Archiv der Kategorie: Hindergrund

Hindergrund Texte von Uwe Roth

Forscher der Uni Tübingen über die Kosten des Brexit

Magazin attempto! der Universität Tübingen, Uwe Roth, Januar 2019

Der EU-Ausstieg kommt Großbritannien teuer zu stehen: In diesem Punkt sind sich Wissenschaftler verschiedener Disziplinen einig – obwohl sich sonst noch wenig Konkretes über die Folgen sagen lässt. Auch Tübinger Wirtschaftswissenschaftler und Juristen forschen zu denkbaren Zukunftsszenarien.

Brexit-­Befürwortern wird das nicht gefallen: Der Austritt aus der Europäischen Union fügt der britischen Volkswirtschaft bereits jetzt Schäden in Höhe von etwa 350 Millionen Pfund (392 Millionen Euro) zu – und zwar wöchentlich, seit dem Referendum im Juni 2016. So rechnet Gernot Müller vor, Professor für International Macroeconomics and Finance an der Universität Tübingen. Zusammen mit Kollegen anderer Hochschulen hat er ein komplexes Modell zur Berechnung der Ausstiegs­Kosten entwickelt.

Ökonomen schauen nicht in die politische Glaskugel

Und dabei kommt der endgültige Brexit erst im März 2019, die Vereinbarungen zwischen der Europäischen Kommission und der britischen Regierung treten unter Umständen sogar viel später in Kraft. Oder auch nicht. Harter Brexit, weicher Brexit, ein irgendwie gestalteter Brexit – in die (politische) Glaskugel schauten die Ökonomen nicht, versichert Müller. Das Modell funktioniere auch ohne die sich oft täglich widersprechenden Nachrichten über die Austritts-­Verhandlungen.

Eine weitere Größe in den Berechnungen ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Volkswirtschaftler errechneten mit ihrem Modell Stand Oktober 2018 einen Rückgang des BIP von 2 Prozent für Großbritannien. Vorteil der Formel ist, dass man sie jederzeit mit neuen Daten aktualisieren kann: Vor einem Jahr, im November 2017, lagen die Ergebnisse noch bei 300 Millionen Pfund die Woche und einem BIP­Verlust von 1,3 Prozent. „Aktuelle OECD­Daten machen das Update möglich“, sagt Müller.

In der Vorausschau könnte das Minus Ende 2020 sogar bei 3,4 Prozent liegen. Anhand der verwendeten Algorithmen lässt sich ebenso ablesen, dass es der britischen Volkswirtschaft ohne Brexit besser ergangen wäre. Über die Zeitung „The Guardian“ wurden die Forschungsergebnisse auch schon im Vereinigten Königreich bekannt.

Ökonomische Auswirkungen sind sicher

An der Universität Tübingen werden nicht nur im Fachbereich Wirtschaftswissenschaft in der Nauklerstraße Forschungen zu möglichen Auswirkungen des Brexit betrieben. Die Juristen am Geschwister­Scholl­Platz werten Verfassungen, Gesetze und Verträge auf den Brexit­Vorgang hin aus. Insgesamt arbeiten die Tübinger Wissenschaftler deutschland­ und europaweit mit Forschungseinrichtungen zusammen, so dass ein – wenn auch inoffizielles – Netzwerk entstanden ist. Um einen Überblick der Forschungsstände in den unterschiedlichen Disziplinen zu erhalten, hatte die Wirtschafts­ und Sozialwissenschaftliche Fakultät im Oktober 2018 eigens zu einer Brexit­-Konferenz eingeladen.

„Die Haushalte der UK bezahlen bereits einen Preis dafür, dass sie die EU verlassen wollen“

Thomas Sampson, London School of Economics and Political Science

Der Betriebswirtschaftler Professor Dominik Papies organisierte mit Kollegen die Veranstaltung, an der neben Tübinger Wissenschaftlern Experten aus Deutschland, Irland und der Schweiz teilnahmen. Thomas Sampson von der London School of Economics and Political Science hatte eine Menge Charts und komplizierte Gleichungen zur Tagung mitgebracht und zog Bilanz: „Die Haushalte der UK bezahlen bereits einen Preis dafür, dass sie die EU verlassen wollen.“

Die Referenten, die hier den Stand ihrer Forschungen zusammentrugen, hatten sich mit Auswirkungen des Brexit auf das BIP, das Börsengeschehen, den Austausch von Waren und Dienstleistungen, das Kreditwesen sowie auf die Inflation beschäftigt. „Am Ende der Konferenz blieb die Erkenntnis, dass allein mit dem Austritts-­Beschluss bereits ein Schaden angerichtet wurde“, fasst Papies zusammen. Allerdings ließen es Was-­wäre­wenn-Modelle oft nicht zu, die Schäden zu konkretisieren.

Wohlfahrtsverluste erwartet

Professor Wilhelm Kohler, Leiter des Tübinger Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung, rechnet beispielsweise mit einem zu erwartenden Wohlfahrtsverlust von 1,3 Prozent. Das müsse nicht unmittelbar ein Verlust an Arbeitsplätzen bedeuten – die gute Konjunktur könne Schäden begrenzen, sind er und Kollege Müller sich einig. Eventuell entstünden kurzfristig sogar Arbeitsplätze. Unbestritten sei, dass der Handel mit dem dann Drittstaat Großbritannien insgesamt teurer werde, zum Nachteil aller Volkswirtschaften. „Die Bürger werden die ökonomischen Auswirkungen in jedem Fall zu spüren bekommen – darin stimmen unsere Forschungsergebnisse überein.“

„EU muss die Briten ziehen lassen“

Während Ökonomen im Wesentlichen Zahlen sprechen lassen und daran „vernünftige Lösungen“ ausrichten, halten sich Juristen an Konsequenzen, die sich aus rechtlichen Vorgaben ergeben. Ökonom Kohler plädiert für flexible Lösungen. „Leider verfolgt die Europäische Kommission eine Verhandlungsstrategie, die den Schaden dieses Unfalls unnötig erhöht.“ Die Strategie basiere auf der „falschen Prämisse“, der Binnenmarkt sei unteilbar. Sie sei in Brüssel – fast einem Dogma gleich – zur Leitidee der Verhandlungen geworden.

Bislang gilt der Grundsatz: Die vier Binnenmarktfreiheiten (Dienstleistungs­ und Warenverkehr, Finanzmärkte und Niederlassungsfreiheit) sind fest aneinander gekoppelt. Die Briten hingegen würden zwar gerne den freien Marktzugang behalten, das Aufenthaltsrecht für andere Unionsbürger dagegen stark einschränken. Eine Teilung der vier Freiheiten hält der Ökonom für die bessere Variante, um den ökonomischen Schaden so gering wie möglich zu halten.

