750 Anrufe in 24 Stunden: Leitstellen an der Belastungsgrenze

Südwest Presse, Autor: UWE ROTH, 17.06.2016

STUTTGART: Die anhaltende Unwetterlage bringt Rettungsleitstellen an die Grenze ihrer Kapazität. Wegen der Flut an Anrufen drohen in der Region Engpässe.

Wenn der Horizont schwarz wird, hat Werner Baller längst seine Reserven zusammengetrommelt. Baller leitet die Integrierte Leitstelle im Rems-Murr-Kreis. Sie ist beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Waiblingen untergebracht. Die Unwetternachrichten der Wetterdienste prägen derzeit einen Dienstplan, der übers Jahr keine Lücken kennt. Normalerweise nehmen drei Mitarbeiter die im Schnitt über 100 000 Notrufe jährlich an.
Kommt es dick vom Himmel, egal zu welcher Uhrzeit, werden kurzfristig bis zu neun Telefonplätze in der Leitstelle zusätzlich aktiviert und Fachpersonal alarmiert. Wenn die Sturzbäche zunehmen und erste Bäume kippen, kommen bei der Leitstelle zahllose Anrufe gleichzeitig zum gleichen Ereignis an. Die müssen möglichst schnell verarbeitet werden. Denn unter den weiteren Anrufern in der Warteschleife könnte jemand sein, der aus
einer ganz anderen Ecke des Kreises einen schweren Autounfall oder einen Brand melden will.
Die Spezialisten sitzen an sogenannten Ausnahmefrageplätze, wie DRK-Kreisgeschäftsführer Sven Knödler erläutert. Das deutet auf eine besondere Fragetechnik hin, die die Notrufmitarbeiter, sogenannte Disponenten, beherrschen müssen. Gezielt sollen die oft aufgeregten Anrufer mit aufeinander aufbauenden Fragen auf den
Kern ihres Anliegens gebracht werden.
Die Notrufnummer 112 gilt europaweit. Wer sie wählt, landet bei der nächstgelegenen Rettungsstelle. Eine davon gibt es in jedem Landkreis. Integriert heißen die Leitstellen, weil sie sowohl für den Rettungsdienst als auch die Feuerwehr zuständig sind. Die Disponenten müssen daher drei Jobs beherrschen: den des professionellen Fragestellers, den eines Rettungshelfers und den eines Feuerwehrmanns. Dazu müssen sie
bereit sein, in Schichten und auch an Wochenenden zu arbeiten.
Wie eine Anfrage in Stuttgart und den umgebenden Landkreisen ergeben hat, kann der Bedarf an Disponenten gerade mal so gedeckt werden. „Es gibt noch genug Leute, aber insgesamt ist überall die Lage angespannt“, sagt die im Landratsamt Ludwigsburg für die Leitstelle zuständige Ina Jansen. In dieser Leitstelle, die ebenfalls beim DRK angesiedelt ist, arbeiten tagsüber sechs und nachts zwei Disponenten. Im vergangenen Jahr mussten
sie 272 000 Gespräche verarbeiten, also im Schnitt rund 750 innerhalb von 24 Stunden.
Auch im Kreis Ludwigsburg erfordert die aktuelle Wetterlage erhöhte Aufmerksamkeit in der Rettungsleitstelle.
Doch im Gegensatz zum Rems-Murr-Kreis, wo das DRK sämtliche Einsätze in der Verantwortung hat, besteht in Ludwigsburg die Feuerwehr auf ihren Führungsanspruch bei Großeinsätzen. Dafür hat sie eigene Notfallarbeitsplätze eingerichtet.
Leitstellen haben eine komplizierte Kommunikationstechnik. Das haben die Schwierigkeiten zum Betriebsstart in Ludwigsburg über einen längeren Zeitraum gezeigt. Dass die Abläufe zwischen der Leitstelle und den Rettungskräften dauerhaft nicht immer optimal sind, hat manchmal auch mit Eifersüchteleien zwischen Rettungsorganisation und Feuerwehr zu tun, sagen Beobachter. Denn beim Betrieb einer Leitstelle geht es auch
um Geld, dass eine Rettungsorganisation verdienen kann.
Bei der Finanzierung des Personals sind die Landkreise gefordert. Angesichts der steigenden Zahl von Anrufern und drohender Lücken im Dienstplan hat der Ludwigsburger Kreistag jüngst beschlossen, den Personalstand um 40 Prozent aufzustocken. Ob das angesichts des Fachkräftemangels in diesem Bereich jedoch klappt, muss sich
erst zeigen. Denn auch andere Landkreise, wie der Böblinger, beabsichtigen, mehr Disponenten einzustellen.
Das DRK Böblingen kalkuliert mit 50 000 Euro pro Mitarbeiter und Jahr. Auch in diesem Landkreis hat die Zahl der Notrufe um 30 Prozent zugenommen.

Infokasten

Esslingen zieht Ende des Jahres nach

Stuttgart In der Landeshauptstadt ist die Integrierte Leitstelle (ILS) bei der Berufsfeuerwehr angesiedelt. Jährlich arbeitet das Personal der ILS rund 700 000 Telefonanrufe ab, darunter etwa 240 000 Notrufe. Im Jahr 2014 wurde die komplette Hardware des Einsatzleitsystems für rund 850 000 Euro erneuert.
Esslingen Die Leitstelle im Kreis Esslingen wird mit einer gemeinsamen Technik für Feuerwehr und Rettungsdienst erst Ende dieses Jahres in den Betrieb gehen. Die Kosten für die Technik teilen sich Kreis und Rotes Kreuz. Die Personalkosten trägt jeder Partner selbst. Die ILS wird von 2017 an von sechs Feuerwehrleuten und 15 DRK-Mitarbeitern betrieben. uro

 

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