Bahn lässt Behinderte im Stich

ZVW, Uwe Roth 11.06.2015

Dieser Artikel wurde in zwei Versionen veröffentlicht. Zuerst die in normaler Zeitungssprache. Im Anschluss folgt die Version in Einfacher Sprache. Mehr zu meinen Texten in Einfacher Sprache gibt es hier.

Kernen/Stuttgart-Bad-Cannstatt. Stolperfallen beim Einstieg, fehlende Rampen und kaputte Aufzüge: Menschen mit einer Behinderung betrachten sich als vernachlässigte Bahnkunden. Die Initiative Barrierefreier Rems-Murr-Kreis hat am Dienstag Betroffene berichten lassen.

Ulrike (Name geändert) ist Rollstuhlfahrerin und wohnt in der Diakonie Stetten. An einem Sonntag hat sie die Idee, alleine einen kleinen Ausflug zu machen. Sie will in ein Café in Waiblingen. Eine Distanz von zehn Kilometern. Vier Stunden später ist die Rollstuhlfahrerin wieder daheim – völlig entnervt und ohne auch nur einen Schluck Kaffee getrunken zu haben. Was so spontan geplant war, ist zu einer unfreiwilligen Odyssee geworden.

Mit ihrer Gebehinderung war sie Gefangene verschiedener Bahnhöfe. Aufzüge waren lahmgelegt, oder im Zug fehlte die Rampe, oder sie war ebenfalls defekt. Hing die Frau mit ihrem Rolli auf einem Bahnsteig fest, musste sie auf den nächsten Zug warten. Eine Station weiter konnte sie dann ihr Glück probieren, von dort in der Gegenrichtung ihrem Ziel wieder ein Stück näher kommen. Am Ende jedoch kapitulierte sie und wollte nach langem Hin- und Herfahren nur noch eines – nach Hause.

Initiativkreis protestiert seit 2013 für Barrierefreiheit

Die behinderte Frau berichtet ihr Abenteuer am Dienstag in einem Pressegespräch. Dazu eingeladen haben Ebbe Kögel und Hermann Kolbe vom Initiativkreis Barrierefreier Rems-Murr-Kreis. Seit mehreren Jahren streiten das Kernener Gemeinderatsmitglied und der Diakonie-Mitarbeiter abwechselnd mit der Bahn, der Region Stuttgart und dem Verkehrsministerium für die Barrierefreiheit von Stationen, an denen die S-Bahnen der Linien 2 und 3 haltmachen. Besonders lückenhaft sind die Einstiege in Rommelshausen und Stetten-Beinstein. Es sind wahre Stolperfallen, nicht nur für behinderte Menschen, wie die gezeigten Fotos nachvollziehbar demonstrieren. Für Menschen im Rollstuhl oder mit einer Gehhilfe bleiben die Hürden ohne fremde Hilfe unüberwindbar.

Seit 2013 haben die Mitglieder des Initiaitv-kreises fünfmal öffentlich auf die Missstände aufmerksam gemacht. Jetzt haben Kögel und Kolbe erneut zu einem Pressegespräch mit Betroffenen eingeladen, um bei den Verantwortlichen Druck aufzubauen. Die Betroffenen in der Runde können nicht mal so g’schwind eine Treppe hochsteigen oder problemlos mit einem extra großen Schritt eine Spalte zwischen Bahnsteig und Zugeinstieg überwinden. Das Treffen ist im Wohnheim der Diakonie Stetten in Cannstatt. So bleibt einigen, die ihre Erlebnisse schildern möchten, die aufwendige Fahrt nach Waiblingen erspart. Alle berichten von ähnlichen Vorfällen entlang der Strecken nach Schorndorf oder Backnang, wie sie Ulrike erlebt hat. Dass die Zustände unhaltbar sind, daran besteht wenig Zweifel.

Manche berichten von Unfällen mit Verletzungen beim Ein- oder Aussteigen. Arztbesuche oder sogar Operationen seien notwendig gewesen. Manche in der Runde sagen, sie würden S-Bahnen oder auch Regionalzüge mittlerweile komplett meiden. Simon Maier vom Kreisjugendring, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, fasst die Situation so zusammen: Es sei einfacher, mit einem ICE von Stuttgart nach Hamburg zu fahren, als mit der Bahn von Stuttgart nach Backnang oder Schorndorf.

Rosemary Collier-Joos, Leiterin Mobilitätstraining bei den Remstal-Werkstätten, weiß aus ihrer beruflichen Erfahrung, welchen Aufwand Behinderte betreiben müssen, um selbstständig von A nach B zu kommen. Die Diakonie-Mitarbeiterin berichte, dass im Rems-Murr-Kreis etwa 800 Familien mit Angehörigen leben, die beim Reisen Unterstützung benötigen. Bei größeren Unternehmungen seien Vorplanungen von bis zu sechs Wochen notwendig.