„Großbritannien muss sich entscheiden, ob es ganz drin oder ganz draußen sein will.“

Professor Jens­-Hinrich Binder

Professor Jens­-Hinrich Binder von der juristischen Fakultät widerspricht seinem Kollegen: „Ich kann nicht unterschreiben, dass die Kommission schlecht verhandelt.“ Die Kritik daran sei unberechtigt, sagt der Experte für Handels­ und Wirtschaftsrecht, der sich mit den Auswirkungen des Brexit auf die Finanzmärkte beschäftigt. Man müsse sich von der Vorstellung verabschieden, es könne die Quadratur des Kreises gelingen, mit einer Win­win­-Situation am Ende. „Großbritannien muss sich entscheiden, ob es ganz drin oder ganz draußen sein will.“ Sein Fakultätskollege Martin Nettesheim sieht es ähnlich. Eine Rosinenpickerei, wie es die Briten beabsichtigten, hält der Jurist für „weder juristisch noch ökonomisch sinnvoll“.

Nettesheim beschäftigt sich mit der Frage, ob es rechtlich überhaupt möglich ist, den Briten ihre Unionsbürgerschaft, immerhin ein europarechtlicher Titel, zu entziehen. Unionsbürger haben ein mehr oder weniger uneingeschränktes Aufenthaltsrecht in der EU. Sie können an Förderprogrammen teilnehmen oder sich an jede Botschaft eines EU­Landes wenden und um Unterstützung bitten. Er sei, wie er im Ergebnis sagt, zu „der schmerzlichen Erkenntnis gelangt“, dass die EU­-Verträge einen Entzug zuließen. „Wenn jemand geht, muss man ihn ziehen lassen.“

Europarechtlich lässt sich der Brexit nicht verhindern

Europarechtlich, so seine Erkenntnis, lasse sich der Brexit über diesen Hebel nicht verhindern. Auch die Hoffnung auf ein zweites Referendum mit gegenteiligem Ausgang bleibt in den Szenarien der Brexit-­Forscher außen vor. „Im Herzen vielleicht“, räumt Binder ein. Am deutlichsten habe der irische Kollege Ronald Davies von der University College Dublin dieser Hoffnung Ausdruck gegeben. Irland, das sei fraglos so, werde massiv mit den Folgen zu kämpfen haben. Wohin die Ausstiegspläne der Briten führen, bleibt spannend – die Tübinger Wissenschaftler werden ihre Berechnungen wohl noch so manches Mal anpassen.

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Landkreis Ludwigsburg investiert in Burg Lichtenberg

Bietigheimer Zeitung, Uwe Roth, 29.01.2019

Er wolle gewiss nicht Burgherr werden, hat der Landrat dem Tagesordnungspunkt vorsorglich vorausgeschickt. In seinem letzten Amtsjahr könnte Rainer Haas aber zumindest noch ein Burgvogt, also Verwalter, werden. In der jüngsten Kreistagssitzung ist heftig darüber debattiert worden, ob sich der Landkreis mit 300 000 Euro an einer Stiftung beteiligen soll, die die Burg Lichtenberg vor einem Privatverkauf retten könnte. Nach einem längeren Hin und Her stimmten am Freitag 56 Kreistagsmitglieder für eine Beteiligung, 24 waren dagegen und neun enthielten sich.

Die Mittelalterburg liegt auf der Gemarkung Oberstenfeld. Der dortige Gemeinderat hatte einen Tag zuvor ebenfalls mit sich gerungen, aber dann doch die Bereitschaft erklärt, trotz enger Finanzlage der Kommune, 175 000 Euro in die Stiftung einzubringen. Die Gemeinde erhofft sich mehr Tagesgäste, wenn die Burg einen Pächter bekommt, der die Räumlichkeiten die ganze Woche zugänglich macht und nicht nur an den Wochenenden oder bei Abwesenheit des Burgherren. Dritter im Stiftungsbund wird die Kreissparkasse (KSK) mit zwei Millionen Euro aus ihrem Fonds Kunst, Kultur und Bildung. Die drei Kastellane (Burgaufseher) in dem zu bildenden Stiftungsrat werden der Landrat, der Bürgermeister und ein KSK-Vorstand.

„Sie ist die am besten erhaltene Stauferburg nördlich der Alpen.“

Landrat Rainer haas

Ein Burgführer hätte die historische Bedeutung des 800 Jahre alten Stiftungsgegenstands nicht besser veranschaulichen können: „Die Burg Lichtenberg ist etwas ganz Besonderes“, schwärmte der Landrat seinen Kreistagsmitgliedern vor. „Sie ist die am besten erhaltene Stauferburg nördlich der Alpen.“ Haas bettete seine Begründung in beachtliches Geschichtswissen ein, garniert mit lateinischen Zitaten. Graf Eberhard im Bart, somit niemand geringerer als der Stammvater Württembergs, habe 1483 die Burg als Lehen an die Familie von und zu Weiler übergeben. Dietrich von Weiler war damals Landhofmeister. Unter anderem kam es unter seiner Federführung zur Gründung der Universität Tübingen.

Seine Nachfahren wohnen 500 Jahre später immer noch in der Burg. Baron Dietrich Burkhardt von und zu Weiler ist inzwischen 87 Jahre alt. Burgherr zu sein, wird für ihn altersbedingt zu einer wachsenden Belastung. Um den Unterhalt zu finanzieren, können der Rittersaal, die Burgkappelle, eine Galerie und der Burghof von Firmen und Privatpersonen angemietet werden. Auf der Internetseite wird ein Rundumservice versprochen („Sie feiern – Wir kümmern uns um den Rest“). Seine Kinder wollten die Aufgabe zu seinem Bedauern nicht übernehmen, so von und zu Weiler. An eine Privatperson wolle er ungern verkaufen, erst recht nicht an einen russischen Oligarchen. So schilderte der Landrat dem Kreistag die Vorgeschichte zum Tagesordnungspunkt. Haas unterlief dabei aber ein taktischer Fehler. Er berichtete, dass er mit dem Burgherrn schon seit sechs Jahren immer mal wieder darüber gesprochen habe, wie es mit dem Anwesen weitergehen solle.

Kritik an später Information

Prompt erwiderte CDU-Kreisrat Klaus Herrmann, dass über diesen langen Zeitraum „der eine oder andere Hinweis vom Landrat nett gewesen wäre“. So aber sei der Kreistag vom Vorschlag einigermaßen überrascht worden. Ohne die Burg in Augenschein genommen zu haben, könne er nicht beurteilen, in welchem Zustand diese sei und ob zu einem späteren Zustand nicht weitere Finanzspritzen notwendig würden. So eindrucksvoll die Burg auch sei – „im Landkreis gibt es noch andere Juwelen.“

Ähnlich argumentierte die SPD: Jürgen Kessing sprach angesichts einer fehlenden Vorberatung, magerer Datenlage sowie der Erwartung, dass der Kreistag dennoch zustimme, von einem „sportlichen Akt, den man vom Gremium erwartet“. Eigentlich sei das Land gefordert. Er fürchte „ein Fass ohne Boden“. Um ihn und weitere Kreisräte zu beruhigen, nahm der Landrat Formulierungen in die Beschlussvorlage auf. Die sollen sicherstellen, dass über die 300 000 Euro hinaus der Landkreis keine finanzielle Verantwortung übernimmt.

