saisoneröffnung 2019: Frühlingsblumen vor der Südfassade des Barockschlosses Ludwigsburg. Nach dem Krieg wuchsen dort Kartoffeln. Foto: Uwe Roth

Aus Heilbronn war Oberbürgermeister Harry Mergel in den Schlossgarten gekommen. Seine Anwesenheit bei der Jubiläumseröffnung sei als Zeichen zu verstehen, dass die Bundesgartenschau, deren Eröffnung am 17. April ist, keine Konkurrenzveranstaltung sei, wie er betonte. Das Blühende Barock und die Bundesgartenschau verstünden sich als Ergänzung. So böten Veranstalter von Busreisen in Touren an, die Sehenswürdigkeiten von Stuttgart, Ludwigsburg und Heilbronn miteinander verbinden.

Der Kinderzuwachs in der Bevölkerung bringt insbesondere dem Märchengarten immer neue Besucher. Vor 60 Jahren begann es mit neun nachgestellten Märchenszenen. Inzwischen sind es über 50, „ohne den eigentlichen Charme des Märchengartens zu verändern“, wie Kugel feststellte. Obwohl es kein eigentliches Märchen ist, sind Max und Moritz dort ziemlich präsent: Zum Jubiläumsjahr sind weitere Szenen in Betrieb genommen worden. Eine Neuheit heißt „Tumult im Märchenwald!“ und ist in Zusammenarbeit mit der Filmakademie Ludwigsburg entstanden. Sie ist interaktiv: Besucher steuern Märchenfiguren auf Zuruf.

Hauch von Japan im Barockgarten

Das Parkgelände hat schon viel ertragen. In den vergangenen 300 Jahren wurden dort mehrere 100 000 Kubikmeter Erde bewegt, ganz so wie es den herzoglichen, später königlichen und heute staatlichen Gartenbesitzern gefiel. Und immer mal wieder war es Nutzgarten: Wilhelm I. lies Mostobstbäume pflanzen, als die Hungersnot seiner Untertanen groß war. Als es den Menschen besser ging, wurde an der Nordseite Tennis gespielt. Die Mostobstbäume sind längst abgeholzt. Stattdessen stehen im Japangarten am östlichen Rand des Parks Zierkirschenbäume.

Saisoneröffnung 2019 Blühendes Barock Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth
Saisoneröffnung 2019 Blühendes Barock Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth
Print Friendly, PDF & Email
Anhänger der Initiative zum Bau einer Surfanlage im Neckar im Stuttgarter Stadtteil Untertürkheim zeigen, wo die perfekte Neckarwelle entstehen könnte. Foto: Uwe Roth

Stoppt schlechtes Wasser Neckarwelle?

Südwest Presse, Uwe Roth, 22.03.2019

Schlechte Nachrichten für Surf-Fans: Das Gesundheitsamt hat Bedenken wegen der Wasserqualität.

Stuttgart. Der Bürgerhaushalt hat der Surf-Initiative vor zwei Jahren zu einer Welle des Erfolgs verholfen, da sich viele Stuttgarter hinter das Anliegen stellten. Nun möchte der Verein Neckarwelle – wieder mit Hilfe der Bevölkerung – seinem Projekt im nächsten Bürgerhaushalt neuen Schub geben. Mit dem Vorschlag „Surfen mitten in Stuttgart“ bitten die Vereinsvorstände den Gemeinderat im Doppelhaushalt 2020/21 die „Mittel für den Bau einer surfbaren Flusswelle im Neckar im Stadtbezirk Untertürkheim bereitzustellen“.

Die Idee landete nach den Voten zum Bürgerhaushalt 2018/19 auf Platz 20 von 3457 eingereichten Projekten. Das Ergebnis veranlasste den Gemeinderat, eine Machbarkeitsstudie zu finanzieren. Gutachter stellten fest, dass ein solches Bauwerk möglich sei. Doch nun hat das Landesgesundheitsamt wegen der Qualität des Wassers Bedenken angemeldet. Wer Wasser schlucke, könne sich mit Coli-Bakterien und Enterokokken infizieren, heißt es in der Bewertung.

Die Stadt nimmt dabei Bezug auf die Badegewässerverordnung des Landes, der eine EU-Richtlinie zugrunde liegt. Vereinsvorstand Volker Sellmeier sagt dazu: „Surfen ist ein Sport über und nicht im Wasser. Nach der Logik müsste die Stadt auch das Ruderbootfahren auf dem Neckar verbieten.“ Sellmeier sagt, in der Studie sei die Wasserqualität als „ausreichend“ eingestuft worden. Zwischen Juni und Oktober 2018 sind Proben gezogen worden. In über 70 Prozent sei die Wasserverschmutzung unter den Grenzwerten geblieben. In den anderen Fällen, so vermutet er, sei wegen starken Regens Wasser aus Klärbecken in den Neckar gelangt. Im Stuttgarter Rathaus ist gerade ein Meinungsbildungsprozess im Gange. Dazu stimmen sich verschiedene Abteilungen intern ab. Man werde dann mit den Initiatoren sprechen, teilt die Verwaltung mit.

Die über 160 Kommentare auf der Internetseite des künftigen Bürgerhaushalts zur Neckarwelle sollen vermitteln, dass die geschätzten Baukosten von 4,2 Millionen Euro gut angelegtes Geld seien. „Das Wasser im Neckar wird auch in 30 Jahren noch nicht trinkbar sein – macht es also nicht zum alles entscheidenden K.-o.-Kriterium“, schreibt ein Homepage-Besucher. Selbst am Eisbach im Englischen Garten in München sei das Baden untersagt, das Treiben an der Surfwellen werde aber von der Stadt geduldet. ⇥Uwe Roth

Print Friendly, PDF & Email
Erste Sitzung des Zweckverbands zum Ausbau des Breitbandnetzes im Landkreis Ludwigsburg. Foto: Uwe Roth

Zweckverband Breitband nimmt im Landkreis Ludwigsburg Arbeit auf

Bietigheimer Zeitung, Uwe Roth, 04.03.2019

Oberbürgermeister aus dem Landkreis, Bürgermeister und Landrat Dr. Rainer Haas trafen sich jetzt zur ersten Versammlung des Zweckverbands Kreisband Ludwigsburg (KBL). Der KBL hat eine eigene Geschäftsstelle, die die Verlegung der Glasfaserkabel zwischen den Kommunen koordiniert.

Alle 39 Kreiskommunen sind Mitglied. Bietigheim-Bissingen ist es noch nicht offiziell. Der Gemeinderat der Stadt wird am 12. März voraussichtlich einem Beitritt zum Zweckverband zustimmen. Landrat Rainer Haas nannte es „eine tolle Sache, dass es gelungen ist, alle Kreiskommunen ins Boot zu holen“.

