Downhill-Strecke: Retter rücken regelmäßig aus

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SWP UWE ROTH |

Deutschlands erste kommunale Downhill-Strecke ist beliebt – allerdings nicht bei allen Anwohnern. Deren Ärger ist nun neu entfacht worden.

In der Hanglage von Stuttgart lässt es sich, obwohl man sich in der Großstadt befindet,  wunderbar im Grünen wohnen. Die waldreiche Topografie ist aber genauso ein wunderbarer Abenteuersportplatz für die Großstadtjugend. Steile Waldwege bieten sich an, mit dem Mountainbike in den Talkessel zu rasen. Weil sich die Freizeitbiker aber im Unterholz immer neue spektakuläre Pfade gesucht und sie damit Schäden an der Natur verursacht haben, hat die Stadtverwaltung vor einem Jahr aus der Not eine Tugend gemacht: Sie ließ für 175 000 Euro als erste Stadt in Deutschland eine offizielle Downhill-Strecke anlegen und nahm den Mitgliedern der AG Downhill Stuttgart das Versprechen ab, Abwege im Wald künftig zu vermeiden.

Die Anwohner im Stadtteil Degerloch waren vom erwarteten Ansturm der Mountainbiker trotzdem von Anfang an nicht begeistert. Um zum Start der insgesamt einen Kilometer langen Strecke zu kommen, müssen die Downhiller durch ihre Straßen. Die AG zeigt sich sehr bemüht, Aufregung und Lärm zu vermeiden und bittet die Streckennutzer auf ihrer Internetseite, mit der Stadtbahn anzureisen oder das Auto am Fernsehturm zu parken. In jedem Fall aber sollten die Downhill-Gäste das Wohngebiet Eiernest in Ruhe lassen: „Bitte verschont die Anwohner, die hier den meisten Stress mit der Strecke haben!!! Es führt nur zu Ärger, also bitte erspart uns das!!!“

Doch es hält sich nicht jeder an die Bitte. Oft sind die Wegränder vor der Startrampe des „Woodpecker-Trail“, wie die Steilstrecke getauft wurde, zugeparkt. Nun haben die Anwohner einen Grund zu einer weiteren Klage gefunden. Regelmäßig rase der Notarztwagen durchs Viertel, um einen Mountainbiker zu versorgen, den es aus der Kurve gehauen hat, berichtet eine Frau. Sie stellt fest: „Es ist eine Belastung für uns Anwohner.“ Udo Bangerter, Sprecher beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) bestätigt, dass es diese Rettungseinsätze gibt. „Bei schönem Wetter haben wir im Schnitt einen solchen Einsatz in der Woche“, gibt der Sprecher Auskunft, betont aber, dass das DRK diesbezüglich keine Statistik führe. Hätte es die Anfrage nicht gegeben, das DRK hätte keinen Anlass gesehen, mit dieser Zahl an die Öffentlichkeit zu gehen oder diese als besorgniserregend zu bezeichnen.

Deutlicher wird das Marienhospital, in dem die verletzten Mountainbiker landen. Der Sprecher der Klinik berichtet von Brüchen, Verstauchungen, Prellungen und Schlimmerem. Es habe sogar einen lebensgefährlichen Fall gegeben. Die meisten Verletzungen seien aber eher harmlos. Er spricht von mindestens zwei Fällen in der Woche. Viele Verletzte kämen ohne Hilfe eines Notarztes und Rettungswagens von der Downhill-Strecke in die Notfallpraxis. So begründet der Sprecher die Differenz zur Zahl des Roten Kreuzes.

Das Ende der Strecke liegt 120 Höhenmeter unter dem Start. Die Radfahrer kommen auf beachtliche Geschwindigkeiten, die in engen Kurven zum Problem werden können. Eine Steilkurve aus Holzbohlen ist mit einem Fangnetz abgesichert. Im Marienhospital stellt man sich die Frage, ob solche Netze an weiteren risikoreichen Stellen die Sicherheit nicht verbessern könnten.

Darauf muss Günther Kuhnigk eine Antwort geben. Er ist Leiter des Sportamts der Stadt Stuttgart, das für die Downhill-Strecke zuständig ist. Kuhnigk kannte die Zahlen nicht, wie er auf Anfrage mitteilt. Die Strecke sei in enger Kooperation mit Mitgliedern der Downhill AG und mit einer Fachfirma gestaltet worden. „Ich stehe in engem Kontakt mit der Community“, sagt der Sportamtsleiter. Mit der Fachfirma sei zudem vertraglich geregelt, dass die Strecke wöchentlich geprüft werde. Er ist überzeugt, für die Sicherheit werde alles getan. Der Parcours sei gut frequentiert, das relativiere die Zahl der Unfälle. Es sei „nicht erforderlich, mit Netzen nachzurüsten“, ist Kuhnigk überzeugt.

Unter den Mountainbikern haben die Zahlen helle Empörung ausgelöst. Sie sehen durch die Berichterstattung ihren Sport verunglimpft. Auf Facebook sind Sätze zu lesen wie „lächerlich… wie viele Einsätze wegen besoffenen Schlägereien jedes Wochenende… Go home!“. Ein 52-Jähriger schreibt: „Ein Beinbruch auf der Downhill-Strecke und besorgte Anwohner. Und schon schwebt der Geier des Abgesangs über der Strecke. Unglaublich. Klar, auf dem Weg zur Strecke ist Rücksicht geboten und das muss besser werden. Appell hier an alle Fahrer. Vor allem die jungen Wilden.“

Hatte die Stadt gehofft, mit der Legalisierung des Downhill-Fahrens auf einer offiziellen Strecke kehrt Ruhe ein, stellt sich das Sportamt nun auf weitere Diskussionen ein.

Sport Downhill ist eine besondere Variante des Radsports. Dabei gilt es – ähnlich wie im Skisport – eine spezielle, ausschließlich bergab führende Strecke in kürzester Zeit zu fahren.

Ausrüstung Um Downhill fahren zu können, benötigt man ein spezielles Rad. Denn die hohen Geschwindigkeiten und das grobe Gelände stellen besondere Anforderungen an die Technik.

Historie Die lange Entstehungsgeschichte der Downhill-Strecke zwischen Degerloch und Heslach ist online dokumentiert. Mehr über die Seite: www.downhill-stuttgart.deuro