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Ioannis Sakkaros: „Die Grünen tragen Schuld an der Misere“

Südwest Presse, Uwe Roth, 29.01.2019

Ioannis Sakkaros wollte vor drei Wochen am Neckartor im Kreis von 250 Gleichgesinnten seinen persönlichen Frust über das Dieselfahrverbot in Stuttgart rauslassen. „Ich hatte und habe keine politischen Motive, sondern bin selbst vom Fahrverbot betroffen“, versichert der 26-Jährige am Samstag wenige Stunden vor seiner dritten Protestaktion. Bei der zweiten waren 700 gekommen.

Inzwischen ist Sakkaros ein Ereignis der Medien. Er wird als Ikone einer neuen Bewegung betrachtet und weiß nicht so recht, was er davon halten soll. „Mein Privatleben ist völlig zur Seite geschoben“, stöhnt er. Er gibt aber schon routiniert und sehr freundlich Interviews. Der junge Mann ist in seinem Element. Es mache ihm Spaß, Dinge zu organisieren, versucht er zu erklären, was ihn antreibt. Freunde schätzen an ihm, dass er die Clique beieinander halte. Ein positives Feedback sporne ihn an, beim nächsten Mal noch besser zu werden.

Neue Reibungsfläche für Wutbürger: Fahrverbote für Diesel

Die neue Clique: Am Samstag schwärmen 1200 Menschen auf den Wilhelmsplatz. Die wenigsten dürften Fahrer älterer Diesel sein. Unzufriedene Bürger haben offenbar eine neue Plattform gefunden. Nach Kritik an Stuttgart 21, an Euro und Flüchtlingen haben sie das Fahrverbot als Reibungsfläche entdeckt. Ihre Verachtung richtet sich nach wie vor auf die jeweilige Regierung und den dahinter stehenden Parteien.

Sakkaros arbeitet bei Porsche in Zuffenhausen und ist IG-Metall-Mitglied. Mit Politik will er nichts zu tun haben, beteuert er. Trotzdem ist es für ihn erwiesen, dass die Grünen sämtliche Schuld an der Misere mit den Fahrverboten tragen. Begründen kann er das allerdings nicht. „Man hätte um Stuttgart längst eine Straße legen können, um so die Durchgangsstraße zu entlasten“, argumentiert er. Dass andere Parteien zu ihrer Zeit ebenso hätten handeln können, lässt er nicht gelten. „Die Grünen sind sieben Jahre an der Regierung, ohne dass etwas passiert ist.“ Von seinem Feindbild lässt Sakkaros nicht ab.

Gelbe Warnweste: „Schnauze voll!“

Der Stuttgarter macht Politik, ohne es wahrhaben zu wollen. Er spricht von „Enteignung der Dieselfahrer“, Politiker, die zu blöd seien, richtige Standorte für Messstationen zu finden, und ist empört, dass sich Mitglieder der AfD und der rechten Arbeitnehmerbewegung „Verein Zentrum Automobil“ für ihn interessieren. Der Mechatroniker betrachtet sich und seine Sympathisanten als „unparteiische Bürgerbewegung“. Am Samstag lässt er es sich auch nicht nehmen, eine gelbe Warnweste mit der Aufschrift „Schnauze voll!“ überzuziehen – wie zahlreiche andere Demonstranten.

Bewusst erinnern sie an die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich. Dass es in Paris zu Auseinandersetzung gekommen ist, „dies ist nicht mein Problem“, wehrt er ab. „Gewalt ist nicht in meinem Interesse.“ Doch für ihn ist klar, dass „das Versagen der Politik“ den Frust der Bürger habe so groß werden lassen, dass „sie austicken“. Sakkaros wird mit seinem „Projekt“ auch weitermachen.

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Foto: Uwe Roth

CMT: Radtourismus ist der Renner

Bietigheimer Zeitung, Uwe Roth, 14.01.2019

Tagesausflügler und Radreisende lassen den Tourismus im Landkreis Ludwigsburg wachsen. Auf der Urlaubsmesse CMT, die am Samstag in der Landesmesse am Stuttgarter Flughafen begonnen hat, werben die Kommunen kräftig um solche Kurzzeitgäste. In der Gastronomie und Hotellerie gehören eine Lademöglichkeit fürs Pedelec inzwischen zu einem selbstverständlichen Service wie freies W-Lan.

Für den Tagestourismus ist ein Anschluss an einen regionalen Radwanderweg von ebenso großer Bedeutung geworden wie eine Haltestelle im Verkehrsverbund Stuttgart (VVS). Ins 3B-Land kommen Gäste zudem über den Karlsruher Verkehrsverbund (KVV). Erneut haben die 3B-Kommunen Bietigheim-Bissingen, Bönnigheim und Besigheim in der Baden-Württemberg-Halle 6 einen Gemeinschaftsstand zusammen mit dem Kraichgau-Stromberg Tourismus und der Stadt Bruchsal. Eigentlich müsste es jetzt 3B-und-F-Land heißen: Freudental hat sich zum Jahresbeginn der Tourismus-Kooperation angeschlossen.

Das 3B-Tourismus-Team wird von Eric Reiter geleitet. Er ist am Eröffnungstag ebenfalls am Stand und stellt fest, dass vermehrt Tagestouristen aus ganz Baden-Württemberg das Gebiet an Enz und Neckar ansteuern. Die kommen immer öfter auf zwei Rädern statt mit dem Auto. „Radfahren ist wahnsinnig angesagt“, sagt der Tourismuschef. Besigheim profitiere wegen der Kreuzung zweier Landesradfernwege sowie seiner exponierten Lage besonders. Abseits der Flusstäler nimmt der Radtourismus ebenfalls zu. Der Elektroantrieb bringt ältere Radfahrer in höhere Lagen, die sie zuvor mit einem konventionellen Rad oder zu Fuß nie erreicht hätten. So profitieren nach seiner Beobachtung Freudental und Bönnigheim ebenfalls vom Boom der Tagesausflügler.

1000 Schnäpsle am Tag

In Bönnigheim können sie zum Beispiel das Schnapsmuseum besuchen. Was es dort zu probieren gibt, zeigt Museumsleiter Kurt Sartorius am Samstag: Acht verschiedene Schnäpse und Liköre hat er zum Stand gebracht. Etwa 1000 Proben, so schätzt er, gehen über den Tag weg. Der Renner sei ein Pflaumen-Sahne-Likör, der allein wegen seiner knallpinken Farbe die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Dass Erlebnisangebote Touristen anziehen, weiß man auch in der Stadt Vaihingen. Dort sind Stocherkahnfahrten „der absolute Renner“, wie Isolde Dürr vom Kultur- und Touristikbüro sagt. Solche Touren auf der Enz bringen ganze Gruppen in die Stadt – sehr zur Freude der Gastronomie. Die Tourismusmanagerin hat zum ersten CMT-Tag die Bonbonfabrik Jung „mitgebracht“. Dass es ein Bonbonmuseum gibt, macht die Stadt für Familien attraktiv, deren Kinder kein so großes Interesse an der Erkundung der historischen Altstadt haben.