Seine Erleichterung hatte Gründe: Der Gründung des KBL gingen hinter den Kulissen zum Teil schwierige Verhandlungen voraus. Denn der große Partner beim Ausbau ist die Deutsche Telekom, die in den Rathäusern nicht immer als verlässlich bei der Umsetzung von Vereinbarungen gilt. Ludwigsburg und Kornwestheim haben darüber hinaus ihre eigenen Vorbehalte. Ihre gemeinsame Stadtwerke GmbH verfolgt ein eigenes Programm zum Glasfasernetzausbau. Die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim bieten schnelles Internet mit bis zu 500 Mbit pro Sekunde, Telefonie und Kabelfernsehen an. Sie sind somit direkte Wettbewerber zur Telekom, aber auch Unitymedia und Vodafone.

Gebündelte Breitbandinitiative in der Region Stuttgart

Der Breitbandausbau soll nicht nur im Landkreis, sondern in der gesamten Region beflügelt werden. Zu diesem Anlass sind auch in Stuttgart und den vier weiteren umliegenden Landkreisen entsprechende Zweckverbände entstanden. Bis Ende März wird auf regionaler Ebene die Gigabit Region Stuttgart GmbH gegründet mit dem Ziel, „als eine der ersten deutschen Regionen ein 5G-Mobilnetz“ zu erhalten. Außerdem soll das Mobilfunknetz verdichtet und beschleunigt werden. Insgesamt 179 Städte und Gemeinden in der Region mit rund 2,8 Millionen Menschen und etwa 140 000 Unternehmensstandorten sollen bis spätestens Ende 2030 ins Netz eingebunden werden. Vorrang bekommen Schulen und andere Bildungseinrichtungen.

Die großen Städte in der Region mit eigenen Stadtwerken wollten erst eigene Wege gehen und den Zweckverbänden fernzubleiben, um nicht in die Gefahr zu geraten, Anhängsel der Telekom zu werden, und um weiterhin eigene Ausbaupläne verfolgen zu können. Doch der Kommunikationskonzern ließ sich wohl auf Zugeständnisse ein. Noch am Mittwoch hatte Oberbürgermeister Werner Spec seinem Gemeinderat über die Vorbereitung einer Kooperationsrahmenvereinbarung mit der Telekom unterrichtet. Demnach wird die sich auf die Räume konzentrieren, die von den Stadtwerken nicht bearbeitet werden. In wenigen Wochen ist die Vereinbarung unterschriftsreif. Außerdem wurde der Stadt Ludwigsburg laut Spec ein „Gastsitz“ im Aufsichtsrat der Gigabit Region Stuttgart GmbH zugesagt.

Kooperationsabkommen mit der Deutschen Telekom

Mit der Absichtserklärung, dass sich Stadtwerke und Telekom nicht gegenseitig ins Gehege kommen, war für Ludwigsburg und Kornwestheim der Weg frei, noch vor der ersten Versammlung am Donnerstag Mitglied des Zweckverbands zu werden. Die Kommunalvertreter wählten in der Sitzung im Kreishaus Landrat Haas zum KBL-Verbandsvorsitzenden. Stellvertreter wurde Ditzingens Oberbürgermeister Michael Makurath. KBL-Geschäftsführer ist Victor Kostic.

Laut dem Breitbandatlas des Bundes sind im Landkreis Ludwigsburg noch einige Flächen mit einer schlechten Abdeckung. Dazu gehören besonders Sersheim, Hohenhaslach, westliche Teile von Bietigheim-Bissingen sowie der Süden von Sachsenheim und der Ortsteil Ochsenbach. Teile von Besigheim und Bönnigheim sind ebenfalls noch unterversorgt.

Print Friendly, PDF & Email
Fahrassistenzsysteme in einem Lkw. Foto: uwe Roth

Lkw-Fahrer und ihre Vorbehalte gegen Fahrassistenzsysteme

BG Verkehr „Sicherheitsprofi“, Uwe Roth, 01.03.2019

Fahrerassistenzsysteme haben bei manchen Profi-Lkw-Fahrern leider immer noch einen schlechten Ruf. Ein Fahrlehrer berichtet, wie er von Anfang an Überzeugungsarbeit leistet.

Manchmal brauchen Trucker drastische Bilder, um nachdenklich gestimmt zu werden: „Stellen Sie sich einen Feuerwehrmann vor“, sagt Fahrlehrer Rainer Sofka seinen Kursteilnehmern. „Der hat eine volle Ausrüstung und stürmt trotzdem nur in Unterhose bekleidet in ein brennendes Haus.“ Verständnislose Blicke. Sofka erklärt: Dieses unsinnige Verhalten sei vergleichbar mit einem Lkw-Fahrer, der seinen Notbremsassistenten abschalte, weil er sich von diesem Gerät fremdbestimmt fühle. Ein Zuhörer bekennt, dass er sich mit der in seinem Lkw verbauten Technik bis jetzt nicht im Detail beschäftigt habe.

Fahrerassistenzsysteme entmündigen nicht

Jörg Hartmann sagt im anschließenden Gespräch, es sei Quatsch, dass solche Systeme Fahrer entmündigten. Hartmann ist Chef der gleichnamigen Fahrschule in Plochingen südlich von Stuttgart, Marktführer in Baden-Württemberg für Aus- und Weiterbildung von Lkw- und Busfahrern. „Der Fahrer kann jederzeit das Geschehen kontrollieren“, bekräftigt er. „Das System greift erst aktiv ein, wenn der Fahrer bis kurz vor dem Aufprall nicht reagiert. Bis dahin wird der Fahrer optisch und akustisch vor einer drohenden Gefahr gewarnt.“

Vorurteile bei Lkw-Fahrer abbauen

Hartmann muss es wissen. Zu seinem aus sieben Lkw und zwei Bussen bestehenden Fuhrpark gehört ein Mercedes-Benz Actros 2540, der über einen Notbremsassistenten verfügt, der stehende Fahrzeuge und auch Fußgänger erkennt. Es ist der Active Brake Assist 4. Neben einem Abstandsregeltempomaten und Spurhalteassistenten gehört zudem ein Abbiegeassistent zur Ausstattung. Hartmann war in Deutschland der Erste, der Sensoren am Fahrschul-Lkw hatte, die Fußgänger und Radfahrer im toten Winkel registrieren und dies mit einem schrillen Piepton dem Fahrer melden. „Jeder unserer Fahrschüler wird an diesen Systemen ausgebildet“, sagt er. „Wir wollen ihnen zeigen, was der Markt kann.“

Im Theorieunterricht allerdings werde insbesondere der Abstandsregeltempomat (Adaptive Cruise Control/ACC) von manchem Kursteilnehmer immer noch „hinterfragt.“ Die dagegen vorgebrachten Gründe nennt der Chef der Fahrschule „fadenscheinig“. Die Schüler kennen seiner Beobachtung nach oft die neueste Technik nicht, dafür aber längst beseitigte Anfangsschwächen. So werde fälschlicherweise argumentiert, dass der Lkw jedes Mal automatisch bremse, wenn vor ihm ein Fahrzeug einschert. Der Assistent bremst aber nur, wenn der eingestellte Abstand dauerhaft unterschritten wird und nicht, wenn das eingescherte Fahrzeug beschleunigt oder die Fahrbahn verlässt.

