Bundeswehr: Wird Freiheit auch am Niger verteidigt?

ZVW Uwe Roth 03.092016

Ein FDP-Mann und Militärpfarrer berichtet von seinen Erfahrungen im afrikanischen Mali

Weinstadt. Ein Land, in dem nichts wirklich funktioniert, soll fit für die Islamistenabwehr gemacht werden. In Beutelsbach erläuterte Pascal Kober am Donnerstag, warum die Bundeswehr im afrikanischen Mali, wo er im Einsatz war, deutsche Interessen verteidigt. Kober ist stellvertretender FDP-Landesvorsitzender und Militärpfarrer.

Der 45-jährige Pascal Kober aus Stetten am kalten Markt entspricht nicht unbedingt dem Bild eines evangelischen Pfarrers. Ihn sich in schwarzer Amtstracht vorzustellen, fällt etwas schwer. Pascal Kober ist tatsächlich mehr der Typ FDP-Politiker á la Christian Lindner – und mit dem Landtagsabgeordneten Jochen Haußmann besteht ebenfalls Ähnlichkeit: hagere Gestalt und scheinbar gut trainiert.

Hans-Jörg Polzer, Vorsitzender der FDP Weinstadt, begrüßt Kober in der sehr gut besuchten Vereinsgaststätte des SV in Beutelsbach als „typischen Liberalen“. Und als solcher macht der Referent des Abends mehr den Eindruck, dass er bei nächster Gelegenheit in den Bundestag zurückstrebt als in eine Kirchengemeinde. Der Theologe hatte 2013 mit dem Scheitern der FDP an der Fünf-Prozent-Hürde sein Bundestagsmandat verloren und war daraufhin Militärseelsorger geworden, freigestellt von seiner eigentlichen Arbeitgeberin, der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Als Seelsorger hat Kober bald 20 Auslandseinsätze hinter sich gebracht. Den bisher größten absolvierte er in diesem Jahr in Mali, mitten in Westafrika und dreieinhalbmal so groß wie Deutschland. Mitten durch die ehemalige französische Kolonie führt 1700 Kilometer lang der Fluss Niger. Das hat die Veranstalter dazu gebracht, den Abend unter die Überschrift „Deutsche Freiheit wird auch am Niger verteidigt“ zu stellen. Der Referent lässt durchaus die Möglichkeit zu, ein Fragezeichen dahinter zu setzen.

Kober berichtet von einem bitterarmen Land mit hoher Kindersterblichkeit und Arbeitslosigkeit vor allem unter jungen Menschen – trotz ihrer zum Teil guten Ausbildung auch an Universitäten. Er berichtet von einem widersprüchlichen Land, in dem Tradition und Moderne nah beieinander sind. Die Bevölkerung ist überwiegend muslimisch. „Aber es ist ein anderer Islam, der sehr weltoffen und gegenüber anderen Religionen tolerant ist.“ Gleichzeitig herrsche noch tiefster Aberglaube. Frauenrechte werden von Männern nach westlichen Vorstellungen mit Füßen getreten. Ein Mann kann sich bis zu drei Frauen nehmen, wenn er sich das leisten kann. Genitalverstümmelungen gehören zur Tradition, die sich trotz aller Aufklärungsarbeit kaum aufweichen lässt, wie er beobachtet hat.

Eine völlig korrupte Oberschicht sei das größte Problem, sagt Kober. Es gebe keine Industrie und nur eine kärgliche Landwirtschaft. Gleichzeitig sei die Bevölkerung gegenüber modernen Medien aufgeschlossen, die Smartphonedichte beispielsweise sei höher als in Deutschland. Ein TV-Gerät zu haben, sei ein Muss. Internet und Fernsehen machten den jungen Leuten den Mund wässrig auf ein Leben in der EU, deutet er an.

Dann berichtet Kober vom eigentlichen Konflikt, der die Bundeswehr in einer internationalen UN-Mission in einen Staat gebracht hat, der scheinbar wenig mit Deutschland zu tun hat. Es begann mit einer landesinternen Nord-Süd-Auseinandersetzung: Das Volk der Tuareg im Norden fühlte sich von der Regierung im Süden massiv benachteiligt. Um dagegen vorzugehen, verbündete sich der Nomadenstamm im Jahr 2012 mit Al-Qaida, also mit islamistischen Gruppen. Der Konflikt lief völlig aus dem Ruder, zumal Tuareg und die Islamisten unterschiedliche Ziele haben. Die Tuaregs erheben territoriale Ansprüche, die Islamisten wollen die Verbreitung der Scharia.

Die Aufgaben der Soldaten seien, Sicherheit zu demonstrieren und vor allem das heimische Militär und Polizeikräfte zu schulen. Ohne erhöhte Schlagkraft, so die Annahme, sei das zerrissene und hilflose Land bald vollständig in der Hand der IS. Von Mali aus würde der IS in die Nachbarländer vordringen und so den gesamten Sahel destabilisieren. Das wiederum wäre eine Bedrohung auch für Europa. Ob die UN-Strategie aufgeht, militärische Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, weiß der Seelsorger nicht zu sagen, zumal er eine immer stärker werdende IS beobachtet. Als Seelsorger hat er auf die Strategie wenig Einfluss. Er hält im Camp Gottesdienste, Kontakte zu örtlichen Geistlichen und kümmert sich um die Sorgen der Soldaten. Die lange Abwesenheit von zu Hause schaffe viele Probleme und bringe manche Ehe in die Krise.

Kober sieht Schwachpunkte in der Mission, stellt sie aber nicht infrage. „Was sind die Alternativen?“, fragt er. Seine Motivation als Christ und Theologe sieht er darin, „Gewalt zuzulassen, um Gewalt zu begrenzen“.

Daten & Fakten zum Mali-Einsatz

In der Vergangenheit ist es immer wieder zu terroristischen Anschlägen in Mali gekommen, bei denen auch Ausländer betroffen waren; zuletzt am 21. März 2016 auf das Hauptquartier der EU-Trainingsmission, zuvor am 20. November 2015 auf das Hotel Radisson Blu.

Am 28. Januar 2016 hat der Bundestag auf Antrag der Bundesregierung eine deutliche Verstärkung des deutschen Engagements beschlossen.

Zusätzlich zu den bisherigen Kräften entsendet die Bundeswehr eine verstärkte gemischte Aufklärungskompanie, die mit unbemannten Drohnen und Spähpanzern des Typs Fennek ausgerüstet ist. Hinzu kommen vor allem Objektschützer, Versorger und Fernmelder. Entsprechend stieg die Mandatsobergrenze von bisher 150 auf bis zu 650 deutsche Soldaten.

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