Da hat es der Erlebnispark Tripsdrill einfacher. Er ist traditionell ebenfalls mit einem kleinen Stand auf der Messe vertreten. Wenn der Park am 6. April Saisoneröffnung hat, wird es einen neuen Erlebnisspielplatz geben. „Er wird eine Größe von 1400 Quadratmetern haben und ein Angebot auch für kleinere Kinder sein“, sagt Alexander Portmann vom Marketing. Auf der CMT zieht ein Glücksrad die Besucher an. So muss sich Tripsdrill neben dem großen Baden-Württemberg-Freizeitpark Rust nicht verstecken.

Die Stadt Ludwigsburg hat es etwas schwerer, Messebesucher auf ihren Stand aufmerksam zu machen. Blickfang ist erwartungsgemäß das Barockschloss. Doch das wird schon kräftig und großflächig am Stand der Schlösser und Gärten beworben. Sabine Lein und ihre Kollegin Tabea Müller vom Stadtmarketing werben besonders für die Stadtführungen. Neu ist die Stadtführerin Fräulein Henriette, die viel über die Geschichte der Bärenwiese zu erzählen hat. Neu ist ebenfalls eine kombinierte Führung durchs Schloss und durch die Innenstadt. Die B27 ist das größte Hindernis zwischen den beiden Barockattraktionen. Ein solches Angebot könnte helfen, die Gäste nach einem Besuch des Blühenden Barocks auf den Marktplatz zu locken. Ein neues Tourismuskonzept, das die Blicke der Tagestouristen verstärkt auf die Innenstadt lenken möchte, will die Stadt Ende des Monats vorstellen.

Die Urlaubsmesse CMT findet in diesem Jahr vom 12. bis 20. Januar auf dem Stuttgarter Messegelände statt und ist für die Besucher wochentags von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende von 9 bis 18 Uhr, geöffnet.

In den kommenden Tagen werden noch weitere Repräsentanten am 3B-Stand anzutreffen sein. Die Weingärtnergenossenschaft Stromberg-Zabergäu wird am 17. und 18. Januar vor Ort sein, die Felsengartenkellerei Besigheim am 19. und 20., das Bietigheim-Bissinger Weingut Stephan Muck am 14. sowie die Weinkellerei Kölle aus Bönnigheim am 15. und 16. Januar.

Die Stadt Sachsenheim wir sich am Sonntag, 20. Januar, in der Halle 6 (Oskar-Lapp-Halle) am Stand 6F36 des Kraichgau Stromberg Tourismus (KST) präsentieren. Die Stadt wird in diesem Jahr repräsentiert durch die Weinbaubetriebe Keller aus Hohenhaslach und Vollmer aus Spielberg. bz/uro

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Esslinger Zwiebelfest ist Geschichte

Südwest Presse, Uwe Roth, 14.01.2019

Das zuletzt von sieben Gastronomen organisierte Esslinger Zwiebelfest ist Vergangenheit. 32 Jahre haben Wirte den Marktplatz im August für zehn Tage in eine florierende Freiluftgastronomie verwandelt. Von 2021 an wird die Stadt versuchen, in Eigenregie eine ähnliche Veranstaltung auszurichten. Der Name Zwiebelfest und die von den Wirten dafür gegründete GmbH werden allerdings Geschichte sein.

Mit neuem Namen und Konzept möchte die Esslinger Stadtmarketing und Tourismusgesellschaft (EST) ein Kapitel schließen, das nicht nur von Kulinarik und sommerlicher Feierlaune geprägt war. Bei Wirten, die nicht zum exklusiven Kreis der Zwiebelfest-Organisatoren gehörten, sich aber gerne beteiligt hätten, sei der Unmut stetig gewachsen, berichtet EST-Chef Michael Metzler. Denn dort kochen und Getränke ausschenken zu dürfen, war nicht bloß eine zusätzliche Einnahmequelle für Wirte. Bei bis zu 100 000 Besuchern aus der Stadt und der Region sowie einer breiten Berichterstattung war das Zwiebelfest zudem eine Werbeplattform fürs eigene Restaurant.

Mit der Exklusivität soll es vorbei sein. Künftig wird nicht mehr die Zwiebelfest GmbH bestimmen, wer sich an der Veranstaltung beteiligen darf. „Die Stadt wird die Flächen für die Lauben 2020 erstmals öffentlich ausschreiben“, kündigt Metzler an. Es werde ein ähnliches Verfahren wie beim Weihnachtsmarkt geben. Die Bewerber um einen Standplatz müssten Kriterien erfüllen. Ein neutrales Punktesystem und nicht gute Beziehungen zum Veranstalter sollen die Grundlage der Bewertung interessierter Wirte sein.

Mehr Wettbewerb unter den Gastronomen

Metzler erläutert: „In den vergangenen Jahren haben sich bei der Stadt Wirte gemeldet, die zeitgleich zum Zwiebelfest auf dem Marktplatz ebenfalls einen Stand aufstellen wollten.“ Rechtlich könne die Stadt wenig gegen solche Anträge einwenden. Der Marktplatz sei ein öffentlicher Raum, auf den niemand ein ausschließliches Zugriffsrecht habe, betont der EST-Chef. Die Neuorganisation hat für ihn daher in erster Linie wettbewerbsrechtliche Gründe. Die bisherigen Wirte könnten sich bewerben.

Davon ist bei Frank Jehle derzeit nicht auszugehen. Er ist Wirt des Restaurants Palmscher Bau in der Altstadt und der Geschäftsführer der Esslinger Zwiebelfest GmbH. Obwohl sich das Ende bereits seit Oktober abzeichnet, als der Gemeinderat mit großer Mehrheit und über Fraktionsgrenzen hinweg eine Neuausrichtung beschlossen hat, ist der Ärger darüber bei ihm immer noch frisch. „Die Stadt hat die GmbH kaputt gemacht“, behauptet er.

„Wir fühlen uns von der Stadt falsch behandelt“

Frank Jehle

Die EST benötigt zwei Jahre zur Vorbereitung der Nachfolgeveranstaltung. 2019 und 2020 hätten die Organisatoren wie bisher weitermachen können. Jehle und sein Mitstreiter Gerd Trautwein, dessen Vater das Zwiebelfest einst mit geschaffen hat, lehnten empört ab. Sie seien keine Lückenbüßer. Für die Gastronomen ist das Zwiebelfest nicht nur gestorben. „Es ist schon beerdigt“, bekräftigt Jehle. Aus seiner Sicht haben Stadt und Gemeinderat ein gut funktionierendes Veranstaltungskonzept unter die Erde gebracht, die Esslingen einiges Prestige eingebracht habe.