„Es macht bei der Verkehrsdichte keinen großen Zeitunterschied, ob man ein paar Stundenkilometer langsamer fährt.“

Jörg Hartmann

Jüngere Fahrer sind weniger skeptisch Die Akzeptanz von Assistenzsystemen ist in vielen Fällen vom Alter der Kursteilnehmer abhängig, beobachten die Fahrlehrer. Besonders in Weiterbildungskursen, an denen ältere Lkw-Fahrer teilnähmen, die sich selbst als sehr erfahren bezeichneten, werde die Technik gerne kritisiert. Jeder Dritte verzichte sogar auf den Sicherheitsgurt, um das vermeintliche Gefühl der Truckerfreiheit zu spüren. Der Elektronik die Regelung der Geschwindigkeit zu überlassen, werde als Gängelung empfunden, die wertvolle Fahrzeit koste. „Die Zeiteinsparung wird maßlos überschätzt“, hält Hartmann dagegen. „Es macht bei der Verkehrsdichte keinen großen Zeitunterschied, ob man ein paar Stundenkilometer langsamer fährt.“ Lkw- und Busfahrer unterscheiden sich seiner Erfahrung nach in diesem Punkt kaum.

Junge Leute mögen keine Technik von gestern

Häufig hänge die Aufgeschlossenheit davon ab, welche Systeme ein Fahrschüler in seinem Privatwagen nutze. „Wer ein modernes Auto hat, ist gegenüber Assistenzsystemen aufgeschlossener“, sagt Fahrlehrer Franz-Peter Dick. Mancher Fahranfänger sei schlicht überfordert, wenn ein Hebel drei Funktionen habe. „Zu Beginn ist der Fahrschüler mit der Größe seines Fahrzeugs beschäftigt.“ Da werde es subjektiv als Erleichterung empfunden, sämtliche Assistenzsysteme abschalten zu können – sogar die vorgeschriebenen. Wer jedoch mit der Playstation aufgewachsen sei, „der hat die Technik schnell im Griff“. Hartmann bestätigt: „Je jünger, umso affiner. Junge Leute mögen keine Technik von gestern.“

Technisch auf dem neuesten Stand Die Fahrschule Hartmann hat einen mobilen Fahrsimulator. Fast 900.000 Euro hat der Lkw-Anhänger mit der gesamten Computertechnik gekostet. Die Software kann Notfallsysteme simulieren. Gefahrlos testen die Fahrschüler aus, was die Technik in extremen Situationen kann und was passiert, wenn sie ausgeschaltet ist. „Das öffnet manchem die Augen.“

Fahrer sind ein „großer Schatz“

„Die großen Hersteller bieten ausgereifte Systeme an, die auch nicht die Welt kosten“, sagt Dick. Ein Auffahrunfall sei teurer. Hartmann ergänzt, früher sei für einen Unternehmer der Fuhrpark „sein größter Schatz“ gewesen. „Heute sind es seine Fahrer.“ Der Verlust eines guten Fahrers „tut unendlich weh“. Was das bedeutet, können die Fahrschüler an diesem Tag in den Nachrichten hören. Zwei tragische Unfälle hat es am Morgen im Raum Stuttgart gegeben, in die zwei Lkw verwickelt waren und bei denen ein Fahrer starb. In einem Fall knallte das Fahrzeug auf der Autobahn auf ein Stauende. Ein moderner Notbremsassistent hätte den Lkw mit Sicherheit rechtzeitig zum Stehen gebracht. Uwe Roth Journalist

Print Friendly, PDF & Email

Forscher der Uni Tübingen über die Kosten des Brexit

Magazin attempto! der Universität Tübingen, Uwe Roth, Januar 2019

Der EU-Ausstieg kommt Großbritannien teuer zu stehen: In diesem Punkt sind sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen einig – obwohl sich sonst noch wenig Konkretes über die Folgen sagen lässt. Auch Tübinger Wirtschaftswissenschaftler und Juristen forschen zu denkbaren Zukunftsszenarien.

Brexit-­Befürwortern wird das nicht gefallen: Der Austritt aus der Europäischen Union fügt der britischen Volkswirtschaft bereits jetzt Schäden in Höhe von etwa 350 Millionen Pfund (392 Millionen Euro) zu – und zwar wöchentlich, seit dem Referendum im Juni 2016. So rechnet Gernot Müller vor, Professor für International Macroeconomics and Finance an der Universität Tübingen. Zusammen mit Kollegen anderer Hochschulen hat er ein komplexes Modell zur Berechnung der Ausstiegs­Kosten entwickelt.

Ökonomen schauen nicht in die politische Glaskugel

Und dabei kommt der endgültige Brexit erst im März 2019, die Vereinbarungen zwischen der Europäischen Kommission und der britischen Regierung treten unter Umständen sogar viel später in Kraft. Oder auch nicht. Harter Brexit, weicher Brexit, ein irgendwie gestalteter Brexit – in die (politische) Glaskugel schauten die Ökonomen nicht, versichert Müller. Das Modell funktioniere auch ohne die sich oft täglich widersprechenden Nachrichten über die Austritts-­Verhandlungen.

Eine weitere Größe in den Berechnungen ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Volkswirtschaftler errechneten mit ihrem Modell Stand Oktober 2018 einen Rückgang des BIP von 2 Prozent für Großbritannien. Vorteil der Formel ist, dass man sie jederzeit mit neuen Daten aktualisieren kann: Vor einem Jahr, im November 2017, lagen die Ergebnisse noch bei 300 Millionen Pfund die Woche und einem BIP­Verlust von 1,3 Prozent. „Aktuelle OECD­Daten machen das Update möglich“, sagt Müller.

In der Vorausschau könnte das Minus Ende 2020 sogar bei 3,4 Prozent liegen. Anhand der verwendeten Algorithmen lässt sich ebenso ablesen, dass es der britischen Volkswirtschaft ohne Brexit besser ergangen wäre. Über die Zeitung „The Guardian“ wurden die Forschungsergebnisse auch schon im Vereinigten Königreich bekannt.