Von einem Vorstand der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) hat der Initiativkreis erfahren, dass man in Zukunft mit bis zu 30 Prozent Fahrgästen rechnet, die eingeschränkt mobil sind. Mit solchen Prognosen müsste auch die Deutsche Bahn rechnen. Doch insgesamt entwickelt sich die Barrierefreiheit im öffentlichen Personennahverkehr ÖPNV nur sehr langsam, stellen Kögel und Kolbe fest – trotz aller öffentlichen Proteste und Hinweise auf Barrierefreiheit als ein Menschenrecht. „Muss erst noch ein tödlicher Unfall passieren, bevor die Verantwortlichen aufwachen?“, fragt Kögel.

Es gibt wenig Interesse an einer Verbandsklage

Bleibt dem Initiativkreis noch der Klageweg. Doch der kostet Zeit und vor allem viel Weg. Kögel und Kolbe suchten die Unterstützung von sozialen und kirchlichen Organisationen für eine Verbandsklage. Doch bislang vergeblich. Der Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe habe ebenso abgesagt wie auch die Diakonischen Werke Deutschland und Württemberg. Eine Stellungnahme des VdK steht noch aus. Hermann Kolbe hat allerdings nicht vor, mit seinen Mitstreitern klein beizugeben. „Ich bin Optimist“, versichert er. Bei ihm gelte das Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein. Vor den Sommerferien plant der Aktionskreis, eine Petition mit möglichst allen Interessensvertretern von Gehbehinderten an den Arbeitskreis der Interkommunalen Gartenschau zu richten, damit auch von dort Druck auf die Deutsche Bahn ausgeübt wird.

Barrierefreiheit

Nach einer EU-Verordnung zählen zur Barrierefreiheit Bahnsteighöhen von mindestens 55 Zentimetern, mindestens ein stufenfreier Zugang zu allen Bahnsteigen, Leitsysteme für Blinde und Sehbehinderte sowie dynamische akustische und visuelle Reiseinformationen.

Eine Übersicht zur Barrierefreiheit auf Bahnhöfen gibt es unter nullbarriere.de/bahnhof.htm. Deutschland hat sich zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet. Darin heißt es: Die Staaten haben dafür zu sorgen, dass „Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Zugang zu Transportmitteln“ haben.

Version in Einfacher Sprache

Kernen (uro). Behinderte Menschen wollen allein mit dem Zug oder mit dem Bus fahren. Das ist oft schwierig. Besonders an der S-Bahn-Station in Rommelshausen und Stetten-Beinstein. Die Stufen dort sind zu hoch. Rollstuhl-Fahrer und Menschen mit einer Geh-Hilfe können nicht gut einsteigen. Oder die Rampe ist kaputt.

Das ärgert die Behinderten. Sie wollen, dass Bahnhöfe besser gebaut werden. Das soll die Deutsche Bahn machen. Ihr gehören die Züge und die Bahnhöfe.

Aber es passiert viel zu wenig, sagen die Behinderten. Viele kennen Ebbe Kögel und Hermann Kolbe. Die beiden Männer haben eine Gruppe gegründet.

Die Gruppe heißt „Barriere-freier Rems-Murr-Kreis“. Diese Gruppe will Menschen ohne Behinderung zeigen, wo es für Geh-Behinderte Probleme beim Reisen gibt.

Ebbe Kögel und Hermann Kolbe haben Journalisten und Betroffene nach Cannstatt in das Wohnheim der Diakonie Stetten eingeladen. Das kann man oben auf dem Foto sehen.

Dort haben Behinderte gesagt, was sie an Bahnhöfen und in Zügen schon Böses erlebt haben. Manche haben sogar einen Unfall gehabt. Sie mussten zu einem Arzt gehen. Die Journalisten haben das aufgeschrieben.

Eine Rollstuhl-Fahrerin erzählt von einem Ausflug. Den wollte sie alleine machen. An vielen Bahnhöfen waren aber die Aufzüge kaputt. Sie musste immer wieder in einen Zug, um zur nächsten S-Bahn-Station zu fahren. Dort gab es aber auch wieder Probleme.

Nach vier Stunden in Zügen und Bahnhöfen hat die Frau keine Lust mehr auf einen Ausflug gehabt. Sie ist wieder heim nach Stetten gefahren. Sie war sehr enttäuscht.

Die Gruppe von Ebbe Kögel und Hermann Kolbe will, dass die Deutsche Bahn vor ein Gericht kommt. Das nennt man eine Klage. Richter sollen der Bahn sagen, dass Züge und Bahnhöfe barriere-frei werden müssen.

Doch eine Klage kostet Geld. Das hat die Gruppe nicht. Alles geht sehr langsam. Doch die Leute in der Gruppe sagen: Wir glauben daran, dass  mit der Zeit alles besser wird. Auch Behinderte werden irgendwann allein unterwegs sein können.

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