Zudem seien dem städtischen Haushalt keine Kosten entstanden. „Wir fühlen uns von der Stadt falsch behandelt“, fasst er die Stimmung zusammen. Den Konflikt mit Wirten, die sich benachteiligt fühlen, wehrt er ab: „Neider hat es immer gegeben.“

Kritik an den hohen Preisen für die Speisen

Das Aus für das Fest hat in sozialen Medien einige Reaktion freigesetzt. Doch die Kommentare waren größtenteils nicht so, wie es sich Jehle und seine Kollegen gewünscht hätten. „Also mal ehrlich. Bis auf ein paar geschmelzte Maultaschen konnte ich meinem Kind gar nichts anbieten. Zu teuer und zu wenig günstige Angebote“, schreibt jemand auf Facebook. Eine Besucherin postet: „Den Wirten ging es doch nicht um das Fest im eigentlichen Sinne. Einzige Intension eine 0-8-15-Küche zu horrenden Preisen.“

Ein Zwiebelfest-Wirt möchte in der Übergangszeit allein weitermachen. Der Wirt des Roten Hirsch in der Alten Zimmerei, Christian List, hat im Dezember im Rathaus einen Antrag eingereicht, bestätigt Metzler. List sei überzeugt, ausreichend Gastronomen gewinnen zu können, die ebenfalls mitmachen. Aus formalen Gründen könne eine Entscheidung erst Ende März bekanntgegeben werden.

Infokasten
Eine Sage aus dem Mittelalter 

Der Name Zwiebelfest beruht auf einer Sage, nach der im Mittelalter eine Esslinger Marktfrau den Teufel aus der Stadt vertrieben hat. Er hatte nach einem Apfel verlangt. Die Marktfrau erkannte ihn am Pferdefuß trotz seiner Verkleidung. Sie gab ihm anstatt des Apfels eine Zwiebel.

Der Teufel biss in die Knolle und schrie: „Das sollen eure Äpfel sein? Spott über euch Esslinger! Zwiebel sind es, scharfe Zwiebel. Deshalb sollt ihr künftig nicht mehr Esslinger heißen, sondern Zwiebeln.“ So kamen die Bewohner zu ihrem Necknamen „Zwiebeln“ oder „Zwieblinger“. uro

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Fahrverbote für Diesel – Ungewissheit bei Händlern

Zeitungsverlag Waiblingen, Uwe Roth, 12.01.2019

Waiblingen. Wer sich einen neuen Diesel anschaffen möchte, muss sich an der aktuellen Abgasnorm Euro 6 d Temp orientieren: Nur damit ist er vor Fahrverboten einigermaßen dauerhaft sicher. Seit Januar gelten im Stuttgarter Stadtgebiet Verbote für Dieselmotoren der Schadstoffklassen 1 bis 4, Klasse 5 soll im nächsten Jahr folgen. Autohändler im Kreis sprechen ungern über die Lage.

Die Verfügbarkeit moderner Dieselfahrzeuge ist bei den Autohändlern im Landkreis ein heißes Eisen. Nur wenige angefragte Händler wollen Auskunft geben, ob Modelle mit der neuesten Abgasnorm Euro 6 d Temp derzeit überhaupt lieferbar sind und was sie von der Möglichkeit zur Nachrüstung der nicht mehr so aktuellen Dieselmotoren halten.

Die Hahn-Gruppe mit Sitz in Fellbach ist der größte VW-Händler in der Region. Wie es um den aktuellen Dieselfahrzeug-Bestand in den Ausstellungsräumen steht, war nicht zu erfahren.

„Kaufen! Das ist die richtige und zukunftssichere Botschaft“

Marcus Stein, Geschäftsführer Opel staiger

Weniger zögerlich zeigen sich Opel-Häuser. Geschäftsführer Marcus Stein vom Stuttgarter Autohaus Staiger Opel sieht sich in einer komfortablen Situation: „Opel hat sehr früh und sehr gründlich die Hausaufgaben erfüllt“, sagt er. Seine Kundenberater in der Waiblinger Filiale geben Neuwagen-Interessenten jedenfalls eine klare Botschaft: „Kaufen! Das ist die richtige und zukunftssichere Botschaft“, lautet die Anweisung des Geschäftsführers.

84 verschiedene Modelle quer durch die gesamte Opel-Palette seien derzeit verfügbar, so die Information an die Kunden. Bereits im Mai haben nach seinen Angaben 54 Opel-Modelle die Norm erfüllt. Als Beispiele zählt Stein auf: Karl, Adam, Corsa, Astra, Insognia, Cascada, Mokka X, Crossland X, Grandland X und den Combo.

In der Ausstellung stehen schon Fahrzeuge mit neuer Norm

Auch Mercedes-Händler wollen mögliche Käufer nicht enttäuscht nach Hause schicken. Während das Handelsunternehmen Burger-Schloz-Automobile in Schorndorf die Fragen nach der Verfügbarkeit unbeantwortet lässt, ist das Autohaus Lorinser in Waiblingen weniger verschlossen. Verkaufsleiter Julian Koerver stellt fest: „Bei Mercedes-Benz wurden nahezu alle Fahrzeuge bereits nach Euro 6 d Temp zertifiziert.“ Diese Modelle seien bestellbar und würden ausgeliefert. „In der Ausstellung haben wir bereits viele nach Euro 6 d Temp zertifizierte Fahrzeuge stehen.“ Alle kommenden Fahrzeuge seien zertifiziert. Nach dem Gesetzgeber müssen ab dem 1. September 2019 alle neu zugelassenen Pkw die Abgasnorm Euro 6 d Temp erfüllen. Neuwagen mit Euro 6 b dürfen seit dem 1. September vergangenen Jahres nicht mehr zugelassen werden.

Bei der Nachrüstung ist noch vieles unklar

Das Thema Nachrüstung von Dieselfahrzeugen mit älterer Euro-Norm bereitet den Händlern dagegen Kopfzerbrechen. Opel-Autohausgeschäftsführer Stein sagt: „Herstellerübergreifend ist das ein sehr komplexes Thema. Wir wünschen uns die Möglichkeit einer Nachrüstung alle sehr. Sie gibt es aber nicht. Und sie wird es vorläufig nicht geben“, ist er überzeugt.

Bisher gebe es nur Prototypen für eine Handvoll Fahrzeugmodelle. „Es gibt keinerlei Langzeittests. Die Prototypen wurden nicht von den Herstellern, sondern von Drittanbietern entwickelt.“

Problematisch seien insbesondere Gewährleistungsfragen. Um es zu verdeutlichen, formuliert er die Frage nach der Haftung so: „Wer wäre bei einem Motorschaden zum Beispiel nach neun Monaten nach Einbau einer Nachrüstlösung haftbar?“ Die Darstellung, die Hersteller drückten sich vor dieser Aufgabe, nennt er „wirklich Quatsch“. Die Entwicklung, die notwendigen Tests und die Validierung benötigen nach seinem Wissen mindestens 18 bis 24 Monate.