Ökonomische Auswirkungen sind sicher

An der Universität Tübingen werden nicht nur im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft in der Nauklerstraße Forschungen zu möglichen Auswirkungen des Brexit betrieben. Die Juristen am Geschwister­Scholl­Platz werten Verfassungen, Gesetze und Verträge auf den Brexit­Vorgang hin aus. Insgesamt arbeiten die Tübinger Wissenschaftler deutschland­ und europaweit mit Forschungseinrichtungen zusammen, so dass ein – wenn auch inoffizielles – Netzwerk entstanden ist. Um einen Überblick der Forschungsstände in den unterschiedlichen Disziplinen zu erhalten, hatte die Wirtschafts­ und Sozialwissenschaftliche Fakultät im Oktober 2018 eigens zu einer Brexit­-Konferenz eingeladen.

„Die Haushalte der UK bezahlen bereits einen Preis dafür, dass sie die EU verlassen wollen“

Thomas Sampson, London School of Economics and Political Science

Der Betriebswirtschaftler Professor Dominik Papies organisierte mit Kollegen die Veranstaltung, an der neben Tübinger Wissenschaftlern Experten aus Deutschland, Irland und der Schweiz teilnahmen. Thomas Sampson von der London School of Economics and Political Science hatte eine Menge Charts und komplizierte Gleichungen zur Tagung mitgebracht und zog Bilanz: „Die Haushalte der UK bezahlen bereits einen Preis dafür, dass sie die EU verlassen wollen.“

Die Referenten, die hier den Stand ihrer Forschungen zusammentrugen, hatten sich mit Auswirkungen des Brexit auf das BIP, das Börsengeschehen, den Austausch von Waren und Dienstleistungen, das Kreditwesen sowie auf die Inflation beschäftigt. „Am Ende der Konferenz blieb die Erkenntnis, dass allein mit dem Austritts-­Beschluss bereits ein Schaden angerichtet wurde“, fasst Papies zusammen. Allerdings ließen es Was-­wäre­wenn-Modelle oft nicht zu, die Schäden zu konkretisieren.

Wohlfahrtsverluste erwartet

Professor Wilhelm Kohler, Leiter des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung, rechnet beispielsweise mit einem zu erwartenden Wohlfahrtsverlust von 1,3 Prozent. Das müsse nicht unmittelbar ein Verlust an Arbeitsplätzen bedeuten – die gute Konjunktur könne Schäden begrenzen, sind er und Kollege Müller sich einig. Eventuell entstünden kurzfristig sogar Arbeitsplätze. Unbestritten sei, dass der Handel mit dem dann Drittstaat Großbritannien insgesamt teurer werde, zum Nachteil aller Volkswirtschaften. „Die Bürger werden die ökonomischen Auswirkungen in jedem Fall zu spüren bekommen – darin stimmen unsere Forschungsergebnisse überein.“

„EU muss die Briten ziehen lassen“

Während Ökonomen im Wesentlichen Zahlen sprechen lassen und daran „vernünftige Lösungen“ ausrichten, halten sich Juristen an Konsequenzen, die sich aus rechtlichen Vorgaben ergeben. Ökonom Kohler plädiert für flexible Lösungen. „Leider verfolgt die Europäische Kommission eine Verhandlungsstrategie, die den Schaden dieses Unfalls unnötig erhöht.“ Die Strategie basiere auf der „falschen Prämisse“, der Binnenmarkt sei unteilbar. Sie sei in Brüssel – fast einem Dogma gleich – zur Leitidee der Verhandlungen geworden.

Bislang gilt der Grundsatz: Die vier Binnenmarktfreiheiten (Dienstleistungs­ und Warenverkehr, Finanzmärkte und Niederlassungsfreiheit) sind fest aneinander gekoppelt. Die Briten hingegen würden zwar gerne den freien Marktzugang behalten, das Aufenthaltsrecht für andere Unionsbürger dagegen stark einschränken. Eine Teilung der vier Freiheiten hält der Ökonom für die bessere Variante, um den ökonomischen Schaden so gering wie möglich zu halten.

„Großbritannien muss sich entscheiden, ob es ganz drin oder ganz draußen sein will.“

Professor Jens­-Hinrich Binder

Professor Jens­-Hinrich Binder von der juristischen Fakultät widerspricht seinem Kollegen: „Ich kann nicht unterschreiben, dass die Kommission schlecht verhandelt.“ Die Kritik daran sei unberechtigt, sagt der Experte für Handels­ und Wirtschaftsrecht, der sich mit den Auswirkungen des Brexit auf die Finanzmärkte beschäftigt. Man müsse sich von der Vorstellung verabschieden, es könne die Quadratur des Kreises gelingen, mit einer Win­win­-Situation am Ende. „Großbritannien muss sich entscheiden, ob es ganz drin oder ganz draußen sein will.“ Sein Fakultätskollege Martin Nettesheim sieht es ähnlich. Eine Rosinenpickerei, wie es die Briten beabsichtigten, hält der Jurist für „weder juristisch noch ökonomisch sinnvoll“.

Nettesheim beschäftigt sich mit der Frage, ob es rechtlich überhaupt möglich ist, den Briten ihre Unionsbürgerschaft, immerhin ein europarechtlicher Titel, zu entziehen. Unionsbürger haben ein mehr oder weniger uneingeschränktes Aufenthaltsrecht in der EU. Sie können an Förderprogrammen teilnehmen oder sich an jede Botschaft eines EU­Landes wenden und um Unterstützung bitten. Er sei, wie er im Ergebnis sagt, zu „der schmerzlichen Erkenntnis gelangt“, dass die EU­-Verträge einen Entzug zuließen. „Wenn jemand geht, muss man ihn ziehen lassen.“

Europarechtlich lässt sich der Brexit nicht verhindern

Europarechtlich, so seine Erkenntnis, lasse sich der Brexit über diesen Hebel nicht verhindern. Auch die Hoffnung auf ein zweites Referendum mit gegenteiligem Ausgang bleibt in den Szenarien der Brexit-­Forscher außen vor. „Im Herzen vielleicht“, räumt Binder ein. Am deutlichsten habe der irische Kollege Ronald Davies von der University College Dublin dieser Hoffnung Ausdruck gegeben. Irland, das sei fraglos so, werde massiv mit den Folgen zu kämpfen haben. Wohin die Ausstiegspläne der Briten führen, bleibt spannend – die Tübinger Wissenschaftler werden ihre Berechnungen wohl noch so manches Mal anpassen.

