Illustration Campus Uni Stuttgart-Vaihingen. Foto: Städtebau-Institut

Campus soll Stadtteil werden

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Aus dem Uni-Campus in Stuttgart-Vaihingen soll bis zum Jahr 2030 ein quirliger Stadtteil werden. Ein Masterplan gibt die Richtung vor.

Vom lateinischen Ursprung betrachtet ist der Campus nicht mehr als ein freies Feld ohne besonderen Nutzen. Das ist bis heute vor allem in den Abendstunden so geblieben: Das Vaihinger Gelände der Universität Stuttgart beispielsweise hat außerhalb der Vorlesungszeiten weitgehend keinen weiteren Nutzen. Tagsüber hasten Studierende und Dozenten über den Campus, und an warmen Sommertagen verlegt man die Gruppenarbeit gern mal auf die grüne Wiese oder gibt sich dem Müßiggang in der Sonne hin.

„Obwohl es dort Wohnheime gibt, gibt es kaum Leben“, hatte Britta Hüttenhain vom Städtebau-Institut der Universität Stuttgart bereits vor zwei Jahren während eines Symposiums über die Zukunft des Areals am Pfaffenwaldring festgestellt. Und erst jüngst wiederholte Unirektor Wolfram Ressel im Vaihinger Bezirksbeirat: „Nach 17 Uhr ist das Gebiet tot. Daran wollen wir etwas ändern. Wir müssen einen modernen und lebhaften Campus schaffen.“

Erste Ideen dazu hat nun im Auftrag des Universitätsbauamts Städtebauprofessor Franz Pesch in einem sogenannten Masterplan 2030 geliefert. Pesch betont, Leben in einen Campus zu bringen, sei nicht nur das Problem von Forschungseinrichtungen, sondern auch das großer Firmen wie beispielsweise der Siemens-Campus in Erlangen.

Nach seiner Überzeugung werben nicht nur Forschungspersonal und technische Ausstattung für den Standort einer Universität oder eines Unternehmens, sondern eben auch die Gestaltung und die Angebote des Campus. Wenn Pesch über mögliche Angebote für Studierende nachdenkt, hat er die berühmten Unis von Harvard und Cambridge vor Augen. „Was findet der Student dort vor und was wünscht er sich, in Stuttgart vorzufinden?“, lautet seine Überlegung.

Der 69-Jährige, der bis 2014 an der Universität Stuttgart lehrte und weiterhin Büros in Stuttgart und Dortmund betreibt, ist überzeugt, dass sich Studierende in „einem schönen urbanen Raum“ wohlfühlen. Ein Raum, in dem abends noch etwas los und nicht tote Hose ist, es Cafés und Kneipen gibt. Ein Fitnesscenter und eine Bank dürfen nicht fehlen. „Nicht alles muss vom Studierendenwerk organisiert werden“, sagt er. Der Campus soll ein normaler Stadtteil werden, in der Einzelhandel und gewerbliche Dienstleister ihren Platz finden. Die Mitte sieht er bei der S-Bahn-Station, die ein großes Pfund sei, die Pläne zu realisieren. Wer von der S-Bahn kommt, geht automatisch durch die Mitte.

Die Forschungseinrichtungen entlang des Pfaffenwaldrings und seiner Nebenstraßen sind auf Expansionskurs. Die Fraunhofer- und Max-Planck-Institute, die Hochschule der Medien, das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum, das Institut für Mikroelektronik sowie die Universität selbst wollen sich vergrößern und sind gerade dabei. Die Universität schätzt, dass der Platzbedarf insgesamt rasant zunehmen und fast sämtliches Grün zwischen den vorhandenen Gebäuden in Baugrundstücke umgewandelt wird, sollte der Boom anhalten und das Gebiet keinen ordnungsstiftenden Entwicklungsplan bekommen.

Die Autobahnpolizei hat bereits ihren Platz freigegeben, das Bildungszentrum der Deutschen Telekom wird folgen. „Das schafft Potenzial“, sagt Pesch. Doch insgesamt bleibt die Fläche zwischen der Autobahn, dem Pfaffenwald und dem Stadtteil Vaihingen auf ihre derzeitige Größe weitgehend beschränkt. Dass die Gestaltung des Campus nicht hinter den Expansionswünschen der Forschungseinrichtungen zurückfällt, ist nun eine Herausforderung für das Universitätsbauamt. „Der Campus stößt definitiv an seine Grenzen“, sagt Leiterin Sybille Müller.

Eines haben die Forschungseinrichtungen bereits klargestellt: Neben dem Campus in der Stuttgarter Innenstadt und dem am Pfaffenwaldring wollen sie keinen dritten. Das sogenannte Eiermann-Areal, die ehemalige IBM-Zentrale im Westen von Vaihingen, steht seit Jahren leer und somit nach einer Renovierung zur Verfügung. Doch ganz nach amerikanischem Vorbild sollen die Forschenden nicht nur in ihren Laboren zusammen arbeiten, sondern auch ihre Pausen oder sogar ihre Freizeit auf dem Campus, also an einem Ort, gemeinsam verbringen. Das fördert den Wissensaustauch und bringt neue Ideen, ist man spätestens nach Berichten über das abwechslungsreiche Leben auf dem Campus der Firmen Google und Facebook überzeugt. Dem beugt sich auch das Universitätsbauamt. „Ein dritter Standort ist nicht machbar“, stellt Müller fest.

Die Bürger hingegen betrachten die Verdichtungspläne an einem Standort mit Sorge. Schon jetzt zieht der Campus eine Menge Verkehr an. Nun fordern sie zum Masterplan ein ergänzendes Verkehrskonzept.