Print Friendly, PDF & Email

Demo Ausgabe 1/2 2016 Uwe Roth

Viele Kommunen räumen dem Verkehrsmittel Fahrrad mehr Raum ein – mit unterschiedlichem Erfolg.

Die Radverkehrspolitik vieler Kommunen stößt an ihre Grenzen. Einiges hat sich im Straßenbild zwar positiv verändert, um Bürger zum Umstieg aufs Zweirad zu bewegen. Das Rad ist zweifellos umweltfreundlich. Doch überzeugte Autonutzer in den kommunalen Gremien sind nicht bereit, sich in ihrer bevorzugten Form der  Mobilität einschränken zu lassen. Und die Autolobby wehrt sich.

Übers Fahrrad an sich lässt sich als Teil kommunaler Verkehrskonzepte kaum Schlechtes sagen: Es braucht wenig Platz, fährt geräuschlos, Stickoxid- und CO2-frei. Außerdem fördert der Radler seine Gesundheit. Dennoch steht in konservativen Kreisen diese Art Verkehrsteilnehmer seit dem Bau des ersten Radwegs als Synonym eines ökologischen Eiferers. Dieser Ruf haftet ihm vor allem an, wenn er sein Vehikel nicht nur gelegentlich für Freizeit und Sport nutzt, sondern täglich für lange Wege zwischen Wohnung und Arbeit. Dabei möchte er auf dem kürzesten Weg von A nach B kommen – wie ein Autofahrer eben auch. Die direkten Wege waren bislang aber dem motorisierten Verkehr vorbehalten.

Nun soll dieser sich den beschränkten Platz teilen. Radlerkolonnen sind vielen Autofahrern ein Greul. Denn Fahrräder bedrohen ihr Gewohnheitsrecht, die Nummer eins auf dem Asphalt zu sein. Der allgemeine Trend in den Städten, dass sich Radfahrer die Verkehrsfläche nicht länger mit Fußgängern teilen sollen, sondern bevorzugt mit Autofahrern, also Straße statt Radweg, wird von der Autolobby kritisch beäugt, sagt beispielsweise der Fahrradbeauftragte der Stadt Stuttgart, Claus Köhnlein.

In der baden-württembergischen Landeshauptstadt wurde auf einigen wichtigen Straßen der Radverkehr integriert mit der Folge, während der Hauptverkehrszeiten kommt es zu zusätzlichen Staus, und Autofahrer weichen auf Schleichwege durch Wohngebiete aus. Deren Bewohner sind genervt. Die wesentliche Ursache ist: Mehr Radler sind unterwegs, aber der Pkw-Verkehr geht nicht entsprechend zurück.

Noch seien die Mehrheiten im Gemeinderat der Stadt sicher, um am ehrgeizigen Konzept festzuhalten, in der Innenstadt das Rad schrittweise dem Autogleichzustellen, versichert Köhnlein. Aber mit kühnen Projektvorschlägen sei er vorsichtig geworden. „Man befindet sich unter Beobachtung“, fasst er die  Situation zusammen. Und das in einer Stadt mit den höchsten Feinstaubkonzentrationen. Seit Jahresbeginn sieht die Verwaltung bei Überschreiten der Grenzwerte Fahrverbote vor. Die aber soll der Autofahrer freiwillig beherzigen.

Geradezu paradiesische Radlerverhältnisse herrschen dagegen im 75 Kilometer entfernten Karlsruhe. Die Topologie der Stadt lädt geradezu zum Zweirad ein. Außerdem unternimmt die von Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) geleitete Verwaltung seit zehn Jahren alles, um den Anteil der Radler im Straßenverkehr nach oben zu schrauben. Aktuell liegt er bei knapp 30 Prozent. Die Erbprinzenstraße gehört zu den Hotspots. 2015 wurden dort rund 1,8 Millionen Radfahrer gezählt, 5000 täglich. Aber auch in Karlsruhe bleibt die Bilanz nicht ungetrübt. „Wir werden von unserem eigenen Erfolg überrollt“, sagt eine Sprecherin der Stadt. Die Wege der Radler seien überlastet, die Unfälle häuften sich, und die wild geparkten Räder seien ein wachsendes Ärgernis.

Schnellradwege im Kommen

Seit zehn Jahren tagt regelmäßig ein Radlerforum, das über Lösungen nachdenkt, den Radverkehr weiterzuentwickeln, ohne die Konflikte eskalieren zu lassen. Auch Schnellradwege sind ein Thema. In Baden-Württemberg steht man noch am Anfang, Radfahrer in die Fernstraßenplanung mit einzubeziehen. Die Niederländer haben es vorgemacht, mittlerweile wird vor allem in Berlin und in Nordrhein-Westfalen über solche Schnelltrassen diskutiert. Der Radschnellweg Ruhr von Duisburg über Bochum bis Hamm soll insgesamt 102 Kilometer lang und bis zum Jahr 2020 fertig werden. Ob bis dahin das Fahrrad als „normales“ Verkehrsmittel allgemein akzeptiert ist, bleibt abzuwarten. Im derzeitigen Wahlkampf in Baden-Württemberg nutzt die CDU das Fahrrad als ideologisches Vehikel. Das Geld, das die grün-rote Landesregierung den Kommunen zum Ausbau ihrer Radnetzes gibt, sei für den Bau  neuer Umgehungsstraßen besser investiert, ätzt CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf, ganz auf Linie mit der polnischen Regierung, die in Deutschland eine „Welt aus Radfahrern und Vegetariern“ sieht.