Print Friendly, PDF & Email

Landkreis Ludwigsburg investiert in Burg Lichtenberg

Bietigheimer Zeitung, Uwe Roth, 29.01.2019

Er wolle gewiss nicht Burgherr werden, hat der Landrat dem Tagesordnungspunkt vorsorglich vorausgeschickt. In seinem letzten Amtsjahr könnte Rainer Haas aber zumindest noch ein Burgvogt, also Verwalter, werden. In der jüngsten Kreistagssitzung ist heftig darüber debattiert worden, ob sich der Landkreis mit 300 000 Euro an einer Stiftung beteiligen soll, die die Burg Lichtenberg vor einem Privatverkauf retten könnte. Nach einem längeren Hin und Her stimmten am Freitag 56 Kreistagsmitglieder für eine Beteiligung, 24 waren dagegen und neun enthielten sich.

Die Mittelalterburg liegt auf der Gemarkung Oberstenfeld. Der dortige Gemeinderat hatte einen Tag zuvor ebenfalls mit sich gerungen, aber dann doch die Bereitschaft erklärt, trotz enger Finanzlage der Kommune, 175 000 Euro in die Stiftung einzubringen. Die Gemeinde erhofft sich mehr Tagesgäste, wenn die Burg einen Pächter bekommt, der die Räumlichkeiten die ganze Woche zugänglich macht und nicht nur an den Wochenenden oder bei Abwesenheit des Burgherren. Dritter im Stiftungsbund wird die Kreissparkasse (KSK) mit zwei Millionen Euro aus ihrem Fonds Kunst, Kultur und Bildung. Die drei Kastellane (Burgaufseher) in dem zu bildenden Stiftungsrat werden der Landrat, der Bürgermeister und ein KSK-Vorstand.

„Sie ist die am besten erhaltene Stauferburg nördlich der Alpen.“

Landrat Rainer haas

Ein Burgführer hätte die historische Bedeutung des 800 Jahre alten Stiftungsgegenstands nicht besser veranschaulichen können: „Die Burg Lichtenberg ist etwas ganz Besonderes“, schwärmte der Landrat seinen Kreistagsmitgliedern vor. „Sie ist die am besten erhaltene Stauferburg nördlich der Alpen.“ Haas bettete seine Begründung in beachtliches Geschichtswissen ein, garniert mit lateinischen Zitaten. Graf Eberhard im Bart, somit niemand geringerer als der Stammvater Württembergs, habe 1483 die Burg als Lehen an die Familie von und zu Weiler übergeben. Dietrich von Weiler war damals Landhofmeister. Unter anderem kam es unter seiner Federführung zur Gründung der Universität Tübingen.

Seine Nachfahren wohnen 500 Jahre später immer noch in der Burg. Baron Dietrich Burkhardt von und zu Weiler ist inzwischen 87 Jahre alt. Burgherr zu sein, wird für ihn altersbedingt zu einer wachsenden Belastung. Um den Unterhalt zu finanzieren, können der Rittersaal, die Burgkappelle, eine Galerie und der Burghof von Firmen und Privatpersonen angemietet werden. Auf der Internetseite wird ein Rundumservice versprochen („Sie feiern – Wir kümmern uns um den Rest“). Seine Kinder wollten die Aufgabe zu seinem Bedauern nicht übernehmen, so von und zu Weiler. An eine Privatperson wolle er ungern verkaufen, erst recht nicht an einen russischen Oligarchen. So schilderte der Landrat dem Kreistag die Vorgeschichte zum Tagesordnungspunkt. Haas unterlief dabei aber ein taktischer Fehler. Er berichtete, dass er mit dem Burgherrn schon seit sechs Jahren immer mal wieder darüber gesprochen habe, wie es mit dem Anwesen weitergehen solle.

Kritik an später Information

Prompt erwiderte CDU-Kreisrat Klaus Herrmann, dass über diesen langen Zeitraum „der eine oder andere Hinweis vom Landrat nett gewesen wäre“. So aber sei der Kreistag vom Vorschlag einigermaßen überrascht worden. Ohne die Burg in Augenschein genommen zu haben, könne er nicht beurteilen, in welchem Zustand diese sei und ob zu einem späteren Zustand nicht weitere Finanzspritzen notwendig würden. So eindrucksvoll die Burg auch sei – „im Landkreis gibt es noch andere Juwelen.“

Ähnlich argumentierte die SPD: Jürgen Kessing sprach angesichts einer fehlenden Vorberatung, magerer Datenlage sowie der Erwartung, dass der Kreistag dennoch zustimme, von einem „sportlichen Akt, den man vom Gremium erwartet“. Eigentlich sei das Land gefordert. Er fürchte „ein Fass ohne Boden“. Um ihn und weitere Kreisräte zu beruhigen, nahm der Landrat Formulierungen in die Beschlussvorlage auf. Die sollen sicherstellen, dass über die 300 000 Euro hinaus der Landkreis keine finanzielle Verantwortung übernimmt.

Print Friendly, PDF & Email

Ioannis Sakkaros: „Die Grünen tragen Schuld an der Misere“

Südwest Presse, Uwe Roth, 29.01.2019

Ioannis Sakkaros wollte vor drei Wochen am Neckartor im Kreis von 250 Gleichgesinnten seinen persönlichen Frust über das Dieselfahrverbot in Stuttgart rauslassen. „Ich hatte und habe keine politischen Motive, sondern bin selbst vom Fahrverbot betroffen“, versichert der 26-Jährige am Samstag wenige Stunden vor seiner dritten Protestaktion. Bei der zweiten waren 700 gekommen.

Inzwischen ist Sakkaros ein Ereignis der Medien. Er wird als Ikone einer neuen Bewegung betrachtet und weiß nicht so recht, was er davon halten soll. „Mein Privatleben ist völlig zur Seite geschoben“, stöhnt er. Er gibt aber schon routiniert und sehr freundlich Interviews. Der junge Mann ist in seinem Element. Es mache ihm Spaß, Dinge zu organisieren, versucht er zu erklären, was ihn antreibt. Freunde schätzen an ihm, dass er die Clique beieinander halte. Ein positives Feedback sporne ihn an, beim nächsten Mal noch besser zu werden.

Neue Reibungsfläche für Wutbürger: Fahrverbote für Diesel

Die neue Clique: Am Samstag schwärmen 1200 Menschen auf den Wilhelmsplatz. Die wenigsten dürften Fahrer älterer Diesel sein. Unzufriedene Bürger haben offenbar eine neue Plattform gefunden. Nach Kritik an Stuttgart 21, an Euro und Flüchtlingen haben sie das Fahrverbot als Reibungsfläche entdeckt. Ihre Verachtung richtet sich nach wie vor auf die jeweilige Regierung und den dahinter stehenden Parteien.