Diesel für Vielfahrer weiterhin erste Wahl

Im Mercedes-Autohaus Schloz fällt die Auskunft darüber knapp aus: „Sobald es Nachrüstmöglichkeiten gibt, werden die Kunden entsprechend informiert“, so Koerver. Der Verkaufsleiter ist sich sicher, dass der Diesel weiter gefragt sein wird. Für Vielfahrer sei der Diesel immer noch „meistens die erste Wahl“.

Geschäftsführer Stein sieht es für Opel ähnlich: „Grundsätzlich hängt die Wahl des Antriebs sehr vom persönlichen Nutzungsverhalten ab. Für Vielfahrer sind die modernen Diesel – auch ökonomisch – noch immer die richtige Wahl“, sagt er.

Für Fahrleistungen unter 20 000 Jahreskilometern kommen nach Einschätzung von Stein eher Benziner infrage – für die Mobilität in urbanen Bereichen dagegen rät er eher zu Hybridantrieb oder einem Elektroauto. „Sofern der Kunde eine Lademöglichkeit schaffen kann.“

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Gewalt gegen Rettungskräfte und Feuerwehr begegnen

DEMO, Uwe Roth, 19.12.2018

Mehr Respekt gegenüber Helferinnen und Helfern gefordert. Deeskalationsstrategien können als Schutz hilfreich sein.

Die Gewalt gegen Rettungskräfte scheint zuzunehmen. Über spektakuläre Fälle wird breit in den Medien berichtet. Betrunkene pöbeln Sanitäter massiv an. Unfallgaffer setzen sich aggressiv und mit Beschimpfungen zu Wehr, wenn sie von Einsatzkräften zur Seite gedrängt werden, damit diese Hilfe leisten können. Was, so fragen sich Leserinnen und Leser solcher Nachrichten, ist in diese Menschen gefahren? Wie können sie Helfer attackieren, die letztlich Menschenleben retten wollen? Solche Nachrichten scheinen in das Stimmungsbild einer wachsenden Respektlosigkeit in der Öffentlichkeit gegenüber hoheitlichen Einrichtungen zu passen.

Kampagne in Bayern

In München schleuderte im Sommer ein 20-Jähriger eine Whiskyflasche gegen die Scheibe eines Notarzteinsatzfahrzeugs der Berufsfeuerwehr. Diese durchschlug die Scheibe und traf eine Notärztin im Gesicht. Sie erlitt dabei schwere Verletzungen. Ein Rettungssanitäter wurde durch umherfliegende Glassplitter am Auge verletzt. Die Berufsfeuerwehr der bayerischen Landeshauptstadt sieht darin einen ungewöhnlichen Fall, aber noch lange keinen Beweis eines zunehmenden Autoritätsverlusts der Rettungskräfte. Ein Sprecher gibt Auskunft: „Dieser Vorfall ist bislang der spektakulärste gewesen.“ Erst danach habe man überhaupt begonnen, eine Statistik zu führen. Weil dem so sei, „liegt es uns fern, Einschätzungen über Verhaltensmuster und Denkweisen der übergriffigen Personen zu ­äußern“, wehrt Brandoberinspektor Florian ­Hörhammer Fragen nach möglichen Ursachen ab. Da es sich in der Vergangenheit nach seiner Einschätzung um wenige Einzelfälle gehandelt habe, sieht die Münchner Wehr „derzeit keinen Grund, Mitarbeiter in Selbstverteidigungskurse zu schicken“, wie dies von manchen ­Rettungsorganisationen getan werde.

Die Landesgruppe Bayern der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft hat indessen das Thema „Gewalt gegen ­Rettungskräfte“ in der Kampagne ­„Respekt? Ja bitte!“ aufgegriffen. In ­einem Video kommen auch betroffene Helferinnen und Helfer zu Wort. Beim Arbeiter-Samariter-Bund Baden-Württemberg setzt man auf Deeskalationsstrategien, wie die ASB-Landesvorsitzende Sabine Wölfle sagt. Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion stellt fest: „Dies ist nach unserer Auffassung ein deutlich effektiverer Ansatz, als sie in Selbstverteidigung zu schulen.“ Die allermeisten Situationen ließen sich bei entsprechendem Vorgehen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entschärfen.

Arbeiter Samariter Bund: Relativ wenig Vorfälle

Gleichwohl spricht man auch beim ASB nicht von ­einer Zunahme von Konflikten. Denn: „Insgesamt verzeichnen wir relativ wenige Vorfälle.“ Nach der ASB-Landesstatistik ist die Zahl der verbalen Übergriffe von 60 im Jahr 2016 auf 30 im vergangenen Jahr gesunken. Die Zahl der einfachen und schweren Körperverletzungen ist allerdings im gleichen Zeitraum, wenn auch auf niedrigem Niveau, von drei auf neun Fälle angestiegen. 2017 verzeichnete der ASB rund 85.000 Einsätze mit Rettungswagen und Notarztfahrzeugen sowie 93.000 Krankentransporte. Doch Wölfle bekräftigt angesichts dieser Zahlen: „Angriffe auf Rettungskräfte sind absolut inakzeptabel und müssen mit aller Härte bestraft werden.“

Die gleichen Beobachtungen macht Sprecher Udo Bangerter vom Deutschen-Roten-Kreuz-Landesverband in Stuttgart. Er sieht zwar ebenso eine Tendenz hin zu einer wachsenden Ungeduld, Unhöflichkeit sowie Respektlosigkeit, die den Rettungssanitätern bei ihren Einsätzen begegne. Dazu kämen Menschen unter Drogen- und Alkoholeinfluss mit zum Teil aggressivem Verhalten. Dennoch könne er „keinen nennenswerten Zuwachs an körperlicher Gewalt gegenüber Rettungssanitätern erkennen“, wie Bangerter feststellt. In den vergangenen 20 Jahren habe sich die Zahl der Rettungseinsätze verdoppelt. Entsprechnend nähmen die Gewalt- und Beleidigungsvorfälle zu. Doch unterm Strich bewertet er „solche Delikte als insgesamt sehr selten“.

Studie: Hohe Dunkelziffer

Die Kriminalwissenschaftlerin Janina Dressler, die in einer Studie Ende 2014 rund 1.600 Rettungskräfte der Berufsfeuerwehren und zivilen Hilfsorganisationen befragt hat, zeigt allerdings auf, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Ihrer Aussage nach standen zum Beispiel 2014 in Hamburg 30 bis 40 gemeldeten Delikten 1.600 nicht gemeldete gegenüber. In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) waren laut Dressler bundesweit 1.852 Straftaten gemeldet. Wie die Dimension der Vorfälle auch sein mag: Jeder einzelne Angriff auf Rettungskräfte ist einer zu viel.

