Ab in den Urlaub, rein in den Stau

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Sonntag Aktuell Uwe Roth 07.06.2009

Immer mehr Deutsche machen Urlaub im Land. Sagen zumindest Prognosen. Was die Touristikbranche freut, ist für Anwohner entlang der Anfahrtswege eine Horrorvorstellung. Denn auch das prophezeit die Freizeitforschung: die Wiederentdeckung des Autos als Reisemobil.

Heimatfilme waren in der Wirtschaftswunderzeit die beste Tourismusförderung für den Bodensee und den Schwarzwald. Bestens gelaunte Urlauber wanderten auf Uferstraßen oder hoch zum Schauinsland. Hin und wieder überholte die Wandergruppe ein fröhlich hupender Autofahrer in einem Tempo, kaum schneller als eine Pferdekutsche. Ebenso fröhlich wurde zurückgewinkt, das Auto war damals eine nette Abwechslung – kein Stressfaktor, so wie heute.

Wozu ist die Straße da? Bestimmt nicht mehr zum Marschieren, wie in einem alten Schlager behauptet wird. Von Urlaubsfreuden kann keine Rede mehr sein, wenn in beliebten Touristikregionen eine Landstraße auch nur in der Nähe ist. Staus – nicht nur an An- und Abreisetagen, sondern auch an Wochenenden. Auf freien Strecken drehen Motorradfahrer ihre Maschinen hoch bis in die Lärmzone eines Düsenjets. Davon sind im Land nicht nur die klassischen Urlaubsgebiete betroffen, sondern auch Naherholungsziele, beispielsweise die Schwäbische Alb oder Hohenlohe. Hotellerie und Gastronomie machen gute Geschäfte mit den Gästen aus der Stadt. Anwohner kleiner Orte im Lautertal (Landkreis Reutlingen) oder Schwäbischen Wald (Rems-Murr-Kreis) haben wenig davon und wehren sich bis heute vergeblich gegen Motorradfahrer, die meistens nicht einzeln, sondern stattdessen im Konvoi ihre Maschinen lärmend durch die Kurven jagen.

„Gigantischer Wirtschaftsfaktor“

Die baden-württembergische Landesregierung hat den heimischen Tourismus zu einem „gigantischen Wirtschaftsfaktor“ erklärt. Dieser mache sich in der gegenwärtigen Wirtschaftskrise wohltuend bemerkbar, da die Lust auf Urlaub im Land bislang ungebrochen geblieben sei. 55 Millionen Übernachtungen zählte die Hotellerie 2008. Die Touristikbranche machte 4,5 Milliarden Euro Umsatz, von dem 280 000 Arbeitsplätze abhängen. Der für den Tourismus im Land zuständige Wirtschaftsminister Ernst Pfister (FDP) geht davon aus, dass das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist, und legt millionenschwere Touristikförderprogramme auf, um noch mehr Gäste ins Land zu locken.

Bestätigt fühlt sich die Landesregierung auch von der Freizeitforschung: Horst Opaschowski, Leiter der BAT Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg, hat zehn Thesen zum „Tourismus im wirtschaftlichen und sozialen Wandel“ zusammengestellt. In These sechs sagt er eine Abkehr von Auslandsreisen, dafür ein „Comeback des Inlandstourismus“ voraus und in der nächsten These eine „Mobilitätswende im Urlaub. Das Auto kommt wieder“. Es sei nun mal im Vergleich zu Flugreisen preiswert und familienfreundlich. In Zeiten knapper werdender Urlaubsbudgets rechne sich das Auto wieder; zudem sei es flexibel nutzbar und mache orts- und zeitunabhängig.

Den Wirtschaftsminister freut es, dies zu hören. Umweltministerin Tanja Gönner (CDU), die den Freizeitforscher kürzlich zur Fachtagung „Tourismus und Umwelt“ nach Stuttgart eingeladen hatte, macht dessen Prognose dagegen ratlos. Zwar ist ihr bewusst, dass Baden- Württemberg vom Klimawandel stärker betroffen ist, die Durchschnittstemperatur schneller steigt als in anderen Regionen, gegen den wachsenden Freizeitverkehr weiß die Umweltpolitikerin allerdings rechtlich wenig auszurichten.

EU schafft Umweltrecht

Sie setzt ihre Hoffnung weniger auf die Landesgesetzgebung als auf die Europäische Union. Aus Brüssel kommen die rechtliche Vorgaben für umweltfreundlichere Fahrzeugmotoren und neue Reifenprofile, die weniger Lärm machen. Auch gegen den Motorradkrach kann nach ihrer Überzeugung letztlich nur die EU etwas ausrichten, indem sie die Hersteller zwingt, leisere Motoren zu bauen.

Sie kann dem Ferienhausbesitzer vorschreiben, welche energetischen Normen seine Immobilie erfüllen muss, nicht aber die Umweltfreundlichkeit seiner Mobilität. „Der öffentliche Nahverkehr sollte in den Urlaubs- und Erholungsgebieten weiter verbessert werden“, sagte die Umweltministerin noch. Da gebe es bereits gute Beispiele, wie die Konus-Gästekarte im Schwarzwald, die Tourismus und Mobilität umweltgerecht verbinde. Während des gesamten Urlaubs ist es dort möglich, Busse und Bahnen kostenlos zu benutzen.

Außerdem gibt es Vergünstigungen für die An- und Abreise mit der Bahn. Dies sei eine „hervorragende Möglichkeit, wie Mobilität und Erholungsqualität in den Ferienregionen ohne Stress und Stau gefördert werden kann“. Die verkehrsberuhigenden Initiativen greifen jedoch nur innerhalb eines Urlaubsgebiets. Aber wie sieht es mit der An- und Abreise aus? Bereits heute ist der Anteil des Freizeitverkehrs (inklusive Urlaubsfahrten) am Gesamtfahrzeugaufkommen größer als der des Berufsverkehrs.

„Ökologische Revolution findet nicht statt“

Horst Opaschowski sieht bei den meisten Urlaubern zudem wenig Bereitschaft, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. In seiner zehnten These behauptet er: „Urlaub und Umwelt: Die ökologische Revolution findet nicht statt.“ Dem Klimawandel begegne der Autofahrer zuallererst mit der Klimaanlage und nicht mit Verzicht auf die Annehmlichkeiten eines komfortablen Fahrzeugs. Aber auch im Urlaubsort schätzt der Freizeitforscher „die ökologische Opferbereitschaft“ der Urlauber eher gering ein.

Der Aktivurlaub bleibe im Trend. Und dieser beinhalte den Wunsch nach Abwechslung. Der aktive Urlauber erwartet an einem Ort eine breite Palette an Freizeitangeboten. Diese müssen aus Sicht besonders junger Urlauber nicht sonderlich ökologisch sein. Hauptsache, sie bewegen den Körper und machen Spaß.

„Die Umweltsensibilität der Urlauber hat ihren Höhepunkt überschritten“, ist Opaschowski überzeugt. Daher halte man am Auto als bequemes Reisemittel fest. Für natürlich gewachsene Feriengebiete werde es in der Tat immer schwieriger, das Kunststück fertigzubringen, Touristenströme anzuziehen, die keine nachhaltigen Spuren hinterlassen.

Horst Opaschowski erforscht seit 30 Jahren das Urlaubsverhalten der Deutschen. 80 Prozent seiner Prognosen während dieser Zeit, bekundet er selbstbewusst, seien jedes Mal auch eingetroffen. Uwe Roth