Sakkaros arbeitet bei Porsche in Zuffenhausen und ist IG-Metall-Mitglied. Mit Politik will er nichts zu tun haben, beteuert er. Trotzdem ist es für ihn erwiesen, dass die Grünen sämtliche Schuld an der Misere mit den Fahrverboten tragen. Begründen kann er das allerdings nicht. „Man hätte um Stuttgart längst eine Straße legen können, um so die Durchgangsstraße zu entlasten“, argumentiert er. Dass andere Parteien zu ihrer Zeit ebenso hätten handeln können, lässt er nicht gelten. „Die Grünen sind sieben Jahre an der Regierung, ohne dass etwas passiert ist.“ Von seinem Feindbild lässt Sakkaros nicht ab.

Gelbe Warnweste: „Schnauze voll!“

Der Stuttgarter macht Politik, ohne es wahrhaben zu wollen. Er spricht von „Enteignung der Dieselfahrer“, Politiker, die zu blöd seien, richtige Standorte für Messstationen zu finden, und ist empört, dass sich Mitglieder der AfD und der rechten Arbeitnehmerbewegung „Verein Zentrum Automobil“ für ihn interessieren. Der Mechatroniker betrachtet sich und seine Sympathisanten als „unparteiische Bürgerbewegung“. Am Samstag lässt er es sich auch nicht nehmen, eine gelbe Warnweste mit der Aufschrift „Schnauze voll!“ überzuziehen – wie zahlreiche andere Demonstranten.

Bewusst erinnern sie an die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Dass es in Paris zu Auseinandersetzung gekommen ist, „dies ist nicht mein Problem“, wehrt er ab. „Gewalt ist nicht in meinem Interesse.“ Doch für ihn ist klar, dass „das Versagen der Politik“ den Frust der Bürger habe so groß werden lassen, dass „sie austicken“. Sakkaros wird mit seinem „Projekt“ auch weitermachen.

Print Friendly, PDF & Email
Foto: Uwe Roth

CMT: Radtourismus ist der Renner

Bietigheimer Zeitung, Uwe Roth, 14.01.2019

Tagesausflügler und Radreisende lassen den Tourismus im Landkreis Ludwigsburg wachsen. Auf der Urlaubsmesse CMT, die am Samstag in der Landesmesse am Stuttgarter Flughafen begonnen hat, werben die Kommunen kräftig um solche Kurzzeitgäste. In der Gastronomie und Hotellerie gehören eine Lademöglichkeit fürs Pedelec inzwischen zu einem selbstverständlichen Service wie freies W-Lan.

Für den Tagestourismus ist ein Anschluss an einen regionalen Radwanderweg von ebenso großer Bedeutung geworden wie eine Haltestelle im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS). Ins 3B-Land kommen Gäste zudem über den Karlsruher Verkehrsverbund (KVV). Erneut haben die 3B-Kommunen Bietigheim-Bissingen, Bönnigheim und Besigheim in der Baden-Württemberg-Halle 6 einen Gemeinschaftsstand zusammen mit dem Kraichgau-Stromberg Tourismus und der Stadt Bruchsal. Eigentlich müsste es jetzt 3B-und-F-Land heißen: Freudental hat sich zum Jahresbeginn der Tourismus-Kooperation angeschlossen.

Das 3B-Tourismus-Team wird von Eric Reiter geleitet. Er ist am Eröffnungstag ebenfalls am Stand und stellt fest, dass vermehrt Tagestouristen aus ganz Baden-Württemberg das Gebiet an Enz und Neckar ansteuern. Die kommen immer öfter auf zwei Rädern statt mit dem Auto. „Radfahren ist wahnsinnig angesagt“, sagt der Tourismuschef. Besigheim profitiere wegen der Kreuzung zweier Landesradfernwege sowie seiner exponierten Lage besonders. Abseits der Flusstäler nimmt der Radtourismus ebenfalls zu. Der Elektroantrieb bringt ältere Radfahrer in höhere Lagen, die sie zuvor mit einem konventionellen Rad oder zu Fuß nie erreicht hätten. So profitieren nach seiner Beobachtung Freudental und Bönnigheim ebenfalls vom Boom der Tagesausflügler.

1000 Schnäpsle am Tag

In Bönnigheim können sie zum Beispiel das Schnapsmuseum besuchen. Was es dort zu probieren gibt, zeigt Museumsleiter Kurt Sartorius am Samstag: Acht verschiedene Schnäpse und Liköre hat er zum Stand gebracht. Etwa 1000 Proben, so schätzt er, gehen über den Tag weg. Der Renner sei ein Pflaumen-Sahne-Likör, der allein wegen seiner knallpinken Farbe die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Dass Erlebnisangebote Touristen anziehen, weiß man auch in der Stadt Vaihingen. Dort sind Stocherkahnfahrten „der absolute Renner“, wie Isolde Dürr vom Kultur- und Touristikbüro sagt. Solche Touren auf der Enz bringen ganze Gruppen in die Stadt – sehr zur Freude der Gastronomie. Die Tourismusmanagerin hat zum ersten CMT-Tag die Bonbonfabrik Jung „mitgebracht“. Dass es ein Bonbonmuseum gibt, macht die Stadt für Familien attraktiv, deren Kinder kein so großes Interesse an der Erkundung der historischen Altstadt haben.

Da hat es der Erlebnispark Tripsdrill einfacher. Er ist traditionell ebenfalls mit einem kleinen Stand auf der Messe vertreten. Wenn der Park am 6. April Saisoneröffnung hat, wird es einen neuen Erlebnisspielplatz geben. „Er wird eine Größe von 1400 Quadratmetern haben und ein Angebot auch für kleinere Kinder sein“, sagt Alexander Portmann vom Marketing. Auf der CMT zieht ein Glücksrad die Besucher an. So muss sich Tripsdrill neben dem großen Baden-Württemberg-Freizeitpark Rust nicht verstecken.

Die Stadt Ludwigsburg hat es etwas schwerer, Messebesucher auf ihren Stand aufmerksam zu machen. Blickfang ist erwartungsgemäß das Barockschloss. Doch das wird schon kräftig und großflächig am Stand der Schlösser und Gärten beworben. Sabine Lein und ihre Kollegin Tabea Müller vom Stadtmarketing werben besonders für die Stadtführungen. Neu ist die Stadtführerin Fräulein Henriette, die viel über die Geschichte der Bärenwiese zu erzählen hat. Neu ist ebenfalls eine kombinierte Führung durchs Schloss und durch die Innenstadt. Die B27 ist das größte Hindernis zwischen den beiden Barockattraktionen. Ein solches Angebot könnte helfen, die Gäste nach einem Besuch des Blühenden Barocks auf den Marktplatz zu locken. Ein neues Tourismuskonzept, das die Blicke der Tagestouristen verstärkt auf die Innenstadt lenken möchte, will die Stadt Ende des Monats vorstellen.