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Arsenalplatz: Nicht genug Fläche für Parken und ÖPNV

Bietigheimer Zeitung, Uwe Roth, 19.12.2018

Der Arsenalplatz in Ludwigsburg ist ein geschichtsträchtiges Pflaster. Wo vor etwas mehr als 100 Jahren Kanonen standen und Soldaten in Habachtstellung auf dem harten Pflaster auf den Abtransport zu ihrem Kriegseinsatz warteten, parken heute Autos in Reihe und Glied. Die Stadtverwaltung möchte bereits seit fünf Jahren im Rahmen ihrer Pläne zur weiteren Entwicklung der Innenstadt aus dem öffentlichen Parkraum einen Park machen – zumindest eine kleine Grünanlage. Das wäre in der Innenstadt dann der zweite grüne Flecken.

Die Grünen im Gemeinderat finden das erwartungsgemäß gut. Die übrigen Fraktionen können sich einen autofreien Arsenalplatz dagegen nicht vorstellen – zumindest derzeit noch nicht. Deswegen hat Oberbürgermeister Werner Spec seinen ursprünglichen Plan aufgegeben und der bürgerlichen Mehrheit im Gemeinderat einen Kompromiss angeboten: Die Autos sollen in zwei Schritten von der Fläche zwischen der Arsenalstraße und dem Staatsarchiv verschwinden. 40 Prozent der Parkplätze sollen erst einmal erhalten bleiben. Damit könnten dort an manchen Tagen weiterhin Veranstaltungen wie Outdoor-Messen oder das Naturvision Filmfestival stattfinden. „In absehbarer Zeit“, so Baubürgermeister Michael Ilk, soll das Areal aber endgültig und für immer autofrei werden.

Außer den Grünen begrüßt eine Mehrheit im Gemeinderat den Umgestaltungsprozess in zwei Etappen. Wie dieser Prozess vonstattengehen könnte, will die Verwaltung der Phantasie von Stadtplanern überlassen. Im Frühjahr wird laut Ilk ein Gestaltungswettbewerb ausgeschrieben. Bis Jahresende können Planer ihre Ideen beim Rathaus einreichen. Der Baubürgermeister ist nach eigener Aussage selbst gespannt, welche Lösungsvorschläge präsentiert werden. Denn die Planer haben zu berücksichtigen, dass durch die Wilhelm- und Arsenalstraße eine Trasse für den BRT und später für die Niederflurbahn führen soll, die eine Zufahrt für Autos auf den Arsenalplatz unmöglich machen könnte.

„Am besten wäre es, die Arsenalstraße für Autos zu sperren. Viele Autofahrer wollen gar nicht in die Innenstadt, sondern nutzen die Schiller-, Arsenal- und Wilhelmstraße nur als Abkürzung zur B 27. Aber eine Sperrung ist politisch nicht durchsetzbar“, ahnt Ilk. Vor dem Jahr 2021/22 dürfte mit einer Fertigstellung des ersten Planungsabschnitts jedoch nicht zu rechnen sein.

Debatte wie beim Marktplatz

Der Streit um den autofreien Arsenalplatz erinnert an gleiche kontroverse Debatten im Gemeinderat vor 30 Jahren über die Neugestaltung des Marktplatzes. Der war bis 1992 vom Autoblech bedeckt. Der Brunnen in der Mitte stand einsam auf der Zufahrts- und Ausgangsstraße des öffentlichen Parkplatzes. Dass dort an selber Stelle einmal Eltern auf Stühle sitzend und mit einer Eistüte in der Hand ihren Kindern beim Spielen zuschauen können, war damals unvorstellbar. Heute ist der Platz neben dem Schloss die wichtigste Adresse für Touristen. Gegner hatten in den 1980er-Jahren argumentiert, die Parkplätze müssten zum Schutz des Einzelhandels bleiben. Außerdem drohe ansonsten ein Abwandern der Kundschaft ins Breuningerland.

Die Argumente von CDU und Freien Wählern sind bis heute so geblieben. Den Bürgern dürfe das Einkaufen mit dem Auto nicht vermiest werden, sagen sie. Ihr erster Kompromissvorschlag war, die Parkflächen unter die Erde zu verlegen. Dann könnte darüber eine Grünfläche wachsen. Finanziell und organisatorisch sei dies schwer umsetzbar, hielt die Verwaltung dagegen. Gleichzeitig präsentierte sie Bauwünsche der Kreissparkasse. Die wird in der Nachbarschaft ihren Stammsitz erweitern und unter anderem eine dreigeschossige Tiefgarage bauen. Ein Teil soll öffentlich zugänglich sein. Mit diesem Angebot würden auf dem Arsenalplatz wegfallende Parkplätze kompensiert, sagt Ilk.

Von einigen Gemeinderäten wird gesagt, sie kämpften um den Erhalt der Parkfläche, um sich letztendlich gegen den BRT und eine Niederflurbahn zu stellen. Denn, wie die Straßen rund um den Arsenalplatz, den Autoverkehr und zusätzlich einen BRT oder eine Niederflurbahn verkraften sollen, ist im Gemeinderat nicht ausdiskutiert. Verkehrsplaner Volker Deutsch vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, der kürzlich in einer Veranstaltung der Stadt einen Vortrag zum BRT hielt, machte deutlich, dass im Straßenraum kein gemeinsamer Platz ist für Verkehr, Parken und ÖPNV-Trassen.

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Wie Rettungskräfte sich behaupten können

DEMO, Uwe Roth, 18.12.2018

In speziellen Kursen lernen Rettungskräfte oder Mitarbeiter öffentlicher Verwaltungen Selbstbehauptungs- und Deeskalationsstrategien.

Selbstbehauptung geht vor Selbstverteidigung. So beschreibt Marc Louia den Aufbau seiner Kurse, die er im schwäbischen Pfullingen (Landkreis Reutlingen) unter anderem Rettungskräften und Mitarbeitern öffentlicher Verwaltungen anbietet. Der 51-Jährige ist Mitglied im Verein „Selbstbewusst & Stark“ des Bundesverbands Gewaltprävention. Seit sich Meldungen häufen, dass Rettungskräfte während ihrer Einsätze körperlich bedroht werden, wächst auch in seiner Schule die Zahl der Anmeldungen aus Rettungsorganisationen.

Gewalt nicht mit Gewalt begegnen

Louia macht deutlich, dass die Lösung nicht darin bestehen könne, in erster Linie die Selbstverteidigungskräfte zu trainieren, also Gewalt mit Gewalt zu begegnen. „Bei uns geht es vor allem um die Selbstbehauptung und Deeskalation, also um alles was passiert, bevor es im schlimmsten Fall zu einem Übergriff kommt“, sagt Louia.

Prävention beginnt bei ihm im Kopf: Wie bereite ich mich auf der Anfahrt vor? Wie trete ich am Einsatzort auf? Wie erkenne ich Gefahren im Vorfeld? Wie gehe ich mit Störern um? Wie sichern wir uns gegenseitig ab? „Uns kommt es vor allem darauf an, dass die Teilnehmer lernen, dass man durch bestimmte Verhaltensweisen gefährliche Situationen oft bereits im Ansatz verhindern kann.“ Grundsatz stimme, betont er nachdrücklich: Eine gute Selbstbehauptung erspart in den meisten Fällen die Selbstverteidigung.