Die Urlaubsmesse CMT findet in diesem Jahr vom 12. bis 20. Januar auf dem Stuttgarter Messegelände statt und ist für die Besucher wochentags von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende von 9 bis 18 Uhr, geöffnet.

In den kommenden Tagen werden noch weitere Repräsentanten am 3B-Stand anzutreffen sein. Die Weingärtnergenossenschaft Stromberg-Zabergäu wird am 17. und 18. Januar vor Ort sein, die Felsengartenkellerei Besigheim am 19. und 20., das Bietigheim-Bissinger Weingut Stephan Muck am 14. sowie die Weinkellerei Kölle aus Bönnigheim am 15. und 16. Januar.

Die Stadt Sachsenheim wir sich am Sonntag, 20. Januar, in der Halle 6 (Oskar-Lapp-Halle) am Stand 6F36 des Kraichgau Stromberg Tourismus (KST) präsentieren. Die Stadt wird in diesem Jahr repräsentiert durch die Weinbaubetriebe Keller aus Hohenhaslach und Vollmer aus Spielberg. bz/uro

Print Friendly, PDF & Email

Esslinger Zwiebelfest ist Geschichte

Südwest Presse, Uwe Roth, 14.01.2019

Das zuletzt von sieben Gastronomen organisierte Esslinger Zwiebelfest ist Vergangenheit. 32 Jahre haben Wirte den Marktplatz im August für zehn Tage in eine florierende Freiluftgastronomie verwandelt. Von 2021 an wird die Stadt versuchen, in Eigenregie eine ähnliche Veranstaltung auszurichten. Der Name Zwiebelfest und die von den Wirten dafür gegründete GmbH werden allerdings Geschichte sein.

Mit neuem Namen und Konzept möchte die Esslinger Stadtmarketing und Tourismusgesellschaft (EST) ein Kapitel schließen, das nicht nur von Kulinarik und sommerlicher Feierlaune geprägt war. Bei Wirten, die nicht zum exklusiven Kreis der Zwiebelfest-Organisatoren gehörten, sich aber gerne beteiligt hätten, sei der Unmut stetig gewachsen, berichtet EST-Chef Michael Metzler. Denn dort kochen und Getränke ausschenken zu dürfen, war nicht bloß eine zusätzliche Einnahmequelle für Wirte. Bei bis zu 100 000 Besuchern aus der Stadt und der Region sowie einer breiten Berichterstattung war das Zwiebelfest zudem eine Werbeplattform fürs eigene Restaurant.

Mit der Exklusivität soll es vorbei sein. Künftig wird nicht mehr die Zwiebelfest GmbH bestimmen, wer sich an der Veranstaltung beteiligen darf. „Die Stadt wird die Flächen für die Lauben 2020 erstmals öffentlich ausschreiben“, kündigt Metzler an. Es werde ein ähnliches Verfahren wie beim Weihnachtsmarkt geben. Die Bewerber um einen Standplatz müssten Kriterien erfüllen. Ein neutrales Punktesystem und nicht gute Beziehungen zum Veranstalter sollen die Grundlage der Bewertung interessierter Wirte sein.

Mehr Wettbewerb unter den Gastronomen

Metzler erläutert: „In den vergangenen Jahren haben sich bei der Stadt Wirte gemeldet, die zeitgleich zum Zwiebelfest auf dem Marktplatz ebenfalls einen Stand aufstellen wollten.“ Rechtlich könne die Stadt wenig gegen solche Anträge einwenden. Der Marktplatz sei ein öffentlicher Raum, auf den niemand ein ausschließliches Zugriffsrecht habe, betont der EST-Chef. Die Neuorganisation hat für ihn daher in erster Linie wettbewerbsrechtliche Gründe. Die bisherigen Wirte könnten sich bewerben.

Davon ist bei Frank Jehle derzeit nicht auszugehen. Er ist Wirt des Restaurants Palmscher Bau in der Altstadt und der Geschäftsführer der Esslinger Zwiebelfest GmbH. Obwohl sich das Ende bereits seit Oktober abzeichnet, als der Gemeinderat mit großer Mehrheit und über Fraktionsgrenzen hinweg eine Neuausrichtung beschlossen hat, ist der Ärger darüber bei ihm immer noch frisch. „Die Stadt hat die GmbH kaputt gemacht“, behauptet er.

„Wir fühlen uns von der Stadt falsch behandelt“

Frank Jehle

Die EST benötigt zwei Jahre zur Vorbereitung der Nachfolgeveranstaltung. 2019 und 2020 hätten die Organisatoren wie bisher weitermachen können. Jehle und sein Mitstreiter Gerd Trautwein, dessen Vater das Zwiebelfest einst mit geschaffen hat, lehnten empört ab. Sie seien keine Lückenbüßer. Für die Gastronomen ist das Zwiebelfest nicht nur gestorben. „Es ist schon beerdigt“, bekräftigt Jehle. Aus seiner Sicht haben Stadt und Gemeinderat ein gut funktionierendes Veranstaltungskonzept unter die Erde gebracht, die Esslingen einiges Prestige eingebracht habe.

Zudem seien dem städtischen Haushalt keine Kosten entstanden. „Wir fühlen uns von der Stadt falsch behandelt“, fasst er die Stimmung zusammen. Den Konflikt mit Wirten, die sich benachteiligt fühlen, wehrt er ab: „Neider hat es immer gegeben.“

Kritik an den hohen Preisen für die Speisen

Das Aus für das Fest hat in sozialen Medien einige Reaktion freigesetzt. Doch die Kommentare waren größtenteils nicht so, wie es sich Jehle und seine Kollegen gewünscht hätten. „Also mal ehrlich. Bis auf ein paar geschmelzte Maultaschen konnte ich meinem Kind gar nichts anbieten. Zu teuer und zu wenig günstige Angebote“, schreibt jemand auf Facebook. Eine Besucherin postet: „Den Wirten ging es doch nicht um das Fest im eigentlichen Sinne. Einzige Intension eine 0-8-15-Küche zu horrenden Preisen.“

Ein Zwiebelfest-Wirt möchte in der Übergangszeit allein weitermachen. Der Wirt des Roten Hirsch in der Alten Zimmerei, Christian List, hat im Dezember im Rathaus einen Antrag eingereicht, bestätigt Metzler. List sei überzeugt, ausreichend Gastronomen gewinnen zu können, die ebenfalls mitmachen. Aus formalen Gründen könne eine Entscheidung erst Ende März bekanntgegeben werden.

Infokasten
Eine Sage aus dem Mittelalter 

Der Name Zwiebelfest beruht auf einer Sage, nach der im Mittelalter eine Esslinger Marktfrau den Teufel aus der Stadt vertrieben hat. Er hatte nach einem Apfel verlangt. Die Marktfrau erkannte ihn am Pferdefuß trotz seiner Verkleidung. Sie gab ihm anstatt des Apfels eine Zwiebel.

Der Teufel biss in die Knolle und schrie: „Das sollen eure Äpfel sein? Spott über euch Esslinger! Zwiebel sind es, scharfe Zwiebel. Deshalb sollt ihr künftig nicht mehr Esslinger heißen, sondern Zwiebeln.“ So kamen die Bewohner zu ihrem Necknamen „Zwiebeln“ oder „Zwieblinger“. uro

Print Friendly, PDF & Email

Fahrverbote für Diesel – Ungewissheit bei Händlern

Zeitungsverlag Waiblingen, Uwe Roth, 12.01.2019

Waiblingen. Wer sich einen neuen Diesel anschaffen möchte, muss sich an der aktuellen Abgasnorm Euro 6 d Temp orientieren: Nur damit ist er vor Fahrverboten einigermaßen dauerhaft sicher. Seit Januar gelten im Stuttgarter Stadtgebiet Verbote für Dieselmotoren der Schadstoffklassen 1 bis 4, Klasse 5 soll im nächsten Jahr folgen. Autohändler im Kreis sprechen ungern über die Lage.

Die Verfügbarkeit moderner Dieselfahrzeuge ist bei den Autohändlern im Landkreis ein heißes Eisen. Nur wenige angefragte Händler wollen Auskunft geben, ob Modelle mit der neuesten Abgasnorm Euro 6 d Temp derzeit überhaupt lieferbar sind und was sie von der Möglichkeit zur Nachrüstung der nicht mehr so aktuellen Dieselmotoren halten.

Die Hahn-Gruppe mit Sitz in Fellbach ist der größte VW-Händler in der Region. Wie es um den aktuellen Dieselfahrzeug-Bestand in den Ausstellungsräumen steht, war nicht zu erfahren.

„Kaufen! Das ist die richtige und zukunftssichere Botschaft“

Marcus Stein, Geschäftsführer Opel staiger

Weniger zögerlich zeigen sich Opel-Häuser. Geschäftsführer Marcus Stein vom Stuttgarter Autohaus Staiger Opel sieht sich in einer komfortablen Situation: „Opel hat sehr früh und sehr gründlich die Hausaufgaben erfüllt“, sagt er. Seine Kundenberater in der Waiblinger Filiale geben Neuwagen-Interessenten jedenfalls eine klare Botschaft: „Kaufen! Das ist die richtige und zukunftssichere Botschaft“, lautet die Anweisung des Geschäftsführers.

84 verschiedene Modelle quer durch die gesamte Opel-Palette seien derzeit verfügbar, so die Information an die Kunden. Bereits im Mai haben nach seinen Angaben 54 Opel-Modelle die Norm erfüllt. Als Beispiele zählt Stein auf: Karl, Adam, Corsa, Astra, Insognia, Cascada, Mokka X, Crossland X, Grandland X und den Combo.

In der Ausstellung stehen schon Fahrzeuge mit neuer Norm

Auch Mercedes-Händler wollen mögliche Käufer nicht enttäuscht nach Hause schicken. Während das Handelsunternehmen Burger-Schloz-Automobile in Schorndorf die Fragen nach der Verfügbarkeit unbeantwortet lässt, ist das Autohaus Lorinser in Waiblingen weniger verschlossen. Verkaufsleiter Julian Koerver stellt fest: „Bei Mercedes-Benz wurden nahezu alle Fahrzeuge bereits nach Euro 6 d Temp zertifiziert.“ Diese Modelle seien bestellbar und würden ausgeliefert. „In der Ausstellung haben wir bereits viele nach Euro 6 d Temp zertifizierte Fahrzeuge stehen.“ Alle kommenden Fahrzeuge seien zertifiziert. Nach dem Gesetzgeber müssen ab dem 1. September 2019 alle neu zugelassenen Pkw die Abgasnorm Euro 6 d Temp erfüllen. Neuwagen mit Euro 6 b dürfen seit dem 1. September vergangenen Jahres nicht mehr zugelassen werden.

Bei der Nachrüstung ist noch vieles unklar

Das Thema Nachrüstung von Dieselfahrzeugen mit älterer Euro-Norm bereitet den Händlern dagegen Kopfzerbrechen. Opel-Autohausgeschäftsführer Stein sagt: „Herstellerübergreifend ist das ein sehr komplexes Thema. Wir wünschen uns die Möglichkeit einer Nachrüstung alle sehr. Sie gibt es aber nicht. Und sie wird es vorläufig nicht geben“, ist er überzeugt.

Bisher gebe es nur Prototypen für eine Handvoll Fahrzeugmodelle. „Es gibt keinerlei Langzeittests. Die Prototypen wurden nicht von den Herstellern, sondern von Drittanbietern entwickelt.“

Problematisch seien insbesondere Gewährleistungsfragen. Um es zu verdeutlichen, formuliert er die Frage nach der Haftung so: „Wer wäre bei einem Motorschaden zum Beispiel nach neun Monaten nach Einbau einer Nachrüstlösung haftbar?“ Die Darstellung, die Hersteller drückten sich vor dieser Aufgabe, nennt er „wirklich Quatsch“. Die Entwicklung, die notwendigen Tests und die Validierung benötigen nach seinem Wissen mindestens 18 bis 24 Monate.

Diesel für Vielfahrer weiterhin erste Wahl

Im Mercedes-Autohaus Schloz fällt die Auskunft darüber knapp aus: „Sobald es Nachrüstmöglichkeiten gibt, werden die Kunden entsprechend informiert“, so Koerver. Der Verkaufsleiter ist sich sicher, dass der Diesel weiter gefragt sein wird. Für Vielfahrer sei der Diesel immer noch „meistens die erste Wahl“.

Geschäftsführer Stein sieht es für Opel ähnlich: „Grundsätzlich hängt die Wahl des Antriebs sehr vom persönlichen Nutzungsverhalten ab. Für Vielfahrer sind die modernen Diesel – auch ökonomisch – noch immer die richtige Wahl“, sagt er.

Für Fahrleistungen unter 20 000 Jahreskilometern kommen nach Einschätzung von Stein eher Benziner infrage – für die Mobilität in urbanen Bereichen dagegen rät er eher zu Hybridantrieb oder einem Elektroauto. „Sofern der Kunde eine Lademöglichkeit schaffen kann.“

Print Friendly, PDF & Email