Wichtige Übung: selbstbewusstes Auftreten

Eine wichtige Übung in seinem Kurs ist, ein selbstbewusstes Auftreten am Einsatzort zu trainieren. Er demonstriert, wie man blitzartig in eine Schutzhaltung in Bedrohungslagen kommt. Im Einsatz konzentriert zu arbeiten und gleichzeitig den Eigenschutz nicht zu vernachlässigen, sei ebenso eine Sache des Trainings. Zum Beispiel werde gezeigt, wie man eine Person bestmöglich zum Rettungsfahrzeug bringt oder wie Sanitäter auf bedrohliche Situationen im Fahrzeug während des Transportes reagieren können.

Von Selbstverteidigung spricht der Lehrer, wenn es darauf ankomme, eine gute Schutzhaltung bei Bedrohung einzunehmen und aus dieser sinnvoll zu handeln. Doch auch dabei sei Selbstbehauptung wichtig, weil es immer einen Plan im Kopf geben müsse. „In Konfliktsituationen entscheidet nämlich zu 80 Prozent der Kopf, wer als Sieger oder Verlierer vom Platz geht. Eine gute Technik macht lediglich 20 Prozent aus“, ist seine Erfahrung. Wer sich wirklich verteidigen wolle, der müsse in der Lage sein, seinem Gegenüber klar zu machen, dass er nicht das Opfer sei, für das ihn der Angreifer halte. „Körperliche Fitness ist immer ein Pluspunkt, aber in unserem Konzept nicht entscheidend.“

Mentale Vorbereitung

Eine mentale Vorbereitung, die hilft, Gefahrenlagen rechtzeitig zu erkennen, in Kombination mit einem selbstbewussten Auftreten, sei für die Prävention von großer Wichtigkeit. Körperhaltung, Blick, Stimme, Gestik oder Mimik verrieten dabei viel über die Absichten des Gegenübers. Das körpereigene Gefahrenradar, wie er es nennt, könne geschult werden. Es erfasse, wer sich im eigenen Umfeld bewege und drohende Gefahren. Wichtig sei eine angemessene Kommunikation – beispielsweise mit einem Gegenüber, der offensichtlich unter Einfluss von Rauschmitteln steht. Erst ganz zum Schluss stehe „eine verhältnismäßige Selbstverteidigung“.

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Stadtticket-Erfolg weckt Interesse weiterer Gemeinden

Bietigheimer Zeitung, Uwe Roth, 18.12.2019

Ein günstiges Stadtticket wie in Ludwigsburg könnte den Bürgern in Bietigheim-Bissingen ebenso gefallen. Im Workshop der Stadt zum Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) vor zwei Wochen hätten Teilnehmer den Wunsch nach einer Flatrate fürs Busfahren geäußert, heißt es aus dem Rathaus. Tatsächlich scheint das für einen Tag gültige Stadtticket, das in der Kreisstadt nach langer und zäher Diskussion im August eingeführt worden war, zu einem Erfolg zu werden.

Nach Angaben des VVS ist das Ludwigsburg-Ticket zwischen August und September rund 70 000 Mal verkauft worden. Das sei beachtlich, da diese Ferienmonate gewesen seien und zudem wenig Werbung für den neuen Tarif gemacht worden sei. Im Zeitraum von August bis Oktober hätten die Ludwigsburger Verkehrslinien (LVL) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum einen Fahrgastzuwachs von elf Prozent verzeichnet. Etwa 45 000 zusätzliche Fahrgäste seien seither gezählt worden. Das wird vor allem auf die Preissenkung für Stadtfahrten zurückgeführt.

Zuschuss über 700.000 Euro

Die SPD-Fraktion im Ludwigsburger Gemeinderat, auf deren Initiative die Einführung zurückgeht, hatte ursprünglich ein Ein-Euro-Ticket gefordert. Daraus sind drei Euro geworden. Das Gruppenticket für bis zu fünf Personen kostet jetzt sechs statt wie vor der Einführung 12,30 Euro. Bislang hält es einen Anteil von fünf Prozent am Stadtticket-Verkauf. Die Vermarktung wird über den VVS gesteuert.

Zwar ist das Ticket am Automaten und ebenso über die VVS-App erhältlich, doch fast alle Fahrscheine werden direkt beim Busfahrer gekauft, beobachtet man beim VVS. Da der Verkauf trotz der Fahrgastzuwächse nicht kostendeckend ist, schießt die Stadt im kommenden Jahr laut ihrem Haushaltsplan bis zu 700 000 Euro zu.

Die Gestaltung des Stadttickets hat sich inzwischen zum Ludwigsburger Modell entwickelt, das immer mehr Interessenten findet. VVS-Geschäftsführer Horst Stammler stellt fest: „Es gibt inzwischen viele Städte in der Region, die für ihre Gemarkung einen eigenen Stadttarif anbieten und ihren innerstädtischen Busverkehr für ihre Bürger noch attraktiver machen wollen. Wir finden das gut.“

Ziel: Autoverkehr reduzieren

Dadurch werde zum einen der Autoverkehr auf den meist stark befahrenen Straßen reduziert. Zum anderen entlasteten Tagestickets den Busfahrer beim Verkauf. Die Schlangen würden kürzer, und der Bus könne pünktlicher weiterfahren. „Künftige Stadttickets sollten nach demselben Muster wie Ludwigsburg gestaltet werden“, bekräftigt Stammler nach den Erfahrungen der vergangenen fünf Monate.

Im Landkreis Ludwigsburg besteht nach Kenntnissen des VVS neben Bietigheim-Bissingen unter anderem in Besigheim, Kornwestheim und Remseck Interesse an einem solchen Tarif. In Bietigheim-Bissingen, wo die SPD-Gemeinderatsfraktion im Jahr 2015 einen ersten Antrag für die Einführung eines solchen Tickets – erst einmal ohne Erfolg – gestellt hat, ist nun wieder der Gemeinderat am Zug, wie die Rathaussprecherin mitteilt. Der müsse nach den Workshops und der Aufbereitung aller Ideen durch die Experten entscheiden, was konkret unternommen werde. Dazu zähle eine Entscheidung über „ein wie auch immer geartetes Stadtticket“. Außer Ludwigsburg gebe es in Reutlingen das 365 Euro-Jahresticket. Diese Modellprojekte seien zeitlich begrenzt und stünden seitens der Stadt unter Beobachtung. „Wir führen mit dem VVS Gespräche, was solche Modelle in Bietigheim-Bissingen kosten würden“, heißt es im dortigen Rathaus.

Um eine Entscheidung treffen zu können, sei es ausschlaggebend, die Höhe der Zuschüsse aus dem Haushalt zu kennen. Das werde parallel zu den Beratungen des Verkehrsentwicklungsplans 2030 (VEP) vorbereitet, sagt die Rathaussprecherin.

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